Museum

Das Käthe-Kollwitz-Museum eröffnet am neuen Standort

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Ulrike Borowczyk
Eine Besucherin steht im Käthe-Kollwitz-Museum vor Werken der Künstlerin.

Eine Besucherin steht im Käthe-Kollwitz-Museum vor Werken der Künstlerin.

Foto: Paul Zinken / dpa

Im Theaterbau am Schloss Charlottenburg können die Bestände auf deutlich größerer Fläche präsentiert werden.

Wenn man vom Schloss Charlottenburg am Kavaliersflügel und der Orangerie vorbei geht Richtung Theaterbau, könnte man glatt meinen, Verpackungskünstler Christo hätte eine letzte Verhüllungsaktion aus dem Jenseits gestartet. Planen verdecken jeden Zentimeter des dreigeschossigen frühklassizistischen Theaterbaus. Eine Riesenbaustelle. Hinge nicht ein meterhohes Plakat mit großen Lettern am Gerüst, würde man kaum ahnen, dass das Käthe-Kollwitz-Museum hier seine Wiedereröffnung am neuen Standort feiert. Doch gleich der Eingangsbereich des Theaterbaus lässt keine Zweifel daran. Ein großzügiges Entrée mit Garderobe und Kassenbereich. Linkerhand liegen die Verwaltungsräume und ein Bereich der Vermittlung. Hier wird bald auch die Bibliothek ihren Platz finden. Rechts geht es zu den Werken.

Ganze 36 Jahre lang residierte das Haus in der Fasanenstraße. Um den Umzug gab es in der Vergangenheit viel Wirbel. Unter anderem hieß es, dass das Käthe-Kollwitz-Museum aus seinem angestammten Standort ausziehen müsse, um einem Exil-Museum Platz zu machen. Daher beugt Eberhard Diepgen, der Vorsitzende des Trägervereins des Käthe-Kollwitz-Museums und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, gleich möglichen Missverständnissen vor. Er betont, dass der Hauptgrund für den neuen Standort die geeigneteren Räumlichkeiten sind.

Am alten Ort musste permanent improvisiert werden

In der Fasanenstraße verhinderte es der Denkmalschutz, das Museum nach heutigen Standards klimatechnisch und barrierefrei umzubauen. Dazu kamen der Raummangel und die dadurch bedingte ständige Improvisation. Direktorin Josephine Gabler ist deshalb 2018 mit einem Ja zum Standortwechsel angetreten. Jetzt hat sich die Fläche des Museums vergrößert. Vorbei die Zeit, als es wegen eines fehlenden Aufzugs für alle durch ein enges Treppenhaus zur Ausstellung ging.

Das Käthe-Kollwitz-Museum ist nun behindertengerecht. Der Mietvertrag im Theaterbau hat eine Laufzeit von 20 Jahren mit einer Option auf Verlängerung. Außerdem wird der Museumsstandort im Westen der Stadt verstärkt. Neben dem Schloss Charlottenburg finden sich hier in unmittelbarer Nachbarschaft das Bröhan-Museum, das Museum Berggruen und die Sammlung Scharf-Gerstenberg.

2024 wird die Ausstellung in die erste Etage ziehen

Noch ist alles aber angesichts der Baustelle etwas kompliziert, wie Christoph Pels Leudsen, der stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins, erläutert. Nicht nur die Hülle des Theaterbaus wird saniert, auch das Gebäude selbst. Aus diesem Grund sind die Ausstellungsräume im Erdgeschoss nur eine Interimslösung. 2024 wird die Schau nach einer kurzen Schließzeit von rund vier Wochen in die erste Etage ziehen. Dort sind die Räume höher. Dann wird die Dauerausstellung noch umfangreicher, weil sich die Fläche nahezu verdoppelt. Eine Chance für Sonderausstellungen. Zunächst aber werden die Ausstellungen aus eigenen Beständen präsentiert. Später ist ein Wechsel mit Leihgaben aus befreundeten Sammlungen und von privaten Leihgebern geplant.

Erst einmal kann man die Dauerausstellung genießen. Am Eröffnungswochenende sogar bei freiem Eintritt. Aus gegebenem Anlass hat Josephine Gabler die Sammlungspräsentation neu konzipiert. Nun trägt die Schau ein selbstkritisches Zitat als Titel, das Käthe Kollwitz 1922 in ihr Tagebuch schrieb: „Aber Kunst ist es doch“. Gezeigt werden fast 100 Werke auf 300 Quadratmetern. Ein Drittel mehr Arbeiten als in der Fasanenstraße. Dafür wurde mit Stellwänden eine neue Raumstruktur für Hängeflächen geschaffen.

Nacktheit verstärkt Trauer und Schmerz

Eingangs gibt es eine erste Einführung mit einem bebilderten Lebenslauf von Käthe Kollwitz und frühen Werken. Darunter der berühmte Zyklus „Ein Weberaufstand“. Danach geht es im Uhrzeigersinn durch die thematisch geordneten Räume. Darunter, wie bei der Künstlerin erwartbar, die Kapitel „Tod“ und „Bilder vom Elend“. Aber auch „Aktdarstellungen“. Wobei man von Käthe Kollwitz naturgemäß keinen klassischen Akt erwarten darf. Wie die Kreidezeichnung „Schwangere, stehend, mit über der Brust verschränkten Armen“ von 1912 zeigt. Oder das Blatt „Frau mit totem Kind“ von 1903. Hier verstärkt die Nacktheit Trauer und Schmerz.

Das moderne Licht setzt Kollwitz‘ schwarzweiße Arbeitsweise bestens in Szene. Anfangs wirkt es fast etwas dämmerig. Denn es darf nur mit geringen Luxwerten gearbeitet werden, damit die Originale auf dem empfindlichen Papier keine irreparablen Schäden nehmen. Dadurch wird eine intime, eindringliche Stimmung erzeugt, die manches Motiv noch beklemmender wirken lässt. In ihren Arbeiten hat die Grafikerin, Malerin und Bildhauerin schließlich immer wieder Krieg und Schmerz eingefangen, sich mit sozialen Missständen auseinandergesetzt und Kranken, Hunger und Tod ein Gesicht gegeben. Das Kapitel „1920er-Jahre“ zeigt aber auch eine andere Seite der Künstlerin rund um das Thema „Mutter und Kind“, dem sie sich zeitlebens widmete. Mit Werken, die glückliche, harmonische Momente des familiären Beisammenseins einfangen.

Eine gelungene, facettenreiche Schau, die Käthe Kollwitz‘ gesamtes Œuvre feinsinnig würdigt und neugierig macht auf zukünftige Ausstellungen am neuen Standort.

Käthe-Kollwitz-Museum, Spandauer Damm 10, Charlottenburg, Tel. 882 51 10, tägl. 11 – 18 Uhr, Info unter www.kaethe-kollwitz.berlin