Der Engländer Daniel Harding ist ein Dirigent, den man schnell vergisst. Und manchmal vergisst man ihn sogar, wenn er eigentlich gerade die Berliner Philharmoniker leitet – wie an diesem Donnerstagabend. Doch woran liegt das? Einerseits wohl an Hardings unauffälliger Orchestermusiker-Ausstrahlung. Anderseits aber auch an seiner Fähigkeit, hinter einem Werk zu verschwinden. Man könnte sagen: Harding dient der Musik und dem Komponisten. Und er vermeidet währenddessen alles, was die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihn selbst lenken könnte. Besonders beeindruckend gelingt ihm das, wenn Solisten hinzutreten. So kann es kommen, dass man sehr gern zurückdenkt an jenes beglückende Beethoven-Violinkonzert anno 2019 mit Frank Peter Zimmermann und den Philharmonikern – sich aber beim besten Willen nicht mehr erinnert, dass Harding dabei gewesen ist.

Milde Sturmböen und süße Glockenspielklänge

Ähnliches nun beim Orchesterlieder-Zyklus „On Wenlock Edge“ seines Landsmanns Vaughan Williams: Auch hier übt sich Harding in der Kunst des Verschwindens. Die Philharmoniker wiederum zeigen sich von ihrer feinsinnigen, einfühlsamen Seite. Inspiriert durch den leichtgewichtigen, sanften Tenor des Engländers Andrew Staples. Es ist eine Musik, die im Bann von Ravel und dem französischen Impressionismus steht. Und an vielen Stellen auch englische Folklore einfließen lässt und archaische Kirchenmusik-Harmonik der Tudor-Zeit.

Bemerkenswert, wie lautmalerisch Vaughan Williams die pastoralen Texte von Alfred Edward Hausman ausdeutet: Wenn von winterlichem Sturmwind die Rede ist, hört man ihn tatsächlich auch im Orchester – allerdings in etwas milderer Form. Und wenn es um hellklingende Glocken im Sommer geht, schickt Vaughan Williams süße Glockenspielklänge voraus. Ein Genuss, wie kultiviert und beseelt die Philharmoniker und Staples diesen Lieder-Zyklus musizieren. Passend zum 150. Geburtstag von Vaughan Williams, passend aber auch zu den beiden anderen Tonmalereien des Abends.

Der Abend bietet auch Schockeffekte

Wobei man bei Unsuk Chins „Rocaná“ von 2008 wohl niemals von allein darauf kommen würde, dass die Koreanerin hier das Verhalten von Lichtstrahlen musikalisch darstellen möchte. Der Beginn klingt jedenfalls eher nach virtuos gemachter Horrorfilm-Musik. Giftiges Insektenkrabbeln, drastische Schockeffekte, psychoakustische Spielereien. Chin besitzt zwar ein ausgeprägtes Gespür für Klangdramaturgie und Farbeffekte. Trotzdem beschleicht einen schon bald das Gefühl, dass „Rocaná“ etwas zu lang geraten ist.

Komponist Richard Strauss (1864-1949). Foto, um 1905 (digital koloriert).
Komponist Richard Strauss (1864-1949). Foto, um 1905 (digital koloriert).© picture alliance | akg-images

Und Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“? Harding fährt hier eine Entrümplungsstrategie, die dem Werk über weite Strecken guttut. Bereits der berühmte Beginn ist davon betroffen: Sauber und relativ nüchtern geht dieser viel zitierte Sonnenaufgang diesmal vonstatten. Es ist eine Einleitung, die noch viel Raum und Reserve für den Rest lässt. Und Harding bleibt kopfbetont. Er setzt auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit, meidet musikalisches Dickicht und Gestrüpp. Aber irgendwann vermisst man es dann doch, das Geheimnisvolle dieser Musik.