Die Eröffnung ist schlicht überwältigend! Was schon eine Überraschung ist, weil es eigentlich nur einer jener Livestreams ist, mit dem – in diesem Fall – das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) den Lockdown zu überwinden versucht.
Es gibt also keine Besucher in der Philharmonie, aber die musikalische und visuelle Inszenierung der Tallis-Fantasie von Ralph Vaughan Williams ist raumfüllend und -greifend. Die Musiker sind im Dunkel des leeren Saals verteilt wie unscheinbare Teile eines großen Ganzen, und Chefdirigent Robin Ticciati zelebriert eine Stimmung herbei, die die Philharmonie in eine Kathedrale verwandelt. Das funktioniert tatsächlich auf dem Fernsehbildschirm. Dass der Dirigent eine Maske trägt, passt zur Pandemie und unterstreicht das Mystische des Programms.

Es ist very British, sogar das spröde Erinnerungsstück „Cortege“ von Sir Harrison Birtwistle findet einen guten Platz. Aber das Exquisite an dem DSO-Konzert ist das Schlagzeuger-Treffen.
Beide Dirigenten starteten ihre Karriere als Schlagzeuger
Zu Henry Purcells Marsch aus seiner Trauermusik für Queen Mary schreiten die Trommler in den Saal, es ist eine in Corona-Zeiten abgründige Interpretation. Möglicherweise empfinden das gerade viele Musiker so.
Unter den sechs Maskierten befinden sich Sir Simon Rattle (65) und Robin Ticciati (37). Die beiden britischen Dirigenten haben ihre Karrieren als Schlagzeuger begonnen.
Als Simon Rattle Robin Ticciati entdeckte
Bereits als 15-Jähriger spielte Ticciati Pauke im britischen National Youth Orchestra. Dort entdeckte Sir Simon das junge Dirigiertalent bei der Vorbereitung einer Mahler-Sinfonie und bot ihm an, eine Probe zu leiten. Daraus wurde zunächst in Birmingham eine Mentorenschaft, später eine Freundschaft. Die bis ins heutige Berlin hält, wie beim DSO zu sehen ist. Rattle gab übrigens sein Berlin-Debüt 1977 am Pult dieses Orchesters in der Reihe „Rias stellt vor“.
Im Livestream ist Sir Simon mit Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ in der schlanken Kammerorchester-Fassung des amerikanischen Komponisten Glen Cortese zu erleben. Voller Akkuratesse ausmusiziert, lässt Rattle das Solistische im Zusammenspiel erblühen. Emotionale Tiefe bringt vor allem Mezzosopranistin Magdalena Kožená ein.


