Konzert

Daniel Harding lässt den Philharmonikern viel Freiraum

Eine spannende Mischung: Der britische Dirigent Daniel Harding kombiniert Mahlers Erste mit Werken von Ives und Berg.

Der britische Dirigent Daniel Harding

Der britische Dirigent Daniel Harding

Foto: BM

Berlin.  Natürlich ist es wieder der pure Repertoire-Zufall: viermal Mahlers Erste Sinfonie in Berlin – an vier Abenden hintereinander. Dreimal mit den Philharmonikern, einmal mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester. Und dann sind da ja auch noch die Wiener Philharmoniker, die rund zwei Wochen später Barenboims Festtage eröffnen werden. Diesmal im Gepäck: ebenfalls Mahlers Erste. Und trotzdem kommt keine Langweile auf, sondern eher freudige Spannung. Denn Barenboim wird Mahler mit Prokofiev kombinieren – mit einem Komponisten also, um den Barenboim sonst einen großen Bogen macht. Interessant auch die Idee des Rundfunk-Sinfonieorchesters, Mahlers Erste Sinfonie mit einem zusätzlichen fünften Satz zu spielen, „Blumine“ genannt: ein verworfenes, verschollenes Andante, das erst 1967 wieder aufgetaucht ist.

Der Komponist rührte selbst die Werbetrommel

Noch attraktiver allerdings, was jetzt die Philharmoniker machen – sie kombinieren Mahler mit Charles Ives und Alban Berg. Und das passt schon rein äußerlich sehr gut: Mahler und Ives, die beiden Freizeitkomponisten. Ergänzt um Berg, der finanziell nie auf den Erfolg seiner Werke angewiesen war – und trotzdem mit der Oper „Wozzeck“ einen großen Hit der Klassischen Moderne landete. Einen Hit, der Berg nachträglich fast so unangenehm gewesen sein dürfte wie seinem Lehrer Schönberg dessen „Verklärte Nacht“. Doch selbst schuld: Schließlich hatte Berg mit seinen „Drei Bruchstücken“ aus der „Wozzeck“-Oper im Vorwege kräftig die Werbetrommel gerührt.

Und bei den Philharmonikern wird sie jetzt noch einmal greifbar, diese beträchtliche Werbewirkung der „Drei Bruchstücke“. Weil Gastdirigent Daniel Harding die Musiker mit viel Herz und noch mehr Hingabe spielen lässt. Weil er ihnen bei allem organisatorischem Geschick auch viele klangliche Freiheiten bietet. Und weil sie Berg folglich so interpretieren, wie sie es in diesem Moment scheinbar am liebsten mögen: als Komponisten, der Mahlers hochtrabender Gefühlswelt deutlich nähersteht als Schönbergs kühlem Expressionismus.

Der Vater der amerikanischen Moderne

Seltsam dabei allerdings die Sopranistin Dorothea Röschmann in der Rolle der Marie, Wozzecks junger Geliebten. Denn Dorothea Röschmanns Marie klingt eher nach dem Gegenteil: nach gestandener Frau mit üppiger Lebenserfahrung und reifem, dunkel gefärbtem Timbre.

Noch seltsamer freilich: Dass die Philharmoniker 31 Jahre gebraucht haben, um Charles Ives‘ visionäre „Three Places in New England“ wieder auszugraben. Es ist eine Musik, so ideenreich und vielschichtig, dass einem schwindelig werden kann. Ganz egal, ob Alfred Schnittkes Polystilistik, Ligetis mikrotonale Klangflächen oder Bernd Alois Zimmermanns Zitat- und Collage-Techniken – Ives scheint bereits alles vorwegzunehmen. Und obwohl Ives heute vor allem als Vater der amerikanischen Moderne gilt: Gerade bei seinen krummen Militärmärschen im chaotisch-virtuosen „Putnam’s Camp“ muss man auch an den Russen Schostakowitsch denken.

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