Die Schutzmantelmadonna ist seit Jahrhunderten ein Topos der abendländischen Kunst. Die stehende Gottesmutter breitet ihre Arme über einer Schar von Gläubigen aus, die unter dem Stoff ihres Mantels Obdach und Zuwendung finden – im Bode-Museum, nur ein paar hundert Meter vom Gorki-Theater entfernt, kann man ein eindrucksvolles Exemplar besichtigen.

Ob sie Pate gestanden hat für das starke Bild, mit dem Oliver Frljić seine „Mutter Courage“-Inszenierung beginnen lässt? Eben noch haben sich vorn an der Rampe Feldwebel und Werber darüber ausgetauscht, dass Ordnung nur im Krieg möglich sei und im Frieden die Schlamperei um sich greife. Dann richtet sich der Scheinwerfer auf Mutter Courage und ihre Kinder, die aus dem löcherigen Mantel hervorblicken – die stumme Tochter Kattrin und ihre beiden Söhne Eilif und Schweizerkas. Mutter Courage, die eigentlich Anna Fierling heißt und ihren Namen erhielt, weil sie in Lebensgefahr Brot ins belagerte Riga schaffen konnte, bevor es verschimmelte. Sie steht hier mit ihren Kindern auf einem Leichenberg.

Der Tod ist hier allgegenwärtig

Die Leichen sind in Gestalt von schaurigen Puppen überall präsent in dieser Inszenierung. Sie stapeln sich an der Hinterwand, sie werden vom Schnürboden herabgelassen, die Schauspielerinnen tanzen mit ihnen und springen auf ihnen herum, dann kommen Särge hinzu, die zum Catwalk umfunktioniert werden. Es ist ein Weltfest des Todes, das Frljić aus diesem Stoff macht, in dem in unseren Tagen natürlich nicht der Geschützdonner des Dreißigjährigen Krieges, sondern vernehmbar die Raketeneinschläge in der Ukraine widerhallen.

Maryam Abu Khaled als Mutter Courage.
Maryam Abu Khaled als Mutter Courage. © Maifoto | Ute Langkafel

Es ist der Krieg als Zustand an sich, um den es Bertolt Brecht ging. Im Januar 1941 notierte er zum Stück in seinem Arbeitsjournal, er sehe „mit einiger Zufriedenheit, wie der Krieg als riesiges Feld erscheint, nicht unähnlich den Feldern der neuen Physik, in denen die Körper merkwürdige Abweichungen erfahren“. Die herkömmlichen Mechanismen des Menschlicchen seien außer Kraft gesetzt. In dieses Feld schickt er seine Titelheldin, die ihre mütterlichen Instinkte verleugnen, die tricksen, lügen und schachern muss, um über die Runden zu kommen.

Sechs Schauspielerinnen teilen sich die Titelrolle

Daraus sind starke und unvergessliche schauspielerische Auftritte erwachsen. Von Therese Giehse natürlich, die bei der Uraufführung am Zürcher Schauspielhaus am 19. April 1941 die Titelrolle übernahm, vor allem aber von Helene Weigel, die an mehr als 400 Abenden neben dem berühmten Planwagen auf der Bühne stand. In seiner auf anderthalb Stunden gestrafften Version verteilt Oliver Frljić die Courage auf sechs Schulterpaare: Maryam Abu Khaled, Yanina Cerón, Lea Draeger, Kenda Hmeidan und Abak Safaei-Rad und Çiğdem Teke streifen sich gegenseitig den Mantel über und sind mal Mutter, mal Sohn, mal Feldprediger, mal Feldwebel.

Dabei gelingen, unterlegt von Daniel Regenbergs Elektrosounds, oft treibende, intensive Szenen, in denen sich die sechs Frauen auf der Bühne den Mantel der Hauptrolle weiterreichen und sich zu einer Choreographie des Krieges verschlingen. Wer mit der Handlung der „Mutter Courage“ nicht vertraut ist, wird es freilich nicht leicht haben mit diesem Abend, der akustisch häufig die Grenze zum Unverständlichen hinter sich lässt – hier hilft allenfalls die englischsprachige Übertitelung aus. Dennoch: Ein sehenswerter, kraftvoller Abend.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Termine: 30.10., 14.11., jeweils 19.30 Uhr.