Es war fast auf den Tag genau vor 50 Jahren, als ein Gesuch aus dem kleinen Buckow das Ministerium für innerdeutschen Handel erreichte: «Ich bitte um Freigabe von 30 kg Farbe.» Ebenfalls vom 18. Juli 1952 datiert die Anfrage nach Gummilitze, und nur sechs Wochen zuvor wurden aus Buckow schon mehrere Kubikmeter Holz angefragt. Alle Briefe tragen die gleiche Grußformel: «Mit bestem Dank, Bertolt Brecht».
Der Theatermacher hatte in der Märkischen Schweiz ein Sommerhaus gepachtet, an dem es manches instand zu setzen gab, und Herr Brecht bekam natürlich alles, was er wünschte. Davon profitiert der kleine Ort noch immer. 1977 wurde das Anwesen, auf dem Brecht an der Seite seiner Frau Helene Weigel die letzten Monate seines Lebens verbrachte, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und avancierte zum «Wallfahrts-Ort für Brecht-Fans», so die heutige Leiterin des Brecht-Weigel-Hauses, Margret Brademann. Das 25-jährige Jubiläum wird mit mehreren Veranstaltungen gerade ausgiebig gefeiert.
Am 14. Februar 1952 notiert Brecht: «mit helli in buckow in der märkischen schweiz landhäuser angesehen, finden auf schönem grundstück am wasser des schermützelsees ein altes, nicht unedel gebautes häuschen mit einem anderen ebenfalls einfachen haus daneben ... in das größere haus könnte man leute einladen.»
Aktuell fühlt sich gerade eine 30-köpfige Reisegruppe aus Regensburg eingeladen. Auf so viele Gäste war das Paar nicht eingerichtet. Schon im Kassenraum, wo sich ehemals die Küche befand und damit der Zubereitungsort für Helenes berühmte Pilzgerichte, wird klar, dass die Gruppe ausschwärmen muss. Einige landen zunächst in einem kleinen Raum, in dem auch Notizen von Besuchern zu lesen sind. Brechts ehemaliges Hausmädchen Elisabeth Schütz etwa kam 1998 nach 44 Jahren an ihren früheren Arbeitsplatz zurück und notiert: «Bertolt Brecht war ein angenehmer Arbeitgeber». Viel zu putzen hatte sie nicht, das Haus ist nicht sehr groß. Öffentlich zugängig ist nur noch das untere Geschoss. Herzstück ist das zweistöckige Atelier, das von dem Paar als Wohn- und Esszimmer genutzt wurde. Hier wurde diskutiert, hier trank der Dramatiker sein abendliches Bier und lebte seine Vorliebe für Käse in so mancher «Käseorgie» aus, wie Museums-Chefin Brademann zu berichten weiß. Am Kopf der dicken Tischplatte Helene Weigels Lieblingsplatz: ein alter Brautstuhl. Die große Fensterfront öffnet den Blick auf einen Bootssteg, der weit in den See hinausragt, rechts im Garten eine der riesigen Silberpappeln, die in mehreren Gedichten Brechts auftauchen. Von drinnen sieht es aus, als säße man im Theater und als wäre die Natur ein prächtiges Bühnenbild.
Der Fernseher gehört natürlich nicht zum ursprünglichen Mobiliar. Aber weil Frau Brademann Wert darauf legt, dass das Haus nicht eine Gedenk-, sondern eine «Denkstätte» sei, hat sie es geöffnet für Veranstaltungen: Nächste Woche wird hier in einer Interpretationswerkstatt die Entwicklung «Vom Bänkellied zum Brechtsong» erarbeitet. «Wir wollen nicht primär Museum sein», sagt Brademann, «die Leute sollen die Atmosphäre spüren.» Im Garten geht das besonders gut. Dort treffen sich auch die verstreuten Regensburger wieder, einer erzählt, dass sich ein Blick ins Bootshaus unbedingt lohne, weil dort der Wagen stehe aus «Mutter Courage». Helene Weigel hat das riesige Gefährt gut 400 Mal über die Bühnen der Welt gezogen.
Aber der Garten lädt auch zwischen Blumenrabatten zum Zwiegespräch mit dem Künstler ein. Auf Kupfertafeln finden sich Verse aus Brechts letztem Gedichtzyklus, den «Buckower Elegien», die als Reaktion auf den Arbeiteraufstand vom 17. Juni entstanden. Inzwischen sind sie reichlich verwittert, aber bald sollen sie wieder glänzen. Die Renovierung ist schon organisiert, und glücklicherweise hat das Ministerium für innerdeutschen Handel damit rein gar nichts mehr zu tun.
Brecht-Weigel-Haus, Bertolt-Brecht-Str. 30, Buckow. Tel.: 033 433/467. Mi.-Fr. 13 - 17 Uhr, Sa. u. So. 13 - 18 Uhr. Nächste Veranstaltungen: 21. und 28. Juli Konzert «Vom Bänkellied zum Brechtsong», 19 Uhr.


