Daniel Barenboim raucht gerade eine Zigarre, vor ihm auf dem Tisch in seinem Büro liegen die Noten der Ukrainischen Nationalhymne. Der Stardirigent will sie am Sonntag in der Staatsoper zu Beginn eines Konzert für Frieden aufführen. Die Einnahmen des Konzerts werden an den Ukraine Humanitarian Fund der Vereinten Nationen gespendet.

Donnerstag

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Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), und Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, unterstützen die Initiative und werden dabei sein. Der Staatsopernchor werde die Hymne singen, sagt der Generalmusikdirektor des Opernhauses. Darüber hinaus präsentiert Barenboim mit seiner Staatskapelle Schuberts „Unvollendete“ und Beethovens „Eroica“ aufführen.

Berliner Morgenpost: Herr Barenboim, wie nehmen Sie den Ukraine-Krieg wahr?

Daniel Barenboim Es wäre schön, wenn die ganze Welt demokratisch wäre. Aber das ist sie nie gewesen und wird sie wahrscheinlich auch nie sein. Damit müssen wir leben. Ich habe ohnehin keine Sympathien für nichtdemokratische Staaten. Aber jetzt erleben wir etwas Mörderisches. Der Angriff auf die Ukraine ist keine politische Tat, sondern ein inhumaner Akt. Es geht bei dem Krieg um keine ideologischen Gründe, er verschafft Russland auch keine größere Macht. Die Aktion hat keine Idee, sondern ist unmenschlich. Dazu können wir uns nicht neutral verhalten.

Es ist zu beobachten, dass die Kultur in dieser ersten Woche des Krieges keine große Rolle spielte?

Genau deswegen spielen wir am Sonntag. Man darf Kultur nicht politisieren, aber insbesondere die Musik ist bei der Humanisierung umso wichtiger. Den Beweis haben wir im Haus gerade beim Kartenverkauf erlebt. Wir haben um 12,25 Uhr damit angefangen, 35 Minuten später war das Konzert ausverkauft. Das braucht keinen weiteren Kommentar.

Schuberts Unvollendete und Beethovens Eroica stehen auf dem Programm. Kann man damit die gegenwärtige Stimmung aufgreifen?

Die Eroica mit dem Trauermarsch ist ein Beispiel dafür, dass uns die Musik größere emotionale Möglichkeiten verschafft. In meinem Leben sind viele Musiker nach der Aufführung dieser Sinfonie zu mir gekommen, um mir zu sagen, dass sie den Trauermarsch so genossen haben. Wann genießt man einen Trauermarsch? Die Musik gibt uns die Möglichkeit, emotional Dinge zu erleben und zu genießen, was ohne die Musik nicht ginge.

Der Westen bricht gerade Wirtschaftsbeziehungen ab, russische Sportler werden bei Wettkämpfen und namhafte Künstler in Konzert- und Opernhäusern ausgeladen. Was sagen Sie als Dirigent dazu?

Das finde ich nicht gut, dass man im Westen automatisch russischen Künstlern absagt. Warum? Das sind zumeist Leute, die mit Putin gar nichts zu tun und keine gute Meinung über ihn haben. Es gibt überhaupt viele anständige Russen, die nichts mit der Politik zu tun haben. Es ist etwas anderes, wenn Künstler Putin-Enthusiasten und nicht bereit sind, sich in dieser Kriegssituation zu distanzieren, dann verstehe ich, dass man sie nicht bei uns reinlässt.

Normalerweise sollen Künstler ja immer einen Dialog treten oder ihn vorbereiten, wenn die Politik an Grenzen stößt?

Ich glaube, im Moment gibt es keine Dialoge mit Russland. Wir erleben gerade eine grausame Diktatur.

Als Künstler sind Sie seit Jahrzehnten weltweit unterwegs. Und Sie haben als gebürtiger Argentinier selbst Vorfahren in der Ukraine und in Weißrussland. Sind Sie jemals Putin irgendwo begegnet?

Nein. Aber ich muss erzählen, dass ich Putin einige Jahre lang verteidigt habe. Seine Kritik am Westen in der Zeit nach dem Fall der Mauer fand ich richtig. Ich erinnere mich auch an seine Rede im Bundestag 2001, für die er viel Applaus bekommen hat, die auch mich beeindruckt hat, aber dann keine Folgen hatte. Umso mehr empfinde ich jetzt Verachtung für seine Aggression. Ich hoffe, er hat die Intelligenz, seinen Standpunkt zu ändern. Ich befürchte, dass er das nicht tun wird. Aber ich bin kein Politiker und stehe nicht in dem Zwang, mit ihm sprechen zu müssen.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Im Nahostkonflikt haben Sie eine klare Position bezogen und mit dem West-Eastern Divan Orchestra, in dem israelische und arabische Musiker gemeinsam spielen, und mit der Berliner Barenboim-Said Akademie Institutionen gegründet, auch, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Was ist aus Ihrer Erfahrung das Wichtigste in der Konfliktbewältigung?

Der Respekt für den anderen, gerade wenn man nicht der gleichen Meinung ist. Wir können gerade in der Ukraine beobachten, wie inhuman es ist, wenn man das nicht beachtet.

In vielen Familien wird im Moment über nichts anderes gesprochen als über den Krieg und die Bedrohungen. Wie ist das bei Ihnen?

Bei uns ist das auch so. Meine Frau ist Russin, meine Kinder sind also halb russisch. Meine Schwiegertochter ist Russin. Es ist verständlich, dass meine Familie das Thema stark berührt.

Was können wir alle tun, um Frieden herbeizuführen?

Es ist keine Frage von Frieden, wir erleben einen kriminellen Vorgang. Es gibt keinen verhandelbaren Gedanken dahinter, es geht um eine grausame Macht. Ich würde gerne, was aber gerade unmöglich ist, Konzerte in Kiew und auch in Moskau geben. Ich bin mir sicher, dass es viele Studenten in den Konservatorien gibt, die gegen den Krieg sind. Die Solidarität mit ihnen wäre mir sehr lieb. Aber wir müssen wohl noch ein wenig warten.

Vielleicht noch eine persönliche. Sie hatten wegen einer Rückenerkrankung über Wochen hinweg Auftritte abgesagt. Wie geht es Ihnen?

Wenn die Frauen mich danach fragen, sage ich immer: Sehr gut, wollen Sie mit mir Tango tanzen?