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Die Macher von „Babylon Berlin“: „Wir haben alles gegeben“

Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries über die dritte Staffel „Babylon Berlin“ und ihre einzigartige Zusammenarbeit.

„Wir schaffen das nur, weil wir solche Dampframmen sind“: Die „Babylon Berlin“-Macher Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries.

„Wir schaffen das nur, weil wir solche Dampframmen sind“: Die „Babylon Berlin“-Macher Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries.

Foto: David Heerde

Die wenigsten Serien stammen von nur einem Filmemacher. Meist sind nur die Produzenten und Autoren dieselben, und verschiedene Regisseure drehen einzelne Folgen. Ganz anders dagegen ist die Teamarbeit von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries. Schon die ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ haben sie zusammen entwickelt und geschrieben, die Dreharbeiten dann aufgeteilt und am Ende wieder zu dritt im Schneideraum gesessen. So haben sie das nun auch für die dritte Staffel gemacht, die am 24. Februar auf Sky startet. Wir haben die drei Regisseure im Hotel Zoo getroffen und über ihre ungewöhnliche Zusammenarbeit befragt. Tom Tykwer kam dabei allerdings zu spät. Er fand keinen Parkplatz.

Berliner Morgenpost: Herr Handloegten, Herr von Borries, Sie sitzen hier erst mal nur zu zweit. Sagt das etwas über Ihre Arbeitsweise als Dreierteam aus?

Achim von Borries: (lacht) Ja. Es ist völlig austauschbar, wer hier sitzt. So wie es letztlich auch egal ist, wer welche Szene dreht. Denn wir haben sie alle zu dritt geschrieben. Und wir haben uns auch keine Szene wünschen können. Es ging einfach darum, wer gerade Zeit hatte im Drehplan.

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Henk Handloegten: Das Spezifikum an unserer Arbeit ist wirklich, dass wir Szenen durcheinander inszenieren. Da heißt es nicht, dreh du die eine Folge, ich dreh die andere. Wäre doch auch furchtbar, wenn einer nur die Tanzszenen inszeniert, weil er das so schön macht. Nein. Wir haben alles zusammen geschrieben, dann hat jeder sehr spezifisch inszeniert. Und so entsteht ein sehr unterschiedliches Arbeiten.

(An dieser Stelle betritt Tom Tykwer den Raum und entschuldigt sein Zuspätkommen.)

Das sind komplett unterschiedliche Perspektiven, die wir einnehmen. Und das macht diese Serie aus. Ich glaube, dass man das nicht vergleichen kann mit einer anderen Zusammenarbeit. Und da haben wir Glück gehabt. Ich glaube nicht, dass wir das von Anfang wussten.

Tom Tykwer: Doch. Ich habe es gewusst.

Handloegten: Diese unterschiedliche Art, das Bild der Stadt und der Epoche zusammenzusetzen, macht wirklich die Lebendigkeit aus. Das alleine zu machen, ginge auch rein kräftemäßig nicht.

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Ist das auch ein Zukunftsmodell, dass man nicht alles allein stemmen muss? Sie, Herr Tykwer, haben das ja zuvor schon mit den Wachowskis gemacht.

Tykwer: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie andere das machen mit all diesen Serien. Es ist wirklich ein Glücksfall und darin auch schwer wiederholbar, dass sich ein so hohes Maß an Augenhöhe etabliert. Wir sind dafür vielleicht alle im optimalen Alter, haben alle schon einen gewissen Ballast hinter uns, damit man sich auch eher mal zusammenreißen kann. Ich war vor 20 Jahren deutlich mehr der Tunnel-Typ, so auf dem Ego-Trip, aus einer mir heute fast schon befremdlichen Künstler-Unikats-Perspektive. Diesen Kultgedanken habe ich, behaupte ich jetzt wenigstens mal, inzwischen abgestreift. Wir schaffen das auch nur, weil wir alle drei solche Dampframmen sind und nicht schwach ausgestattet im Alpha-Bereich.

Wie groß ist der Erwartungsdruck jetzt, nachdem die ersten zwei Staffeln so frenetisch gefeiert wurden?

von Borries: Bei den ersten beiden Staffeln wurde die monetäre Größe als Gradmesser für den Erfolg gemessen. Alle redeten nur von der teuersten deutschen Serie, und wehe, die wäre gescheitert. Die Häme wäre riesig gewesen. Diesmal hatten wir eher einen anderen Druck. Wir wollten uns nicht wiederholen. Wir wollten das Unmögliche schaffen, noch besser zu sein als bei den ersten Staffeln. Und eben nicht Muster bedienen, was ja schnell passiert bei einer Serie.

Handloegten: Ich würde aber doch sagen, was neu dazugekommen ist, ist der Zeitdruck. Der war immens. Ansonsten kann man nur sagen, wir machen das, so gut wir können. Besser als wir das hier gemacht haben, können wir es nicht.

Tykwer: Das unterschreibe ich. Das ist übrigens ein sehr befriedigender Satz. Das empfinden wir wirklich so. Wenn das jetzt nicht reicht, wenn die Zuschauer das nicht gut finden, dann halten wir den Standards nicht mehr stand. Wir haben alles gegeben. Das ist ein erleichterndes und den Druck auch entlastendes Gefühl.

Wie lange wollen Sie eigentlich weitermachen? Volker Kutscher, der seine Buchreihe mit dem Jahr 1929 begonnen hat, will sie bis 1938 spielen lassen. Er stöhnt allerdings auch schon lange, dass er sich all die Jahre immer mit dem braunen Sumpf beschäftigen muss.

von Borries: Wir machen bis 1933 und dann machen wir eine große Pause bis nach dem Krieg. Als Alterswerk kommt dann Gereon Rath in den 50er-Jahren. Wenn er dann noch lebt. (alle lachen)

Handloegten: Die Serie heißt „Babylon Berlin“. Ab März 1933, mit der Machtübernahme der Nazis, war die Stadt kein Babylon mehr. Ab da kehrte ein eiserner Besen.

Tykwer: Und das setzt uns ein Limit. Obwohl wir in der Serie ja auch schon vorgegriffen haben und Elemente aus späteren Büchern integriert haben. Das ist ja das Schöne, dass Kutscher sein eigenes Universum hat, an das wir uns nicht chronologisch anketten wollten. Wenn man die neue Staffel sieht, wird man bemerken, dass wir uns immer noch, historisch gesehen, in fortgeschrittenem Schneckentempo bewegen. Eben kein Sprung um ein Jahr, wie bei Kutscher. Wir setzen nur wenige Monate nach den Handlungen der ersten Staffeln ein. So wird das auch erst mal bleiben.

Bei diesem ehrgeizigen Projekt: Hat Kino bei Ihnen überhaupt noch eine Chance? Oder sind Sie dem verloren gegangen, weil Sie jetzt nur noch in diesem Serienkosmos sind?

von Borries: Man hat das Gefühl, man würde mal gern so einen kleinen Kinofilm zwischendurch drehen wollen. Aber der würde einen ja auch mindestens zwei Jahre kosten. Wenn man 28 Folgen hinter sich hat, dann ist das, auch zu dritt, eine ziemliche Menge. An Laufzeit 14 Filme. Aber es ist auch so: Mein letzter Kinofilm war ein veritabler Flop. In unserer heutigen Zeit muss man einfach ein ganz hohes mediales Erregungspotenzial auslösen, um Leute noch ins Kino zu kriegen. Das ist jenseits von Comicverfilmungen immer schwerer zu kalkulieren. Ein deutscher Film muss zumindest in Cannes gelaufen sein, um noch einen Achtungserfolg zu erzielen. Das war vor zehn, 15 Jahren noch anders.

Handloegten: Letztlich ist es doch egal, wo das Werk gezeigt wird. Scorseses „Irishman“ läuft ja auch bei Netflix und zeitlich begrenzt in ein paar ausgewählten Kinos. Dennoch verspüre ich auch so eine Sehnsucht, ich muss mal aus dem Tunnel raus. Aber wir machen uns gerade erste Gedanken über die vierte Staffel und ich kann gar nicht glauben, dass es mir schon wieder so große Freude bereitet.

von Borries: Wir haben schon gemerkt, dass wir bei allen Solobestrebungen die Finger davon nicht lassen wollen. Und das ist doch auch schön.

Sie sind alle drei Filmregisseure. Aber alle gucken nur noch Serien, immer weniger gehen ins Kino. Geht da eine Kunstform verloren? Macht man sich da womöglich mitschuldig am Sterben des Films?

Tykwer: Das Kino war immer schon bedroht. Als der Tonfilm aufkam, das Fernsehen oder später Video. Immer dachte man, das sei schon Götterdämmerung. Und dann hat sich das Kino doch immer wieder neu erfunden und von jeder Krise erholt. Der Markt sortiert sich gerade spürbar neu. Aber auch dieser Serienhype wird wieder aufhören. Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen.

von Borries: Das ist doch wie beim Buch. Alle dachten, das E-Book sei der Tod des gedruckten Buchs. Und doch sind die Verkaufszahlen stabil. Serien waren in den letzten Jahren einfach irre innovativ. Diese Dogmen, die lange im Kino existierten, an die hält sich keiner mehr. Das ist neu und erfrischend. Und vielleicht wird das ja auch vom Kino übernommen. Wohingegen ich bei jüngeren Netflix-Serien auch bald wieder abschalte. Weil man merkt, dass es „gestreamlimet“ ist. Also glattgebügelt, vorhersehbar.

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Ihre Serie hat einen neuen Boom an den 20er-Jahren ausgelöst. Die hätte es sicher auch so gegeben, wo das jetzt genau ein Jahrhundert her ist. Dennoch gibt es inzwischen Showplakate und Buchcover, die ganz dreist die Optik Ihrer Serie zitieren. Ärgert einen das?

Handloegten: Manchmal schon merkwürdig, wie nah sich einige an unserem Design orientieren. Die Formensprache der 1920er-Jahre war doch so vielfältig. Warum schaut man da nicht mal in eine andere Ecke? Tja, ich vermute den Hintergrund zu ahnen.

von Borries: Mich freut es eher. Auch wenn eine Serie wie „The Rook“ unseren Vorspann fast 1:1 kopiert. Ich empfinde das als Auszeichnung.