Etwas seltsam ist es ja schon für ihn, am Checkpoint Charlie zu stehen. Den meidet Henk Handloegten heute. Der ist ihm viel zu touristisch, zu bizarr geworden. Und während wir ihn hier fotografieren, laufen auch lauter Touristen herum, die ebenfalls Fotos von dem ehemaligen Grenzübergang machen. Und ihn teils neugierig fragen, ob er jemand Berühmtes sei, wenn er hier abgelichtet wird. Wie er so da steht und posiert, muss er selber schmunzeln: „So ein Touristenmotiv, das ist fast schon wieder gut.“

Handloegten ist ja wirklich berühmt. Oder doch bekannt. Er ist Regisseur von Filmen wie „Liegen lernen“ und „Paul Is Dead“, er hat am Drehbuch von „Good Bye, Lenin!“ mitgeschrieben. Und mit Tom Tykwer und Achim von Borries schreibt und inszeniert er die „Babylon Berlin“-Serie, deren dritte Staffel gerade in der Endmischung ist und ab 24. Januar auf Sky ausgestrahlt wird.

Aber nicht deshalb stehen wir hier. Sondern weil der 51-Jährige eine ganz spezielle Geschichte mit dem Checkpoint Charlie verbindet. Eine, die er noch nie erzählt hat, die aber mal heraus muss. Zum 30-Jährigen des Mauerfalls passt das ganz gut.

Mehrmals täglich passierte er die Stadtgrenze

Handloegten ist zwar 1968 in Celle geboren, kannte Deutschland dann aber ganz lange nur von Familienbesuchen. Weil sein Vater im Auswärtigen Amt gearbeitet hat, hat die Familie erst in Helsinki gewohnt, dann in Sao Paulo, Zürich und Paris. Erst mit 16 zog er dann fest nach Deutschland. Und zwar nach Ost-Berlin. Weil sein Vater dort in der Ständigen Vertretung gearbeitet hat.

„You are Leaving the American Sector“: Da muss Handloegten schmunzeln. Das Schild weist ja in die falsche Richtung.
„You are Leaving the American Sector“: Da muss Handloegten schmunzeln. Das Schild weist ja in die falsche Richtung. © Maurizio Gambarini

Das sei heute ja schon Freunden seiner Töchter nur noch schwer zu erklären, dass es, weil die beiden deutschen Staaten sich gegenseitig nicht anerkannt haben, keine Botschaft der Bundesrepublik in der DDR gab, sondern nur eine Ständige Vertretung. Ein Name, mit dem man heute ja nur noch eine Kneipe am Schiffbauerdamm verbindet.

Das ist, als ob man auf dem Mars leben würde

Zu den Kuriositäten dieser diplomatischen Beziehungen gehörte auch, dass Mitarbeiter der Ständigen Vertretung mit ihren Familien in der Hauptstadt der DDR wohnen mussten. Noch kurioser aber wird es, weil Handloegten natürlich im Westen zur Schule ging. Und jeden Tag die Stadtgrenze passierte. Immer am Checkpoint Charlie. Wo nur Botschaftsangehörige und Alliierte passieren durften. Die fuhren meist mit ihren Autos durch. Es gab kaum Passanten, die zu Fuß kamen. Handloegten war einer der wenigen.

Wir haben uns an der Leipziger Straße 66 getroffen. Eines dieser Hochhäuser an einer der lautesten Straßen Berlins. Damals aber, erzählt Handloegten, war es hier komplett ruhig. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. So kurz vor der Mauer war hier Sackgasse. Auf der Nord-Seite der Straße wohnten nur Botschaftsangehörige aller Länder, auf der Seite zur Mauer nur noch Parteibonzen. „Die Stasi war natürlich auch immer da, die saß im Auto gleich um die Ecke.“

Handloegten muss schmunzeln. Die Touristen glauben irgendwie, er müsse zum Checkpoint Charlie dazugehören.
Handloegten muss schmunzeln. Die Touristen glauben irgendwie, er müsse zum Checkpoint Charlie dazugehören. © FUNKE FotoServices | Maurizio Gambarini

Vom zehnten Stock aus hatten die Handloegtens einen Blick auf den Osten wie auf den Westen. Und auf die Mauer. Von hier aus passierte Handloegten täglich den Checkpoint Charlie. Die Grenzbeamten und er, sie kannten sich. Taten aber so, als ob dem nicht so wäre. Das schwere Metalltor dort hat der Teenager aus stillem Protest immer zugeworfen. Es war so still, dass seine Mutter das zuhause hörte.

Mal kurz zum Telefonieren in den Westen

Handloegten ist hier täglich mehrmals hin- und hergegangen. Und gemeinsam gehen wir diesen Weg noch einmal. Wenn man in den Westen telefonieren wollte, bekam man stundenlang keine Verbindung. Und wenn doch, hustete ganz unverhohlen die Stasi ins Gespräch. Da ging man doch lieber schnell zur Telefonzelle in die Kochstraße. Das, findet Handloegten, „illustriert meine merkwürdige Lebenssituation“.

Aber war das nicht schrecklich uncool, so unser Einwand, lauter Westler zu Freunden zu haben, aber immer in den Osten zu müssen? Im Gegenteil! Paris, Sao Paulo, das waren ferne Orte. Aber mit Ost-Berlin war er der totale Exot. Weiter weg ging nicht in den Köpfen. Da hätte er auch vom Mars kommen können. Als Oberstufenschüler hatte er so auch immer eine Entschuldigung parat. Wenn er zu spät kam, musste er nur sagen, die Grenzer hätten Ärger gemacht. Auch wenn sie das nie getan hatten.

„Ich hatte“, grinst Handloegten, „einen Freischein zum Verschlafen.“ Er war aber vor allem auch stolz auf seinen Wohnort: „Ich wurde immer gefragt, von welcher Seite bist du denn? Und ich war von keiner. Das habe ich als großes Geschenk empfunden. Das man mittendrin war und trotzdem nicht dazugehörte.“

Am 9. November stand er als einer der Ersten auf der Mauer

Was er allerdings schrecklich fand, war, dass niemand sich für Ost-Berlin interessierte. Er hat seine Freunde immer aufgefordert, herüberzukommen. Hat sie auch an die Stelle geführt, wo 1962 der Mauerflüchtling Peter Fechner qualvoll verblutete. „Das war auch belastend für mich: als junger Mensch die deutsche Teilung jeden Tag körperlich zu erleben. Und mitzubekommen, wie wenig sich die Menschen im Westen für den Osten interessiert haben.“ Wohin diese „totale Ignoranz“ geführt habe, das könne man ja heute bei den Wahlen ablesen.

Handloegten mit Tom Tykwer (l.) und Archim von Borries, die drei Macher der Serie „Babylon Berlin“.
Handloegten mit Tom Tykwer (l.) und Archim von Borries, die drei Macher der Serie „Babylon Berlin“. © David Heerde

Als Jugendlicher aber, für den die Mauer ja eigentlich nicht existierte, hat er das alles sehr stark wahrgenommen. Tramschienen etwa, die an der Mauer endeten und auf der anderen Seite weiterliefen. Handloegten hat sich immer gefragt, wie das früher ausgesehen haben muss. Er ist so auf die Weimarer Republik gestoßen, ist richtig abgetaucht in diese Zeit, beschäftigt sich zeitlebens damit. Dass er nun „Babylon Berlin“ dreht, damit schließt sich ein Kreis.

Kino „wegen Mauerfall geschlossen“

Handloegten hat bis Januar 1990 in der Leipziger Straße gewohnt. Damals hat er schon das Eiszeit-Kino in Kreuzberg mitbetrieben. Am 9. November 1989 hatte er allein Dienst. Als im Saal der Film lief, hat er an draußen von der Öffnung der Mauer erfahren. Als die Besucher nach dem Film herauskamen, stellte er sich auf den Tresen und rief voller Pathos: „Leute, die Mauer ist auf!“ Die Kreuzberger aber sagten nur: „Na und?“ Sven Regener hat das in seinem Roman „Herr Lehmann“ auch beschrieben und nicht übertrieben. Handloegten hat das Kino dann zugemacht: „Wegen Mauerfall geschlossen“. Ging erst mal zu seinen Eltern und wollte dann zur Mauer.

Am 9. November als einer der Ersten auf der Mauer

Am Checkpoint Charlie war aber nichts los, auch nicht an der Friedrichstraße. „Ich dachte schon, das stimmt alles gar nicht.“ An der Invalidenstraße und am Brandenburger Tor standen dann die Massen. Dort kletterten auch die ersten auf die Mauer und zogen ihn hoch. „Die Euphorie griff so um sich, dass man sich für unverletzbar hielt. Ich dachte, wenn die jetzt schießen, prallen die Kugeln an uns ab. Das haben wir auch ausgestrahlt.“ Dennoch ging er am Ende dieser Nacht wieder in den Osten. Wo doch alle in den Westen strömten.

Handloegten mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander am Checkpoint Charlie, vor dem Mauer-Panorama.
Handloegten mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander am Checkpoint Charlie, vor dem Mauer-Panorama. © Maurizio Gambarini

„Für mich ist der 9. November noch immer der historisch berührendste Moment, den ich je erlebt habe. Der prägte mein ganzes Leben und das meiner Generation.“ Warum hat er seine Geschichte aber nie verfilmt? Er ist doch Regisseur, und sein Leben schreit geradezu danach, verfilmt zu werden! Ja, gibt er zu, das hat er oft überlegt.

Als ob Opa vom Krieg erzählt

Aber es war nie die richtige Zeit. Erst gab es gar keine Filme über die Teilung, dann lange nur Ostalgie-Komödien. „Und dann hat Nico Hofmann so eine Art Geschichtsverwertungshegemonie übernommen“, immer mit demselben, von Westdeutschen ersonnenen Blick auf den Osten.

Und seine Geschichte sei halt sehr speziell, meint Handloegten. Wann immer er sie erzählen wollte, schauten die Leute ihn nur verständnislos an. Und je länger das her ist, desto schwerer sei das zu erklären. Das fühle sich dann fast schon so an wie „Opa erzählt vom Krieg“. Jetzt hat er die Geschichte zumindest schon mal öffentlich gemacht. Und irgendwann wird er sie wohl doch verfilmen müssen. Dann will er vor allem die Atmosphäre von Berlin einfangen, das in den 80er-Jahren eine Geisterstadt war, hüben wie drüben. Vielleicht fängt der Film dann ja so an: Ein Mann steht mitten auf dem Checkpoint Charlie, umringt von Touristen, und schüttelt verwundert den Kopf.