Mercedes-Benz Arena

Muse liefern in Berlin eine bombastische Sci-Fi-Show

Muse versetzen das Publikum in der Mercedes-Benz Arena mit viel visuellem Schnickschnack in Ekstase. Nötig hätte die Band das nicht.

Matthew Bellamy, Sänger und Gitarrist von Muse, auf der Bühne.

Matthew Bellamy, Sänger und Gitarrist von Muse, auf der Bühne.

Foto: pa

Berlin. Im Grunde brauchen Muse nichts von dem, was sie auf ihrer aktuellen „Simulation Theory“-Stadiontour mitschleppen. Einen futuristischen Rockzirkus haben sie im Gepäck, eine zur Dystopie geratene bombastische Sci-Fi-Show. Auf einer von zwei Deutschlandshows erschüttern sie am Dienstagabend damit die Mercedes-Benz Arena.

Mit „Pressure“, einer der jüngeren Singles, geht es los. „We are caged in simulations“ wird dem Publikum mitgeteilt und die Band tut alles, um den Beweis anzutreten. Ein Ensemble von blinkenden Posaunenrobotern spielt den Chorus, seltsame Gestalten, die regelmäßig wiederkehren und einmal in Raumanzügen abgeseilt werden, einmal Nebelschwaden aus riesigen Knarren pulvern.

Murph, ein schnarrender Alien-Roboter, erscheint daraufhin auf der Leinwand und verkündet „Your Ass Belongs To Me Now“. Das lassen sich die aufgedrehten Fans nicht zweimal sagen. Die Rockhymne „Psycho“ aktiviert die Springmuskeln, „Uprising“ und ein bildgewaltiger „Propaganda“-Flash tun ihr übriges und bei „Plug In Baby“ kann Matthew Bellamy bereits dem Publikum das Singen überlassen.

Muse in der Mercedes-Benz Arena in Berlin: Im Konfettiregen untergegangen

Das mittlerweile recht umfangreiche Schaffen der Band wird repräsentativ durchgearbeitet, und ältere Hits wie „Starlight“ oder „Madness“ beweisen nach wie vor größtes Mobilisierungspotenzial. Zu „Mercy“ geht Bellamy vor der in die Mitte der Arena ragenden Rampe Fanhände abklatschen und bekommt dabei eine Deutschlandfahne mit Muse-Schriftzug. Mit ihr über dem Kopf geht der Song in einem Konfettiregen unter, bevor mit „Time Is Running Out“ noch ein Superhit draufgesetzt wird.

Blockbuster-Songs hat die Band viele und Blockbuster-Effekte auch. Gegen Ende erhebt sich zu allem Überfluss eine übermächtige, terminatorhaft Kiefer und Krallen schwingende Cyborgfigur aus dem Hintergrund und sorgt für Gekreische. Zwischen Lichthorizontalen und Laserbündeln, verfremdeten Videomitschnitten und Tänzerandroiden, inmitten eines neonfarbenen Overkills wirken die Musiker beinahe nur noch wie Avatare, zumal Bellamy dann und wann mit unwirklichen Leuchtbrillen und blinkender Kleidung erscheint.

Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit. Unter all dem Bombast sind Muse nämlich immer eine „richtige“ Band geblieben. Hochpräzise Rock’n’Roller, visionäre Spacerocker mit einem begnadeten Songschreiber und Sänger in ihrer Mitte. Nicht mit Lichteffekten haben die drei Briten Rockgeschichte geschrieben. Im Übrigen sind sie gar nicht zu dritt, denn ein vierter, aber völlig im Dunklen gelassener Musiker bedient vor allem die Keyboards, für die Frontmann Bellamy leider kaum noch Zeit findet.

Matthew Bellamys Riffs bewirken mehr als jeder visuelle Schnickschnack

Wie wenig all der Große-Hallen-Popanz zu ihrem Erfolg beiträgt, lässt sich beobachten, wenn der in unscheinbares Schwarz gekleidete Bellamy allein mit Gitarre und Publikum bleibt. Ein ordentliches Riff samt Fußtritt in die Luft bewirkt dann mehr, als Hundert aufwändig choreografierte Lichtkegel. Wenn Christopher Wolstenholme zum Bassintro von „Hysteria“ ansetzt, bleibt Musiker und Instrument nichts hinzuzufügen, um den Songtitel sogleich Realität werden zu lassen.

Ob die Band selbst all den visuellen Schnickschnack notwendig findet? Das wäre interessant zu erfahren. Gigantisch ist das alles auf jeden Fall. Muse bleibt jetzt eigentlich nur noch eine Steigerung - auf all das wieder zu verzichten. Hoffentlich erleben wir das auch noch.

Muse in Berlin - die Setlist

  1. Algorithm
  2. Pressure
  3. Psycho
  4. Break It to Me
  5. Uprising
  6. Propaganda
  7. Plug In Baby
  8. Pray (High Valyrian)
  9. The Dark Side
  10. Supermassive Black Hole
  11. Thought Contagion
  12. Interlude
  13. Hysteria
  14. The 2nd Law: Unsustainable
  15. Dig Down
  16. Madness
  17. Mercy
  18. Time Is Running Out
  19. Houston Jam
  20. Take a Bow
  21. Prelude
  22. Starlight
  23. Algorithm
  24. Stockholm Syndrome / Assassin / Reapers / The Handler / New Born
  25. Knights of Cydonia