In der Berliner Schaubühne darf er alle möglichen Facetten zeigen. Im Fernsehen kennt man ihn dagegen als Unsympathen: als ewig schlecht gelaunten „Tatort“-Kommissar oder gar als Stasi-Intriganten in der TV-Serie „Weissensee“. Nun ist Jörg Hartmann auch mal in einer positiveren Rolle zu sehen: Im TV-Film „Lotte am Bauhaus“, der am 13. Februar in der ARD ausgestrahlt wird, spielt er Walter Gropius, den Gründer und Leiter der Bauhaus-Schule. Eine Besetzung, die Sinn macht: Auch privat interessiert sich der Schauspieler sehr für Architektur und Stadtgestaltung – nur nicht immer im Sinne der Bauhaus-Schule. Das, meint er, habe aber bei der Besetzung keine Rolle gespielt. Im Gespräch erlebten wir Jörg Hartmann ausgesprochen heiter und sympathisch.

Herr Hartmann, sind Sie eigentlich ein Bauhaus-Fan? Haben Sie einen LeCorbusier-Stuhl zuhause stehen oder eine Wagenfeld-Lampe?

Jörg Hartmann: Nicht, dass ich nicht vorher schon drüber nachgedacht hatte, aber durch die Dreharbeiten hatte ich den Impuls, ich hol mir jetzt den Wassily-Stuhl von Breuer. Den wollte ich immer haben. In dem sitzt man auch gut, das kann man ja nicht von allen Bauhaus-Möbeln sagen. Aber ich habe ihn noch nicht. Was die Möbel betrifft, bin ich ganz bei Bauhaus. Was Häuser und Städtebau anbelangt, bin ich nicht immer einverstanden.

Wie kam eigentlich die Rolle des Walter Gropius an Sie? Die Ähnlichkeit kann es ja nicht gewesen sein. Wussten die Filmemacher, dass Sie sich auch privat für Städtebau interessieren und ja auch engagieren?

Ich hatte Lust darauf, mich auf diese Art noch mal genauer mit Herrn Gropius zu beschäftigen. Aber es war wohl doch reiner Zufall.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie sich das erste Mal als Gropius im Spiegel sahen?

Ich hätte auch Bock gehabt, mich äußerlich komplett in ihn zu verwandeln. Aber das wäre zu aufwendig und teuer gewesen. Ich konnte da nicht einen auf Gary Oldman als Winston Churchill machen. Aber bei einer Figur wie Walter Gropius ist das auch nicht so entscheidend, denn, seien wir ehrlich, die meisten wissen doch gar nicht, wie er aussah. Schon gar nicht in jüngeren Jahren.

Welches Bild hatten Sie vom Bauhaus?

© MDR/UFA Fiction/Stanislav Honzik | ARD/MDR

Ich kannte schon vorher all die Bauhaus-Bauten in Dessau und Co. und mag sie auch. Aber in der Masse wird diese Art der Architektur für mich zum Problem. Oft, wenn ich durch unsere Städte gehe, habe ich ein leicht frustriertes Gefühl. Die Gropiusstadt in Berlin ist das Paradebeispiel dessen, was das Bauhaus an städtebaulich katastrophalen Folgen mit sich gebracht hat, an denen wir jetzt noch elaborieren. Das Bauhaus hat ja auch einen Heiligenschein aufgesetzt bekommen, durch die Geschichte und die Verfolgung durch die Nazis. Das zieht sich bis heute durch alle Architekturschulen hindurch. Die ganze Debatte ist dadurch ideologisch geprägt.

Hat sich die Sicht jetzt durch die Filmarbeit geändert für Sie?

Das hat sich nicht grundlegend geändert Trotzdem habe ich durch die intensive Beschäftigung mit dem Bauhaus jetzt noch mal einen anderen Blick dafür. Es gibt Häuser, die wirklich aus der Tradition kommen, und Häuser, die das nur behaupten. Einiges hat auch Qualität. Ich bin da vielleicht ein bisschen sanfter geworden in meinem Urteil.

Der Film will viel: aufzeigen, wie Nazis gegen Bauhaus gewettert haben. Aber auch, dass Frauen im Bauhaus nicht so gefördert wurden wie Männer. Ist das womöglich zu viel Ambition, beides in einen Film zu packen?

Auch die Bauhaus-Serie, die Lars Kraume macht, wird ja anhand einer Frauenfigur erzählt. Ich würde den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung nicht als Erstes mit dem Bauhaus in Verbindung bringen. Aber ich finde es absolut legitim und möglich, die Geschichte aus dieser Perspektive zu erzählen. Mit der jungen Lotte Brendel hat der Zuschauer eine Identifikationsfigur, die ihn an die Hand nimmt und emotional an die Geschichte heranführt.

„Lotte am Bauhaus“ ist der erste Film in diesem Jubiläumsjahr, es werden noch einige Filme folgen. Lastet da ein besonderer Erwartungsdruck auf so einer Produktion?

Hartmann (l.) als grantelnder Kommissar mit seinem Team vom Dortmunder „Tatort“
Hartmann (l.) als grantelnder Kommissar mit seinem Team vom Dortmunder „Tatort“ © dpa | Rolf Vennenbernd

Ach Gott, den Druck kann man sich ja gar nicht machen. Ich schon mal gar nicht. Das wäre dann eher für den Regisseur und die Produzenten ein Thema. Die Serie hat natürlich viel mehr Raum, und sie beschränkt sich ja nur auf die Weimarer Zeit. Ich glaube aber, als Einstieg in das Thema ist unser Film genau der Richtige, um als erstes gezeigt zu werden. Es soll ja Leute geben, die noch heute bei Bauhaus vor allem an einen Baumarkt an der Autobahn denken. Man staunt ja, dass die den Namen überhaupt tragen dürfen bei einer Institution wie dieser! Und die gibt es ja noch! Vielleicht ist unser Film da der richtige Appetizer, um das Thema schmackhaft zu machen.

Im Fernsehen spielen Sie ja gern den Unsympathen. War das schön, zur Abwechslung mal eine positive Figur zu spielen?

Na klar. Das war natürlich auch ein Grund, warum ich diese Rolle spielen wollte. Es gibt bei Herrn Gropius ja sogar die Theorie, dass er gar nicht so viel selbst entworfen hat und viel Hochstapelei dabei war. Aber wie er sich als Gründer und Lehrer des Bauhauses eingesetzt hat, wie er da Leute gefördert hat und sie einfach hat machen lassen, auch gegen alle äußeren und inneren Widerstände, das ist schon sehr beachtlich. Davor ziehe ich meinen Hut. Und ja, lange Rede, kurzer Sinn: So eine positive Figur zu spielen mochte ich sehr.

Werden Sie da zu einseitig besetzt? Stecken Sie besetzungstechnisch in einer Schublade?

Hartmann mit Sebastian Schwarz in „Professor Bernhardi“ an der Schaubühne .
Hartmann mit Sebastian Schwarz in „Professor Bernhardi“ an der Schaubühne . © picture alliance / Eventpress Hoensch | Eventpress Hoensch

Das werde ich oft gefragt. Und es trifft bei mir auch einen gewissen wunden Punkt. Aber der Punkt wäre wunder, wenn ich nur oberflächliche Typen spielen müsste und keine charakterlichen Tiefen zeigen dürfte. Es ist schon so: Man hat so ein Bild von einem Schauspieler, Sie haben die zwei Rollen ja auch genannt. Die sind halt sehr auffällig, damit hab ich mich ja auch eingebrannt. Zumindest verbinden die Leute einen mit was. Aber das bestimmt natürlich auch das Bild der Entscheidungsträger. Da muss man dann schon mal sagen, ich habe aber noch anderes auf der Klaviatur. Aber das kriegen wir schon hin. Und eigentlich ist es doch auch besser, den Mephisto zu spielen als den Faust.

Woher kommt eigentlich Ihr Interesse an der Architektur? Wäre das vielleicht sogar eine Alternative zum Schauspiel gewesen?

Naja, wenn ich so durch die Städte gehe, geht mit mir immer mal die Fantasie durch, was ich da gern würde machen wollen. Aber die Widerstände in diesem Bereich sind ja noch viel größer als in der Schauspielerei. Um wirklich dahin zu kommen, um das bauen zu können, was man glaubt, was das Richtige sei, und dann kommen noch tausende von teils absurden Bauregeln, die der Kreativität im Wege stehen – also nee, vielen Dank. Ich spinn’ da lieber rum.

Sie engagieren sich dafür auch in Potsdam, wie Günther Jauch.

Plant für die Zukunft auch neue Aufbrüche: Jörg Hartman.
Plant für die Zukunft auch neue Aufbrüche: Jörg Hartman.© Reto Klar | Reto Klar

Naja, ich schaff das gar nicht mehr so wie früher. Es gab eine Phase, da war ich viel intensiver unterwegs. Als die Mauer fiel und ich aus dem Westen in den Osten kam, war ich wie verzaubert von den zwar verfallenen, aber doch erhaltenen Stadtbildern. Wo ich nur hoffte: Bitte macht nicht dieselben Fehler wie bei uns damals. Wo die Frage aufkam, wie baut man das wieder auf? Entstehen da dieselben 08/15-Hutschachteln, wie sie überall stehen? Oder findet man etwas, was dann doch mehr mit dem Ort zu tun hat? Und für zweiteres plädiere ich fast immer. Wir leben nun mal in gebauter Umwelt, und die prägt uns, die macht was mit einem. Ich kann da nicht meine Augen verschließen. Und wenn ich etwas schön finde, macht mir das eine Freude, das hat fast die Kraft, als wenn ich in freier Natur unterwegs bin.

Das Bauhaus feiert Jubiläum. Aber dann sprachen alle erst mal über den Skandal um das Verbot des Konzerts von Feine Sahne Fischfilet im Bauhaus Dessau. Wie haben Sie das empfunden?

Ich fand das Verbot mehr als bedenklich. Eine solche Entscheidung zu fällen, weil man Angst vor Protesten von rechts hat, und dann zu behaupten, man sei nicht politisch, ist gelinde gesagt hochbedenklich. Gerade im Hinblick auf die Geschichte des Hauses. Da muss man klar Position beziehen. Aber wenn man an einer solchen Stätte, die von den Nazis vertrieben wurde, wieder Angst vor einer politischen Rechten hat, dann kommt mir schon der Gedanke, wiederholt sich hier Geschichte.

Lassen wir mal das Bauhaus-Jubiläum beiseite. Sie haben vor 20 Jahren das erste Mal vor der Kamera gestanden, vor 25 Jahren das erste Mal auf der Bühne gestanden. Und Sie werden im Sommer 50. Ist das eine Zeit, zurückzuschauen?

O Gott, jetzt kommen die substanziellen Fragen. Gleich kommt noch der Preis fürs Lebenswerk. (lacht) Ich würde jetzt lügen, wenn ich sagen würde, das würde keine Rolle spielen. Zugleich finde ich das immer lächerlich. Aber ich habe zwei noch relativ kleine Kinder, da hat man gar keine Zeit, sich groß Gedanken darüber zu machen. Aber so viel kann ich schon mal verraten: Ich will nicht immer so weiter machen in den ewig gleichen Bahnen. Das ist schon eine Zeitenwende, da muss noch mal was Neues kommen. Ich langweile mich sonst.

„Lotte am Bauhaus“ ARD, 13.2., 20.15 Uhr.