Hauptrolle Berlin

Der Film, mit dem eine ganze Nation ihr Coming Out hatte

Es war der erste Schwulenfilm der DDR: Im Zoo Palast wird noch einmal „Coming Out“ gezeigt. Und Matthias Freihof erzählt vom Dreh.

Foto: DEFA

Dieser Film hat gleich doppelt Geschichte geschrieben. „Coming Out“ war 1989, spät genug, der erste Schwulenfilm der DDR, den Regisseur Heiner Carow gegen große Vorbehalte durchsetzen musste. Gar nicht so sehr beim eher offenen Publikum, aber bei den Kadern des Politbüros. Dann aber hatte der Film seine Premiere am 9. November 1989, am Tag, als die Mauer fiel. Und eine ganze Nation ihr Coming-out erlebte. „Coming Out“ ist darüber nicht in Vergessenheit geraten. Er fand auch im Westen sein Publikum. Und lief 1990 auf der Berlinale, im ersten Jahr, als das Festival auch im Osten bespielt wurde, als Wettbewerbsbeitrag im Zoo Palast. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird „Coming Out“ – in dem Jahr, in dem sich der Mauerfall zum 30. Male jährt – noch einmal an dieser Stelle aufgeführt.

Nach dem Mauerfall findet der Film ein großes Publikum

Es ist ein Film über die Liebe, der einen zunächst auf eine falsche Fährte führt. Und die Geschichte von einem heterosexuellen Pärchen zu erzählen scheint. Von einem jungen Lehrer, der in Ost-Berlin seine erste Stelle antritt, in der Schule mit einer Kollegin zusammenstößt und schon bald mit ihr zusammen ist. Aber eines Abends lernt Philipp (Matthias Freihof) einen Bekannten von Tanja (Dagmar Manzel) kennen – und erkennt in ihm seine Jugendliebe Jakob wieder. Eine Beziehung, die damals von seinen Eltern vertuscht und beendet wurde. Eine Beziehung, die Philipp offenbar komplett verdrängt hat.

Doch durch das Wiedersehen bricht alles wieder auf. In einer Schwulenbar lernt Philipp den jungen Matthias (Dirk Kummer) kennen – und lieben. Aber da ist auch noch die Freundin, die zudem von ihm schwanger ist. Keinem von beiden traut er sich ganz zu offenbaren, bis alle drei, ausgerechnet bei einem Weihnachtskonzert, aufeinandertreffen. Ein Scherbenhaufen der Gefühle.

Heiner Carow (1929–1997, einer der wichtigsten Regisseure der DDR, der schon immer ein möglichst genaues Bild des Alltagslebens im Arbeiter- und Bauernstaat zeigen wollte und mit „Die Legende von Paul und Paula“ den größten Klassiker der Defa schuf, wollte schon Jahre zuvor einen Film drehen, in dem auch ein Transvestit eine Rolle spielte. Aber genau aus diesem Grunde wurde „Paule Panke“ damals abgelehnt. Für „Coming Out“ aber hat Carow sieben Jahre gekämpft. Und sich mit dem Drehbuchautor Wolfgang Witt zusammengesetzt, der hier mehr oder weniger seine eigene Geschichte erzählte.

Offiziell gab sich die DDR gegenüber Homosexuellen offen und tolerant. Der Paragraf 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte, war – im Gegensatz zur Bundesrepu­blik, in der er bis 1994 fortbestand – in der DDR bereits 1969 abgeschafft worden. Inoffiziell sah die Sache freilich ganz anders aus. Es gab kaum eine Subkultur, nur wenige Lokale, in denen Schwule verkehren konnten, eine Schwulenbewegung konnte sich nur innerhalb von Kirchenkreisen organisieren. Und wurde dann auch bald von der Stasi „operativ observiert“. Aber Carow ging es nicht darum, Repressionen von außen zu zeigen. Seine Hauptfigur leidet erst mal nicht unter dem Staat, sondern unter Selbstverleugnung, bis der Lehrer mühsam und schmerzvoll zu sich findet.

Carow zeigt das sehr mit- und einfühlsam. Er gewährt dabei erstaunlich tiefe Einblicke in die kleine Schwulenszene um die Bar „Zum Burgfrieden“ und die Cruising-Area im Volkspark Friedrichshain. Und seine Darsteller – Dagmar Manzel, die bis dahin hauptsächlich Theater spielte, Matthias Freihof, der damit seine erste Hauptrolle übernahm, und der Laiendarsteller Dirk Kummer, der eigentlich der Regieassistent des Films war – sie alle überzeugen mit einem ganz natürlichen, authentischen, gerade auch in schamhaften Momenten sehr ehrlichen Spiel. Ein Drama über Liebe und Menschlichkeit, ein Appell für Toleranz und Achtung voreinander.

Was auch damals durchaus nicht selbstverständlich war: Philipps Mutter will von der Homosexualität ihres Sohnes nichts wissen. Der Kellner (Michael Gwisdek) der Bar meint, auch hier seien alle allein und hätten alle Angst. Ein älterer Schwuler, der wegen seiner Veranlagung schon im KZ saß, meint, heute seien alle gleichberechtigt, „bloß die Schwulen, die haben sie vergessen.“ Und gleich zu Beginn zeigt der Film einen Selbstmordversuch des jungen Matthias, der der Ärztin auf die Frage, warum er das getan hat, unter Tränen erklärt: „Weil ich schwul, weil ich homosexuell bin“.

„Coming Out“ zeigt aber nicht nur die Nöte der Schwulen. In der Darstellung des DDR-Alltags ging Carow sehr weit. Man staunt, dass die Szenen alle die Zensur passieren konnten. Wenn etwa Skinheads in der S-Bahn einen Schwarzen verprügeln – wo es doch laut Parteibüro in der DDR gar keine Skinheads gab. Oder wenn Philipp seine Schüler auffordert, in einem Aufsatz nicht das zu schreiben, was Lehrer lesen wollen, sondern das, was sie wirklich denken. Philipp findet am Ende seinen Weg zu sich. Der Schulverwaltung, die ihn wegen „gewisser Vorkommnisse“ unter Beobachtung stellt, wirft er am Ende ein trotziges „Ja!“ entgegen. Lernt er endlich, zu sich zu stehen. Und radelt in ein neues Leben.

„Zunächst hatten wir befürchtet, es würde niemand ins Kino kommen, weil alle in den Westen fahren würden, um sich ihre 100 Mark abzuholen“, erinnerte sich Dirk Kummer später. „Aber dann war es umgekehrt: Die Leute aus dem Westen kamen, um sich unseren Film anzusehen.“ Das Kino International, wo der Film seine Premiere feierte, war auf Monate ausverkauft, der Film hatte über eine Million Zuschauer. Und zum 10-, 20- und 25-Jährigen wurde er hier immer noch einmal gezeigt. Auch wenn beim soundsovielten Wiedersehen die Bilder immer historischer werden und manche Filme schlecht altern, kann man „Coming Out“ immer wieder neu sehen. Und andere feine Details erkennen über Menschen in einer Stadt, in einem Land, die bald selbst vor einer Schicksalswende stehen sollten.

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