Die Zeiten, da ältere Schauspieler keine Angebote mehr bekommen haben, sind glücklicherweise vorbei. Das liegt daran, dass auch ältere Zuschauer wieder öfter ins Kino gehen, die sogenannten Best Ager jedoch dort nicht nur junge Menschen sehen wollen. Das liegt aber auch daran, dass Stars zunehmend eigene Projekte produzieren oder gar selbst inszenieren.

Nur: Was spielt man dann? Ab einem gewissen Alter, seien wir ehrlich, könnte jeder Film der letzte sein. Spielt da nicht immer auch ein wenig die Überlegung mit, was die letzte Rolle sein könnte, die man mit einem verbindet?

Es ist natürlich reiner Zufall, dass nun gleich zwei Altstars in relativ kurzer Zeit eine relativ ähnliche Antwort darauf geben: Spiel’ eine Rolle, die das Leben schrieb. Eine, die kriminell ist, aber mit der man auch etwas Gentlemanmäßiges verbindet. Robert Redford, 82 Jahre alt, hat jüngst verkündet, nicht mehr weiter als Schauspieler arbeiten zu wollen. Und verabschiedet sich mit „Ein Gauner & Gentleman“. Eine Gaunerkomödie über den wahren Fall von Forrest Tucker, einem Bankräuber, der das Geld gar nicht nötig hatte, aber aus reiner Passion raubte und von dem selbst die Opfer, die er überfiel, über seine Höflichkeit schwärmten. In Deutschland kommt der Film am 28. März in die Kinos.

Keiner würde diesen netten, alten Herrn verdächtigen

Schon diesen Donnerstag startet „The Mule“. Clint Eastwood, seines Zeichens 88, hat zwar verkündet, er werde immer weitermachen, so lange es geht, betont aber zugleich, er müsse seine „Visage nicht mehr länger auf der Leinwand sehen“. Hauptsächlich arbeitet er als Regisseur, sein letzter Film, in dem er selbst mitwirkte, war 2012 „Back in the Game“. Nun inszeniert er sich in einer Gaunerkomödie über den wahren Fall von Leonard Sharp, einem tatterigen Mann, der für das mexikanische Sinaloa-Kartell Drogen über die Grenze schmuggelte, aber nie in Verdacht geriet: weil er doch so ein netter, alter, unauffälliger Herr war.

Fährt kreuz und quer durchs Land, mit Drogen im Kofferraum: Earl Stone
Fährt kreuz und quer durchs Land, mit Drogen im Kofferraum: Earl Stone © 2018 Warner Bros. Entertainment Inc., Imperative Entertainment, LLC, and BRON Creative USA, Corp. | 2018 Warner Bros. Entertainment Inc., Imperative Entertainment, LLC, and BRON Creative USA, Corp.

Ab März kann man die beiden Filme direkt miteinander vergleichen, möglicherweise als Double Feature. Und wird dramaturgische Parallelen erkennen: Beide Filme handeln auch von einer späten Hin- bzw. Rückwendung zu einer Frau. Beide erzählen nebenher die Geschichte eines Ermittlers, der den jeweiligen Gauner überführt und ihm zuvor schon ahnungslos begegnet. Redford ist dabei der Elegante und Empathische, Eastwood eher der Grantler und Misanthrop. Beides aber sind Gauner, denen man einfach nicht böse sein kann.

In Eastwoods Film heißt der Drogenkurier Earl Stone. Ein Gärtner, der seinen Pflanzen mehr Liebe angedeihen lässt als seinen Mitmenschen. Der lieber auf einen Gärtner-Kongress fährt als zur Hochzeit seiner eigenen Tochter. Das rächt sich bald bitterlich. Ein Filmschnitt weiter, und die Gärtnerei ist geschlossen, das Haus verpfändet, die Familie weg. Bei der Verlobung seiner Enkelin kommt es noch an der Haustür zum Streit mit der Ex-Frau und der Tochter. Ein Bekannter des Bräutigams aber nimmt ihn zur Seite und stellt dem Opa, der ein paar Dollar sichtlich gut gebrauchen könnte, einen Fahrdienst in Aussicht.

Der Vergleichsfilm „Ein Gauner & Gentleman“ mit Robert Refdorf als alterndem Bankräuber
Der Vergleichsfilm „Ein Gauner & Gentleman“ mit Robert Refdorf als alterndem Bankräuber © DCM | DCM

Dass es sich dabei um Drogenschmuggel handelt, wird dem Alten erst klar, als er mit seiner klapprigen Kiste in eine Garage voller schwer bewaffneter Gangster fährt. Aber Stone war im Koreakrieg und ist in einem Alter, in dem man sowieso nicht mehr viel Angst hat. Stoisch übernimmt er die Aufträge nach dem immer gleichen Prozedere: Er fährt eine Fuhre über die Grenze und lässt seinen Wagen kurz stehen. Wenn er zurückkommt, ist die Ware weg, dafür liegt ein Geldumschlag im Handschuhfach. Die Fuhren werden immer größer, die Umschläge immer dicker.

Bald hat der eben noch bankrotte Stone mehr Geld, als er ausgeben kann, und finanziert großzügig seine Lieblingskneipe oder auch die Hochzeit seiner Enkelin. Das Geschäft freilich wird auch immer brenzliger. Der neue Kartellboss misstraut dem alten Drogenkurier und lässt ihn beschatten. Die Drogenpolizei DEA wiederum beobachtet das Kartell, und ein Ermittler (Bradley Cooper, der schon in Eastwoods „American Sniper“ spielte) kommt dabei auch dem alten Stone immer mehr auf die Spur.

Das ficht den Drogenkurier alles nicht an. Fröhlich tuckert er durch die Lande, singt dabei lauthals zur Radiomusik mit. Hält auch mal an, um einem schwarzen Paar bei einer Autopanne zu helfen – auch wenn er sie „Neger“ nennt. Oder bespricht sich in einem Diner voller misstrauischer Weißer mit seinen mexikanischen Aufpassern, die er selbst „you people“ nennt. Ein sturer, starrköpfiger, latent rassistischer, aber dennoch hilfsbereiter Senior, dem keiner etwas unterstellen würde.

Clint Eastwood mit seinem halb so alten Co-Star Bradley Cooper
Clint Eastwood mit seinem halb so alten Co-Star Bradley Cooper © dpa | Michael Nelson

Bewegung kommt erst in die Sache, als seine Ex-Frau (Dianne Wiest) im Sterben liegt. Und Stone einfach den Kurs wechselt, mitsamt der millionenschweren Fuhre für Tage verschwindet, um sich spät mit der Sterbenden zu versöhnen. Da sind sowohl die Gangster als auch die Cops hinter ihm her.

Der reale Drogenkurier bekam eine geringe Haftstrafe, weil sein Anwalt wegen des hohen Alters mildernde Umstände geltend machte. Mildernde Umstände muss man ein bisschen auch diesem Film zugutehalten. Eastwood weiß sich in seinem Regiefilm lakonisch und selbstironisch in Szene zu setzen. Stellt auch mutig seinen greisen Körper aus. Und hat schöne Szenen mit Wiest, Cooper und seiner Tochter Alison Eastwood, die auch im Film seine Tochter spielt. Eastwoods Regie kommt freilich auch, nun ja, etwas altersmilde daher.

Richtige Spannung kommt da nicht auf, die ganz große Komödie wird auch nicht daraus. Das ist auch etwas, was Eastwoods Film mit dem von Redford verbindet. Aber beides sind noch mal schöne Auftritte für zwei Kinoveteranen, die nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Redford ist Eastwood dabei allerdings um eine Nasenlänge voraus: Sein Film startet in Deutschland zwar später, in den USA aber ist er schon drei Monate vor „The Mule“ ins Kino gekommen.