TV-Highlight

ARD-Serie "Holocaust" - Das Unzeigbare zeigen

Vor 40 Jahren sorgte „Holocaust“ für Kontroversen. Nun wird der TV-Mehrteiler noch einmal wiederholt. Aber nur in Dritten Programmen.

Foto: dpa / picture-alliance / dpa

Bis zu 15 Millionen Zuschauer haben seinerzeit eingeschaltet. Das entsprach einer Einschaltquote von 39 Prozent. Davon können heutige TV-Produktionen nur noch träumen. Als der US-Vierteiler „Holocaust“ im Januar 1979 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war das ein wahrer Straßenfeger. Und wurde zum Meilenstein nicht nur der Fernsehgeschichte, sondern auch der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Dem freilich war eine heftige Diskussion vorausgegangen, ob man eine solche Serie über den Völkermord an den Juden überhaupt zeigen, ob man sie dem Publikum zumuten dürfe.

Von der ARD aufgekauft, wurde die Miniserie denn auch nur in den Dritten Programmen ausgestrahlt und um Diskussionsrunden im Anschluss ergänzt, die, auch das war damals noch möglich, „Open End“ waren und an denen die Zuschauer sich per Telefon beteiligen konnten. Bis zu 20.000 Menschen nahmen daran teil – auch das ein Rekord, der nie wieder eingeholt wurde. Jetzt, 40 Jahre danach, wird der Mehrteiler noch einmal ausgestrahlt. Am heutigen Montag startet die erste Folge auf NDR und WDR, der SWR folgt zwei Tage später (jeweils 22 Uhr). Am 14. (WDR, 22.10 Uhr) und 16. Januar (SWR, 22 Uhr und NDR, 23.15 Uhr) wird überdies die Dokumentation „Wie ,Holocaust’ ins Fernsehen kam“ gezeigt.

Ein Anschlag von rechts sollte die Ausstrahlung verhindern

„Holocaust“ erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Weiss, die zwar fiktiv ist, deren Schicksal aber für all das Leid der realen Opfer steht: von den Nürnberger Gesetzen über die Reichspogromnacht und Judenstern bis zu Deportation, Ghetto, Konzentrationslager und Gaskammer. In einem zweiten Strang wird der Aufstieg eines gewissenlosen SS-Karrieristen erzählt, der die fabrikartige „Endlösung der Judenfrage“ mitorganisiert.

Die Serie bewegte damals ganz Deutschland und führte zu heftigen Kontroversen. Auch innerhalb der Fernsehhaushalte. Der Autor dieses Artikels, damals zwölf Jahre alt, kann sich noch gut daran erinnern, wie er mit seinen Eltern stritt, weil die ihn für zu jung hielten und ihn das nicht schauen lassen wollten. Und wie er sich mit seinem Großvater stritt, der gegen die Serie wütete und das dort Gezeigte für übertrieben hielt. Was man damals noch öffentlich behaupten durfte.

Während die öffentlich-rechtlichen Gremien allen Ernstes darüber diskutierten, ob man den Deutschen, dem Land der Täter, diesen Mehrteiler zumuten konnte (und ihn nur in einigen Dritten Programmen zeigte), kam bald ganz andere Kritik auf, man könne den Holocaust nicht als Seifenoper zeigen, die ohnehin nur aus kommerziellem Kalkül produziert worden sei. Der Schriftsteller Elie Wiesel empfand die Produktion gar als „Beleidigung für die, die umkamen, und für die, die überlebten.“ Versuche, die Ausstrahlung zu stoppen, kamen dann aber von ganz anderer Seite: Der Rechts-Terrorist Peter Naumann sprengte zwei Sendemasten der ARD, so dass noch während der Präsentation einer einführenden Dokumen­tation 100.000 TV-Geräte schwarz blieben. Der Anschlag gilt als einer der ersten rechten Terror-Akte im Nachkriegs-Deutschland.

Aber noch während der Ausstrahlung der einzelnen Folgen wendete sich die öffentliche Meinung, verschwanden die anfänglichen Vorbehalte und wichen einer beispiellosen kollektiven Auseinandersetzung über den Völkermord. Für den Politiker Peter Reichel bezeichnete die Miniserie als „Beginn der Bereitschaft nun auch eines Massenpublikums, sich mit der NS-Vergangenheit überhaupt auseinanderzusetzen.“

Wenn man der Serie überhaupt etwas vorwerfen kann, dann höchstens die kolportagehafte Dramaturgie, dass die schon bald versprengte Familie wirklich jeden relevanten Aspekt der NS-Gräuel miterlebt, von der Euthanasie über den Aufstand im Warschauer Ghetto bis hin zum Partisanenkrieg in den Wäldern. Eine Struktur, die freilich ein gängiges und bewährtes erzählerisches Mittel des Serienformates ist.

Was man dem Publikum zumuten kann, das wird man heute, bei dem Wiedersehen der Produktion, freilich schon ganz anders beurteilen. In „Holocaust“ laufen die Juden noch ganz brav und widerstandslos in der Reihe in ihr Verderben. Von der Gaskammer zeigte man nur das Guckloch. Mit jedem Film über die Schoah wurden die Grenzen des Bildertabus weiter ausgelotet. Die Artur-Brauner-Produktion „Babij Jar“ etwa zeigte die Massenerschießung in aller Brutalität, die Kamera immer mittendrin. Andere Filme machten sogar vor dem grausamen Tod in der Gaskammer nicht Halt.

Gleichwohl war „Holocaust“ die erste Produktion, die den großen Tabubruch wagte, das Unzeigbare zu zeigen. „Holocaust“, mit amerikanischen, aber auch deutschen Darstellern in Deutschland und Österreich gedreht, gewann acht Emmys und war der Beginn von Weltkarrieren der damals noch recht unbekannten Darsteller Meryl Streep, James Woods und Rosemarie Harris. Am Ende schrieb die Serie sogar deutsche Justizgeschichte, wird sie doch mitverantwortlich dafür gemacht, dass der Bundestag 1979 die Verjährungsfrist für Mord aufhob.

„Holocaust“ ist seither auch in Deutschland ein gängiger Begriff. Damals sprach man noch vom „Völkermord an den Juden“ und fand den Begriff, der aus der jüdisch-christlichen Tradition stammt und wörtlich ein „Brandopfer“ bezeichnet, als unpassend. Nach der Serie aber hat er sich auch hierzulande durchgesetzt. Das allein demonstriert, wie stark und nachhaltig die Wirkung dieser Serie war.

Es spricht für die ARD, dass sie nun, 40 Jahre danach, diesen Meilenstein noch einmal ausstrahlt. Es ist aber schade, dass das wieder nur in ein paar Dritten Programmen geschieht, noch dazu im Spätprogramm, und dass der RBB sich daran gar nicht beteiligt.