Film

Die Liebe in der Sprache der Vögel: „Sibel“

Ein modernes Märchen über eine Emanzipation in einer archaischen Gegend: „Sibel“ handelt von der Stille fern von jedem Handyempfang.

Foto: Arsenal Filmverleih

In einem Bergdorf am Schwarzen Meer lebt eine der ungewöhnlichsten Heldinnen der Filmgeschichte. Eine rätselhafte Krankheit hat die 25-jährige Sibel (Damla Sönmez) früh verstummen lassen. Sie verständigt sich ausschließlich pfeifend, in der Sprache der Vögel. Wie ein aus der Zeit gefallenes Rotkäppchen durchkämmt sie täglich die endlosen Wälder. In roten Gummistiefeln und mit einem Gewehr im Anschlag macht sie Jagd auf einen sagenumwobenen, gefürchteten Wolf.

Statt auf ein wildes Tier stößt sie indes auf einen fremden Deserteur (Erkan Kolçak Köstendil), der sich im Wald versteckt. Die beiden kommen sich näher, was Sibel, die bei ihrem Vater, dem Bürgermeister wohnt, verheimlichen will. Lang geht das freilich nicht gut und Sibel sieht sich im Dorf, in das die Moderne eigentlich längst in Form von Handys Einzug gehalten hat, Jahrhunderte altem Aberglauben und aggressiver Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt.

„Sibel“, Der neue Film des türkisch-französischen Künstlerpaares Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti erzählt von einer ganz persönlichen Emanzipation inmitten einer archaisch geprägten Gesellschaft. Vor allem der charismatischen Sibel und ihrem zwischen öffentlichem Amt und persönlichen Gefühlen zerrissenen Vater (Emin Gürsoy) folgt man dabei gern durch die atemberaubend schöne Berglandschaft. Wenn aber andere Frauen Sibel moralische Vorhaltungen machen, verflacht die Geschichte zu einem allzu überkonstruieren Lehrstück.

Von solch schwächeren Momenten abgesehen, bleibt „Sibel“ ein sehr sehenswertes modernes Kinomärchen, das nicht zuletzt als Hommage an die Vielfalt der menschlichen Kommunikation fasziniert. Denn die geheimnisvolle Vogelsprache existiert in jener Gegend tatsächlich und wird nicht zuletzt in unzugänglichen Bergregionen zur Verständigung eingesetzt. Dort, wo kein Smartphone mehr Empfang hat.

Drama D/F/LUX/TUR 2018 95 min., von Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci, mit Damla Sönmez, Emin Gürsoy, Erkan Kolçak Köstendil