Film

Das Monster der Einsamkeit: „Mary Shelley“

„Frankenstein“ war der Beginn der fantastischen Literatur. Und ein Befreiungsschlag. Ein Film zeigt, wie das Buch entstand.

Foto: PROKINO

Es war ein kreatives Gipfeltreffen und der Beginn einer neuen Gattung, der phantastischen Literatur, als anno 1816 der Dichter Percy Shelley mit seiner Geliebten Mary Godwin und deren jüngerer Schwester Claire Claymont in Genf Lord Byron besuchten. Claire war damals von Byron schwanger, der hatte aber auch was mit seinem Leibarzt Polidori, der ebenfalls zugegen war.

In diesem Jahr ohne Sommer, in dem es endlos regnete, vergnügten sie sich mit Schauergeschichten. Und schlossen schließlich eine Wette ab: Jeder sollte eine eigene Geschichte schreiben. Polidori verfasste daraufhin „Der Vampyr“, die erste Vampirgeschichte der Weltliteratur, die allerdings lange Byron für sich reklamieren sollte. Und Mary schrieb „Frankenstein“, ein Roman, der zu einem Klassiker der Vormoderne wurde.

Viel wurde schon geschrieben über dieses legendäre Treffen, es ist eins der meistgeschriebenen Kapitel der Literaturgeschichte überhaupt. Und nicht nur „Frankenstein“ erfreute sich seither zahlloser Verfilmungen, auch dessen Entstehung wurde schon zum Film. Wobei „Gothic“ 1986 ein typischer Film des Exzentrikers Ken Russell war, eine überdrehte Bilderorgie voller Räusche und Sex-Eskapaden.

Nun lässt die saudi-arabische Regisseurin Haifa Al-Mansour in „Mary Shelley“ noch einmal die fünf Köpfe bei flackerndem Kerzenschein beisammen sitzen. Wobei sie den Fokus klar auf Mary Shelley legt. Und die wilde, freizügige Gesellschaft von Ken Russell zurücknimmt: Hier sind es nur die Herren, die sich austoben. Während die Frauen darunter leiden.

Es beginnt wie ein Märchen der Grimms, wenn die junge Mary (Elle Fanning) unter ihrer bösen Stiefmutter leidet und nur auf den Friedhof, am Grab der Mutter (!) Ruhe findet, um Schauerromane zu lesen, aber auch die Streitschriften übers Frauenrecht, die ihre kämpferische Mutter einst verfasst hat.

Um den Haussegen zu retten, schickt der Vater (Stephen Dellane) Mary nach Schottland, wo sie den leidenschaftlichen Shelley (Douglas Booth) trifft, in den sich das Mädchen Halskrause über Kopfputz verliebt. Nicht ahnend, dass der Mann bereits verheiratet ist. Der Skandal ist perfekt, der Vater untersagt jedes weitere Treffen. Bis Mary Reißaus nimmt. Und die jüngere Schwester (Bel Powley) gleich mit. Doch die Freiheit ist nur ein anderer Kerker. Byron (Tom Sturridge) vergnügt sich zwar mit Claire, hält sie aber, wie eigentlich alle Frauen, für eine dumme Gans. Und Shelley will Mary nicht nur an einen Freund „ausleihen“, er verschreckt sie zudem mit einer Verschwendungssucht, der auch ihr uneheliches Baby zum Opfer fällt.

Dass die beiden Schwestern von Hochzeit und bürgerlichem Glück träumen, damit wird man ihnen vielleicht nicht ganz gerecht. Sie dürften selbst recht freigeistig und rebellisch gewesen sein. Und schon der Vater, der anarchistische Sozialphilosoph William Godwin, lebte ja mit Marys Mutter, der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, ohne Trauschein zusammen, was damals noch ein Skandalon war. Die Regisseurin presst ihre Frauen hier in ein gesellschaftliches Korsett, aus dem sie sich vielleicht längst befreit hatten. Zeigt damit aber umso mehr das für Frauen so restriktive Edwrdianische Zeitalter.

Die Geschichte von Frankenstein und dem Monster, das er erschafft, ist ein ewiges Mahnmal, sich nicht gegen die Schöpfung zu versündigen – und ja gerade durch den Skandal der ersten genmanipulierten Babys der Welt in China heute wieder erschreckend aktuell. In der Lesart des Films aber wird der ­Roman auch zu einer großen Allegorie auf die Einsamkeit und gesellschaftliche Isoliertheit, die nur allzu deutlich das Los von Mary Shelley widerspiegelt.

Auch wenn die Rebellen von einst ein wenig brav und kinokonfektionell gezeigt werden, entwickelt der Film doch einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Und wenn sich Mary schließlich an ihr Manuskript macht, dann gleitet die Kamera über die Handschrift und die Tintenkleckse explodieren förmlich auf dem Papier. Der Roman erschien zunächst nur anonym. Und auch nur, weil Shelley ein Vorwort schrieb. So wenig ernst nahm man damals Frauen als Autoren. Den beiden Schwestern immerhin war ein langes Leben beschieden, während die drei Herren allesamt ein frühes, tragisches Ende fanden. Der makabre Epilog dieses legendären Schauertreffens.

Drama USA 2018 120 min., von Haifaa Al Mansour, mit Elle Fanning, Douglas Booth, Tom Sturridge, Stephen Dillane, Maisie Williams