Film

Die Schatten eines Spaßmachers

Die Verfilmung von Hape Kerkelings „Der Junge muss an die frische Luft“ ist komisch und tragisch. Das lässt keinen ungerührt.

Der kleine Hans-Peter (Julius Weckauf) versucht seine depressive Mutter (Jule Heyer) am Küchentisch mit Späßen aufzuheitern

Der kleine Hans-Peter (Julius Weckauf) versucht seine depressive Mutter (Jule Heyer) am Küchentisch mit Späßen aufzuheitern

Foto: Julia Terjung / Warner Bros.

Er ist ein pummeliges Kind. Die Klassenkameraden lachen über ihn, beim Rennen ist er immer der Letzte. Und selbst das Pferd, das ihm geschenkt wird, um Eindruck auf die anderen Kinder zu machen, bereitet ihm Kummer, weil er nicht draufklettern kann. Aber wie er so halb überm Pferd hängt, trifft der Junge eine pragmatische Entscheidung: Wenn schon alle über ihn lachen, will er das wenigstens steuern. Prompt setzt er sich falsch rum aufs Pferd. Und hat die Lacher auf seiner Seite. Das mit der früh geahnten Homosexualität – dass er „andersrum“ ist, wie man damals gern sagte –, ist damit sehr feinfühlig auch schon mal geklärt.

Hape Kerkeling ist einer der beliebtesten Deutschen. Über den Komiker und Entertainer lacht Groß und Klein, seine diversen Kunstfiguren wie Hannilein, Uschi Blum und Horst Schlämmer sind Kult. Auch seine Homosexualität ist, nach dem Zwangsouting in den 90-ern, längst kein Thema mehr, hat wohl sogar, so war es ja auch gedacht, sehr zur Akzeptanz in der Gesellschaft beigetragen. Hape Kerkeling, das ist einer, den alle mögen. Das einzig Schlimme an ihm ist nur, dass er sich vor Jahren aus dem Showbiz zurückgezogen hat. Und das konsequent durchhält.

Sein Publikum will aber nicht von ihm lassen. Und ganz weg ist er ja doch nicht. Es gibt ja noch seine Bücher, die sofort Bestseller wurden, „Ich bin dann mal weg“ über sein Pilgern auf dem Jakobsweg und „Der Junge muss an die frische Luft“ über seine Kindheit, als Hape noch Hans-Peter hieß. Nachdem das Pilger-Buch schon vor drei Jahren erfolgreich verfilmt wurde, kommt nun – auf die Art bleibt Kerkeling uns doch erhalten – auch das zweite ins Kino.

Wieder zu Weihnachten, als großer Familienfilm. Auch wenn es hier durchaus nicht nur lustig zugeht. Denn Kerkelings Kindheit wurde früh von einer Familientragödie überschattet. Und dass er Komiker wurde und die Leute zum Lachen bringen wollte, hatte nicht nur mit seiner Pummeligkeit zu tun.

Es ist, zunächst, eine unbeschwerte Kindheit, die das Buch und nun auch der Film aufblättert: Anfang der 70er-Jahre in Recklinghausen, wo nach Kräften Pott gesprochen wird. Wo Schlagerseligkeit aus dem Radio dudelt. Wo das ganze Jahr über Karneval zu herrschen scheint. Und beide Großmütter erstaunlich früh den Hang des Enkels zum gleichen Geschlecht erkennen und erstaunlich offen damit umgehen, wenn er sich im Otto-Katalog zu den Herrenunterwäschemodels blättert oder sich gern mal als Frau verkleidet.

Die heile Welt bekommt erste Risse, als die eine Großmutter stirbt, auch wenn die ihm noch am Totenbett prophezeit, dass er mal was Besonderes wird. Dann aber wird die Depression der Mutter immer schwerer, die – meist allein mit den Kindern, weil der Vater auf Montage ist – sich überfordert fühlt, immer abwesender und abweisender wird. Es ist rasend komisch, wie der Zehnjährige seine Mutter mit Jux und kleinen Späßen aufzumuntern versucht, und zugleich herzzereißend traurig, weil man die Mutter lachen sieht und doch die Verzweiflung, die Leere dahinter erkennt.

Seine Mutter hat sich schließlich umgebracht, als der Junge im Zimmer nebenan saß. Ein Trauma, noch gepaart mit irrationalen Schuldgefühlen, das manches Leben aus der Bahn getragen hätte. Auch der kleine Hans-Peter scheint erst mal zu verstummen, mag keine Späße mehr machen. Und erkennt doch, dass dies das Einzige ist, womit er sich retten kann. Der Humor als Waffe, nicht nur gegen das Auslachen der Anderen, nicht nur, um die Mutter zu trösten, sondern auch, um sich selbst zu therapieren. Es sind ganz unbekannte Seiten und ungewohnte Einblicke, die der Komiker in seinen sehr persönlichen Erinnerungen gegeben hat.

Und auch wenn schon das Buch eine immense Auflage erfuhr, wird die Öffentlichkeit durch den Film noch um ein Vielfaches mehr an diesem Schicksal teilhaben. Was für ein Glück, dass dieser Stoff an Caroline Link kam, eine Regisseurin, die immer wieder von schwieriger Kindheit und Jugend erzählt wie in „Jenseits der Stille“ oder dem Oscar-prämierten „Nirgendwo in Afrika“. Link verfilmt eigentlich nur eigene Drehbücher. Hier aber machte sie eine Ausnahme. Auch weil sie das Drehbuch von Ruth Toma so beeindruckte, die etwa auf die Idee kam, dass der kleine Junge die Urform von Horst Schlämmer schon spontan im Schultheater entwickelt.

Caroline Link weiß wie nur wenige humorvolle mit hochemotionalen Szenen zu verbinden und dabei die Balance zu halten. Und sie weiß wunderbar mit kleinen Darstellern zu arbeiten. Julius Weckauf, der zuvor noch nie vor einer Kamera stand, ist die große Entdeckung des Films. Schaut man Kindheitsfotos von Hape Kerkeling, ist man überrascht über die verblüffende Ähnlichkeit. Aber die ist es nicht allein, es ist auch der Witz und die Unbefangenheit des Jungen. Weckauf, der am 27. Dezember, zwei Tage nach Kinostart, elf wird ist in fast jeder Szene zu sehen, aber er trägt sie alle. Gleichwohl ist auch Luise Heyer grandios, die die extremen Gefühlsschwankungen der Mutter in Sekunden offenlegen kann. Überhaupt überzeugt der ganze star-gespickte Cast, von Joachim Król als Opa, der sich seinen Frust von der Zigarre schmaucht, bis zu den herrlichen Großmüttern von Hedi Kriegeskotte und Ursula Werner.

Ein anderer großer Komiker, Heinz Rühmann, hat einmal ein traurig-wahres Lied gesungen über den Spaßmacher an sich: „Der Clown, der Clown / War immer lustig anzuschau’n / Doch keinen ließ der Clown, der Clown / in sein Herz hineinschau’n.“ Das war das dramaturgische Gerüst des Buchs: ein Clown, der in sein Herz schauen lässt. Aus der Verfilmung seines Bestsellers hat Hape Kerkeling sich dagegen bewusst herausgehalten. Er hat Caroline Link sogar ermutigt, ihre eigene Interpretation der Geschichte zu finden. Damit er sie selber ganz neutral betrachten kann. Am Ende hat er sich aber doch zu einem kleinen Gastauftritt überreden lassen. Da steht er als Erwachsener am Wegesrand und seiht sein frühes Ich nebst seiner ganzen Sippschaft an sich vorbeiziehen. Ein tief bewegender Moment in einem Film, der niemanden ungerührt lässt.