Film

Inszenierung und Realität: „Drei Gesichter“

Wieder hat der Iraner Jafar Panahi quasi einen Guerillafilm gedreht. Und erzählt in „Drei Gesichter“ sehr viel über sein Land.

Foto: Weltkino

Ein junges Mädchen vom Land will Schauspielerin werden. Sie ist sogar an der Schauspielschule in der Großstadt angenommen worden, aber ihre Familie will sie nicht ziehen lassen. Deshalb will sie sich umbringen. Doch zuvor dreht sie mit dem Handy noch ein „Bekennervideo“, in dem sie ihre Motive schildert und außerdem eine berühmte Schauspielerin anklagt, ihr nie auf ihre Hilferufe geantwortet zu haben. Das Video, das mit ihrer vermeintlichen Sterbeszene endet, lässt sie an eben diese Schauspielerin schicken.

„Drei Gesichter“ ist der neue Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der 2010 in seinem Heimatland mit 20-jährigen Berufsverbot belegt und zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, deren Vollstreckung weiterhin droht. Dennoch, „Drei Gesichter“ ist bereits sein vierter Film, den er quasi unter Partisanenbedingungen gedreht hat. Inzwischen hat er es in diesem „klandestinen Filmemachen“ zur wahren Meisterschaft gebracht.

Ein Beleg dafür ist der Anfang mit dem Selfie-Video des Mädchens: Mit einfachsten Mitteln gelingt hier ein hochemotionaler Einstieg in einen Film, der titelgetreu ein Vielfaches an Facetten offenbaren wird. Behnaz Jafari, im Iran ein Schauspielstar, spielt als Adressatin des „Bekennervideos“ eine Version ihrer selbst. Sie verlässt nach Erhalten der Botschaft sofort ihr aktuelles Filmset und fährt nun an der Seite von Jafar Panahi, der ebenfalls sich selbst spielt, im Auto aufs Land, um die Wahrheit über den Selbstmord zu erkunden. Den Großteil der Strecke verbringt sie in großer Anspannung: Obwohl sie von dem Mädchen noch nie gehört hat, fühlt sie sich schuldig. Als sie endlich das Elternhaus des Mädchens ausfindig machten, müssen sie erfahren, dass man es dort seit Tagen vermisst.

Panahi greift auf eine Art Krimi-Verfahren zurück, wenn er sich und Jafari als Quasi-Ermittler auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen übers Land schickt. Tatsächlich bildet der Plot nur einen Vorwand, um eine Vielzahl an Geschichten zu erzählen. Denn Panahi und Jafari begegnen auf ihrer Fahrt über die Dörfer lauter originellen Charakteren, die eigene Anliegen vorbringen. Die beiden Filmleute aus der Stadt werden überall mit Gastfreundschaft und Verehrung empfangen, müssen aber auch stets eine gewisse Distanz wahren, um sich nicht vereinnahmen zu lassen.

Als Roadtrip durch ein Stück ländliches Iran, das mit Aus­nahme des Fernsehens und der allgegenwärtigen Handys von ­modernen Entwicklungen wie abgeschnitten wirkt, ist „Drei Gesichter“ mit all seinen Laiendarstellern eine faszinierend realistische Kombination von Inszenierung und Realismus. Als Parabel auf die schwierige Rolle von Frauen und insbesondere Schauspielerinnen in dieser Gesellschaft, kommt der Film dagegen eine Spur zu hölzern und oberflächlich wohlmeinend daher.

Drama Iran 2018 100 min., von Jafar Panahi, mit Behnaz Jafari, Jafar Panahi, Marziyeh Rezaei

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