Kino

Europäischer Filmpreis 2018: Immer über Grenzen gehen

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Peter Zander
Am häufigsten nominiert: Pawel Pawlikowskis  „Cold War“ tritt in fünf Kategorien an

Am häufigsten nominiert: Pawel Pawlikowskis „Cold War“ tritt in fünf Kategorien an

Foto: - / dpa

Am Sonnabend wird in Sevilla der Europäische Filmpreis verliehen. Dabei treten vier große Konkurrenten gegeneinander an.

Eine Frau, die ihren Geliebten an die Kommunisten verrät und ihm dann doch nachfolgt. Ein Mann, der besser mit Hunden als mit Menschen kann und am Ende vor die Hunde geht. Eine verunstaltete Frau, die erfährt, dass sie in Wahrheit ein Troll ist. Ein Junge, der endlich zum Mädchen operiert werden will. Und ein junger Mann, der wie Lazarus von den Toten aufersteht, ein Wunder, das die Umwelt aber nur mit Unverständnis wahrnimmt: Das sind die Figuren, die in diesem Jahr das europäische Kino ausgemacht haben. Das sind die Dramen im Rennen um den Europäischen Filmpreis, der am Sonnabend in Sevilla verliehen wird.

In den meisten Jahren gibt es bei diesem Preis einen klaren Favoriten oder zwei Filme, die sich ein Duell liefern. Selten aber waren die Chancen so offen wie in diesem Jahr. Gleich vier Filme treten in diesem Jahr in fast allen Hauptkategorien gegen einander an. Das polnische Kalte-Kriegs-Drama „Cold War“ von Pawel Pawlikowski hat die größten Siegeschancen mit fünf Nominierungen, wird aber dicht gefolgt von Ali Abbasis schwedischem Trollmärchen „Border“, Matte Garrones italienischer Hundeparabel „Dogman“ und der biblischen Metapher seiner Landsmännin Alice Rohrwacher, „Glücklich wie Lazzaro“, die alle je vier Mal nominiert sind. Das niederländische Transgender-Drama „Girl“ bildet eine Ausnahme: Es ist ebenfalls in der Hauptkategorie nominiert, die nicht „Bester Film“, sondern „Europäischer Film“ heißt, aber dann „nur“ noch einmal für den besten Schauspieler.

Gerade bei den Schauspielern dürfte das Rennen spannend sein. Denn nicht wenige haben dabei eine große Herausforderung angenommen: Eva Melander etwa hat 20 Kilo zugenommen und musste jeden Tag vier Stunden in der Maske verbringen, um den deformierten Troll zu spielen. Der junge Tänzer Victor Polster musste in „Girl“ einen Mann spielen, der eine Frau sein will. Solche Grenzüberschreitungen werden bei Preisverleihungen gern gewürdigt.

Um Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen aber geht es in all diesen Filmen. Und das passt sehr gut zu der Europäischen Filmakademie, die die Preise vergibt und, gerade in Zeiten, da allerorten wieder nationalistische Töne laut werden, das Verbindende des europäischen Gedankens verteidigt.

Vier der für den Europäischen Film nominierten Werke sind von ihrem Land als Kandidat für den Auslands-Oscar eingereicht worden: „Cold War“ für Polen, „Glücklich wie Lazarro“ für Italien, „Border“ für Schweden und „Girl“ für Belgien. Alle vier liefen zuvor in Cannes, wo „Cold War“ den Preis für die Regie gewann, „Glücklich wie Lazzaro“ den fürs Drehbuch, „Border“ den Hauptpreis in der Sektion Un Certain Regard und „Girl“ eine Goldene Kamera und den Nachwuchs-Darstellerpreis. Während der Europäische Filmpreis 2017 ein Duell zwischen dem Cannes-Sieger „The Square“ und dem Berlinale-Sieger „Körper und Seele“ war, also auch ein Kräftemessen der Festivals, ist dieses Jahr eher ein Schaulaufen für Cannes. Oder Europas Filmakademie hat sich nur dort umgeschaut.

Es bleibt abzuwarten, ob die über 3300 Mitglieder eher nach dem Gießkannenprinzip verteilen oder ob Pawel Pawlikowski seinen großen Erfolg von 2014 wiederholen kann, wo er gleich vier Trophäen und den Publikumspreis einstrich. Einige Preisträger in Nebenkategorien sind schon bekannt gegeben worden, und sie deuten eher auf die Gießkanne: „Cold War“ bekam die Auszeichnung für den Schnitt, „Dogman“ für Kostümbild und Make-Up, „Border“ für die Visuellen Effekte.

Kaum Hoffnungen kann sich dagegen das deutsche Kino machen. Das ist umso bedauerlicher, als dieses Jahr künstlerisch durchaus ergiebig war mit auch international erfolgreichen Titeln wie Christian Petzolds „Transit“, Thomas Stubers „In den Gängen“ und Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“, die alle auf der Berlinale gefeiert wurden. Aber dieses Festival schlägt sich, wie gesagt, diesmal nicht nieder beim Europäischen Filmpreis. „3 Tage in Quiberon“ immerhin hat auch schon einen Preis erhalten – für die Filmmusik.

Und Marie Bäumer ist als einzige deutsche Filmschaffende in Sevilla noch im Rennen. Die Schauspielerin, die immer auf ihre Ähnlichkeit mit Romy Schneider angesprochen wurde, hat sich dieser Herausforderung schließlich gestellt und die Schneider in „3 Tage in Quiberon“ verkörpert, eine seelische Tour de Force. Dennoch werden ihre Chancen eher gering eingeschätzt. Die meisten Hoffnungen darf sich Joanna Kulig aus „Cold War“ machen, dem man auch schon Oscar-Chancen einräumt. Deutschland kann da nur noch auf „Glücklich wie Lazzaro“ hoffen, der zumindest mit deutschen Geldern koproduziert wurde.

Aber, das ist ja das Schöne an der Europäischen Filmakademie: So national denkt da eigentlich keiner. Vor allem beschwört man mit diesem Filmpreis den großen, europäischen Geist und die kulturelle Vielfalt des Kontinents. Für die man eben auch über die Grenzen schauen muss.

Nominierungen in den wichtigsten Kategorien



Europäischer Film
„Border“ (Schweden), „Cold War“(Polen), Dogman“ (Italien), „Girl“ (Belgien/Niederlande), „Glücklich wie Lazzaro“) (Italien).
Regisseur:
Ali Abassi für „Border“, Matteo Garrone für „Dogman“, Samuel Maoz für „Foxtrot“, Pawel Pawlikowski für „Cold War“, Alice Rohrwacher für „Glücklich wie Lazzaro“.
Schauspielerin: Marie Bäumer für „3 Tage in Quiberon“, Halldóra Geirhardsdóttir für „Gegen den Strom“, Joanna Kulig für „Cold War“, Bárbara Lennie in „Petra“, Eva Melander für „Border“, Alba Rohrwacher für „Glücklich wie Lazzaro“.
Schauspieler: Jakob Cedergren für „The Guilty“, Rupert Everett für „The Happy Prince“, Marcello Fonte für „Dogman“, Sverrir Gudnason für „Borg McEnroe“, Tomasz Kot für „Cold War“, Viktor Polster für „Girl“.
Drehbuch:
Ali Abbasi für „Border“, Matteo Garrone für „Dogman“, Gustav Möller für „The Guilty“, Pawel Pawlikowski für „Cold War“, Alice Rohrwacher für „Glücklich wie Lazzaro“.

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