Film

Frauen, die ihren Mann stehen: „Widows“

Steve McQueens meisterhafter Thriller „Widows – Tödliche Witwen“ verhandelt auch einiges über Politik, Rassismus und Feminismus.

Foto: 20th Century Fox

Gleich in seinen ersten Minuten entwickelt dieser Film eine Sogwirkung, die bis zum Ende anhält. Veronica (Viola Davis) liegt mit ihrem Mann Harry (Liam Neeson) im Ehebett. Küsse. Stille. Schnitt. Plötzlich ist mit Getöse ein Raubüberfall in vollem Gang. Vier Gangster sind auf der Flucht. Sie liefern sich eine hektische Verfolgungsjagd mit der Polizei durch die Straßen Chicagos. Schnitt.

Wieder Stille. Wieder halten sich Veronica und Harry verliebt in den Armen. Schnitt. Die Räuber flüchten mit ihrem Minibus in eine Garage. Polizei taucht auf, durchsiebt das Auto mit MG-Salven, bis das Fahrzeug explodiert. Alles geht in Flammen auf. Auch die vier Gangster samt ihrer Beute. Und ihre Ehefrauen, eine davon ist Veronica, werden über Nacht zu Witwen.

Für sein neues Projekt hat sich der britische Künstler und Filmregisseur Steve McQueen, dessen vorige Arbeit „12 Years A Slave“ 2014 den Oscar für den besten Film erhielt, dem Thriller-Genre zugewandt. Er hat sich eine britische Fernsehserie aus den 80er-Jahren vorgenommen. Er hat sich für das Drehbuch der Mitarbeit von Bestsellerautorin Gillian Flynn („Gone Girl“) versichert. Und er hat mit „Widows – Tödliche Witwen“ einen ungeheuer spannenden und tiefgründigen Film gedreht, der Themen wie Schmerz und Rache, Kriminalität und Polit-Korruption, Rassismus und Feminismus zu einer bildmächtigen Erzählung verdichtet.

Nach dem Tod ihres Mannes ist Veronica vom Leid gezeichnet. Da taucht Gangsterboss Jamal Manning (Bryan Tyree Henry) bei ihr auf. Die zwei Millionen Dollar Beute haben ihr Mann und seine Kumpane diesem Manning gestohlen. Und der will sie nun von Veronica zurück. Weil er groß in die Politik einsteigen und mit dem Geld seinen Wahlkampf gegen den korrupten Jack Mulligan (Colin Farrell) finanzieren will.

Zwei Wochen gibt er ihr Zeit. Veronica, die über ein Notizbuch verfügt, in dem ihr Mann alle seine Überfälle akribisch geplant hat, beschließt, zusammen mit den anderen Witwen den im Notizbuch festgehaltenen nächsten, fünf Millionen Dollar schweren Coup selbst durchzuziehen. Sowohl Alice (Elisabeth Debicki) als auch Linda (Michelle Rodriguez) kann sie auf ihre Seite bringen. Allein Amanda (Carrie Coon) will bei der Sache nicht mitmachen. Aus Gründen, derer man erst später gewahr wird. Da der Job aber vier Akteure braucht, holen sie die Friseurin Belle (Cythia Erivo) mit ins Boot.

Vordergründig geht es um vier unbescholtene Frauen, die ohne jede kriminelle Erfahrung das große Ding planen. Doch in „Widows“ geht es um viel mehr. Nämlich um kriminelle Verstrickungen zwischen Politik und Unterwelt von Chicago, von denen die vier Amateurgangsterinnen nichts ahnen. Es gibt unterschiedlichste Erzählstränge, die McQueen virtuos verknüpft. Es gibt überraschende Wendungen, mit denen er die Zuschauer verblüfft. Nicht alles ist so, wie es zunächst scheint.

In atmosphärisch dichten Bildern, mit markantem Schnitt und Gespür für seine Figuren zeichnet McQueen ein abgründiges Panorama des metropolen Lebens der USA. Wirklich sympathisch ist da außer den vier Frauen keiner. Und der Film ist bis in die kleinsten Rollen vorzüglich besetzt, darunter auch Altmeister Robert Duvall als Polit-Tycoon Tom Mulligan oder der oscar-nominierte Daniel Kaluuya („Get Out“) als kleiner Bruder und Handlanger von Unterweltkönig Manning. Selten hat man einen so bodenlos zynischen und kaltblütigen Geldeintreiber wie diesen feisten Typen Jatemme auf der Leinwand erlebt. Kaluuya gibt ihm beängstigend einschüchterndes Format.

„Widows“ ist ein intelligenter, raffinierter und dialogstarker Thriller, der seine klassische Krimistory mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik würzt. Meisterhaft.

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