Film

Die Geschichte der Dienerin: Alfonso Cuaróns „Roma“

So poetisch, so persönlich, so kraftvoll: In „Roma“ setzt Alfonso Cuarón dem Hausmädchen, mit dem er aufgewachsen ist, ein Denkmal.

Foto: Netflix / dpa

In einer Beziehung hat sich Alfonso Cuaróns „Roma“ schon jetzt in die große Kinogeschichte eingeschrieben: als Film, der eine große Debatte ausgelöst hat, die nichts, aber auch gar nichts mit seinem Inhalt, sondern einzig mit seiner Vertriebsform zu tun hat. Ist ein Film, der nicht im Kino läuft, sondern nur per Streaming zu sichten ist, überhaupt noch ein Kinofilm?

Zur Rekapitulation: Im Mai wurde „Roma“ vom Festival in Cannes abgezogen, weil man dort keine Filme ohne Kinoauswertung mehr in den Wettbewerb lassen wollte. Das Festival in Venedig zeigte sich weniger zimperlich, Cuarón bekam dort sogar den Goldenen Löwen. Im Oscarrennen wird „Roma“ nun als erste Netflix-Produktion mit Aussicht auf eine Nominierung für den Besten Film gehandelt. Für den besten nicht-englischsprachigen Film ist er bereits von Mexiko vorgeschlagen. Einzig um die Vorgaben dafür zu erfüllen, bringt Netflix „Roma“ nun eine Woche vor Streamingstart in ausgewählten Ländern in einige Kinos.

Wer den Film nun im Kino sieht, wird schnell begreifen, dass „Roma“ sich für eine Debatte über Kino versus Streamingauswertung bestens eignet. Denn einerseits sind da die großartigen Schwarzweißbilder (Cuarón führte selbst die Kamera), die sich erst auf der großen Leinwand so richtig entfalten können. Andererseits sind die einzelnen Szenen so vollgepackt an Details, mit einer ausgetüftelten Dramaturgie, die mit Stimmen aus dem Off und Personen im Hintergrund arbeitet, dass man sich auch im Kinosessel manchmal wünscht, man könnte auf den Wiederholungsknopf drücken.

„Roma“ – der Titel bezieht sich auf einen Stadtteil von Mexico City – erzählt mit viel autobiographischer Unterfütterung seitens des Regisseurs vom Aufwachsen in einer bürgerlichen Familie in Mexikos Hauptstadt Anfang der 70er- Jahre. Es ist eine Zeit der großen Unruhen und politischen Konfrontationen, die Cuarón vor allem aus der Perspektive der Hausangestellten Cleo (Yalitza Aparicio) zeigt. Mit langen, das chaotische Stadtleben im Panorama erfassenden Einstellungen lässt er Tage und Wochen mit ihren Alltagsverrichtungen vergehen - und erfasst dabei präzise ihren sozialen Zwischenstatus: Sie putzt, macht die Wäsche, holt den Kleinsten von der Schule ab und räumt abends, wenn alle fernsehen, das Geschirr weg.

Wie der „kleine“ Alltag mit den großen Ereignissen mal mehr, mal weniger kollidiert, fängt Cuarón durch Fahrten ein, bei denen die Kamera gleichsam zum Passanten wird, der Cleo etwa mitten durch das Chaos des sogenannten „Fronleichnam-Massakers“ vom Sommer 1971 folgt, bei dem sie selbst nur knapp dem Erschießungstod entgeht. Dem Regisseur von Gravity“, der hier erstmals nach seinem Durchbruchsfilm „Y tu mamá también“ thematisch in seine Heimat zurückkehrt, gelingt nicht nur eine Hommage an das stille Wirken des Hausmädchens, das seine Kindheit geprägt hat. „Roma“ ist ein filmisch herausragendes Epochenporträt von faszinierender atmosphärischer Dichte. In anderen Worten: ganz großes Kino.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.