Film

Wette mit fatalen Folgen

In seinem dritten Regie-Film „100 Dinge“ überrascht Florian David Fitz mit überraschend konsum- und kapitalismus-kritischen Tönen.

Foto: Warner Bros

Deutsche Filmkomödien beschränken sich gern auf Beziehungsnöte oder dysfunktionale Familien. Einmal erfolgreiche Rezepte werden, wird wieder und wieder durchgenudelt. Die Komödie als Plattform, um auch brisante gesellschaftspolitische Themen durchzuspielen und dann auch wieder wegzulachen, das ist eher eine Stärke des britischen oder französischen Kinos. Aber da überrascht nun dieser Film mit für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich scharfen Tönen: „100 Dinge“ handelt von Konsumwahn, Kapitalismuskritik und watscht auch gleich noch die Mitschuld der sozialen Medien daran ab.

Das ist erst mal gut kaschiert als Buddy-Film. In seinem bereits dritten Regiefilm inszeniert sich Florian David Fitz zum zweiten Mal neben Matthias Schweighöfer. Beide haben als typische Berliner Hipster eine App entwickelt, wodurch das Handy in jeder gewünschten Stimme mit einem redet. Eine Art Alexa-to-go. Der ultimative Kick für die Kommunikations­gesellschaft, ohne dass man mit jemand Echtem sprechen muss.

Voller Gründerstolz präsentiert Paul (Fitz) seine Erfindung einem amerikanischen Multi-Unternehmen. Das winkt allerdings müde ab. Bis Toni (Schweighöfer) seinem Kumpel in den Rücken fällt und die eigentliche Sensation der App preisgibt: Sie speichert das Konsumverhalten des Users. Paul ist darauf Monate lang hereingefallen, hat alles gekauft, was man ihm auf diese Art zugespielt hat.

Da schlägt der Amerikaner mit dem findigen Namen Zuckerman – eine hübscher Seitenhieb auf Mark Zuckerberg & Co. – zu und bietet Millionen. Die uralte Freundschaft der beiden Jungs ist aber erst mal zerrüttet. Und kulminiert in einer vor der eigenen Firma gemachten Wette: Sie wetten, jeder könne länger ohne Dinge auskommen als der andere. Verkatert und geschockt wachen sie am nächsten Morgen auf: nackt, in ihrer kahlen Wohnung. 100 Tage müssen sie auf alle Dinge verzichten, an jedem Tag kriegen sie immerhin eine Sache zurück.

Das führt zu erwartbaren Pointen, wenn die beiden splitternackt über die Oberbaumbrücke flitzen. Beide Stars haben offensichtlich einen Hang dazu, sich in ihren Filmen immer wieder nackig zu machen. Aber es bleibt nicht bei solchen Oberflächlichkeiten. Auch die Liebesgeschichte, ohne die es natürlich nicht geht, steht unter anderen Vorzeichen, weil die Angebetete (Miriam Stein) unter notorischem Konsumzwang leidet.

Dass man nicht so an Dingen hängen muss, dass man sogar mal auf sein Handy verzichten könnte, um miteinander zu reden, das sind im deutschen Kino durchaus ungewöhnliche Erkenntnisse. Und sie wirken lange nach. Plötzlich überlegt man, ob man den ganzen Weihnachtseinkaufsstress einfach mal sein lässt. Man könnte ja stattdessen miteinander ins Kino gehen.

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