Film

"Astrid": So war das Leben von Pippi Langstrumpfs Schöpferin

Astrid Lindgren prägte die Kindheit von Generationen. Aber ihre eigene Kindheit fand ein abruptes Ende. Das zeigt nun ein Film.

Trügerische Idylle: Die junge Astrid (Alba August) muss ihren unehelichen Sohn Lars weggeben. Und der erkennt sie bald nicht mehr als seine Mutter an.

Trügerische Idylle: Die junge Astrid (Alba August) muss ihren unehelichen Sohn Lars weggeben. Und der erkennt sie bald nicht mehr als seine Mutter an.

Foto: DCM Erik-Molberg-Hansen

Berlin. Wir kennen sie alle, sie waren unsere ersten Freunde: Pippi Langstrumpf, Michael aus Lönneberga, Karlsson vom Dach und all die anderen Figuren, die sie erschaffen hat. Astrid Lindgren ist Kindheit. Sie hat nicht nur unser aller Kindertage bezaubert und inspiriert, sie hat nicht nur ganze Generationen weltweit geprägt. Nein, viel mehr: Die Autorin all dieser Kinderbuchklassiker hat ein Stück weit mitdefiniert, was Kindheit überhaupt ist. Oder im Idealfall sein sollte.

Aber wie sah ihre eigene Jugend aus? Wie wurde Astrid Lindgren zu der liebevoll lächelnden Omi, als die wir sie von den Buchklappenfotos kennen? Darüber weiß man wenig, darüber hat die 2002 verstorbene Autorin selbst zeitlebens kaum gesprochen. Nun wagt sich ein Film mit dem schlichten Namen „Astrid“, der diese Woche ins Kino kommt, an dieses ungeschriebene Kapitel ihres Lebens heran. Und zeigt, dass ihre Kindheit ziemlich schnell vorbei war. Und von einem schweren Trauma überschattet wurde.

Der Schmerz ihres Lebens: Sie musste ihren Sohn hergeben

Wir begegnen der jungen Astrid Ericsson zunächst wie einer ihren späteren Kinderbuchfiguren: in Småland, dem späteren Lindgren-Universum, als keckes, zappeliges Mädchen, das nicht still halten kann und ständig etwas auszuhecken scheint. Sie muss auf dem elterlichen Hof mit anpacken. Aber sie hat ihren eigenen Kopf. Und lässt sich kaum etwas sagen. Für ihre kleinen Geschwister erfindet sie Geschichten. Und wenn sie beim Tanzen kein Junge auffordert, tanzt sie halt mit Mädchen. Oder allein.

Heute würde man so was womöglich verhaltensauffällig nennen oder gar ADHS diagnostizieren. Ihre strenge Mutter schilt sie für ihr Betragen. Weil sich das nicht gehört für ein Mädchen. Weil die Leute reden könnten. Und weil ihr Hof der Kirche gehört. Astrids Vater ist verständnisvoller und arrangiert ein Praktikum bei der kleinen Ortszeitung in der Stadt. Hier blüht sie auf. Endlich wird sie ernst genommen. Endlich darf sie schreiben. Bekommt auch staunend Zeitschriften für neue, moderne Frauen in die Hand. Und schneidet sich das Haar ab, das sie vorher schon frech zu Pippi-Zöpfen geknotet hat, trägt den ersten Bubikopf der Gegend. Der Name ist Programm. Die Frisur, meint die Mutter, werde sie in die Hölle bringen. Das ist natürlich Unsinn. Aber die Hölle, sie kommt dennoch.

Denn das Mädchen, noch keine 18, und der Redakteur, der ihr Vater sein könnte und obendrein verheiratet ist, sie verlieben sich. Und Astrid wird schwanger. Ehebruch, außerehelicher Sex, uneheliches Kind: All das ist vor 100 Jahren noch ein handfester Skandal. Es droht gar eine Anklage wegen „Hurerei“, so der damalige Straftatbestand. Weshalb Astrid nach Kopenhagen flieht, wo bei der Geburt kein Vater angegeben werden muss. Und wo sie ihren frisch geborenen Sohn in die Obhut einer fürsorgenden Frau gibt.

Die Geschichte einer Befreiung. Die frühe Emanzipation einer jungen Frau gegen alle Konventionen, gegen Scham und Schuldgefühle. Astrid rettet ihren Ruf nicht einfach durch eine Ehe. Mutig und selbstbewusst geht sie allein ihren Weg. Bis die Pflegemutter unheilbar erkrankt und das Arrangement zerbricht. Da muss sich die junge Mutter, die inzwischen in der schwedischen Buchhandelszentrale in Stockholm ar­beitet – übrigens als Nachfolgerin einer gewissen Zarah Leander, aber das ist im Film kein Thema –, plötzlich allein um ihren Sohn kümmern. Und der begegnet der ihm fremden Frau erst mal geschockt und ablehnend. Sie gewinnt den heulenden Bub, indem sie, einmal mehr, Geschichten erfindet. Mit denen sie sich auch die eigene unschuldige Zeit zurückruft. Und einen Frei- und Fantasieraum kreiert, in den sich auch andere hineinträumen können. Der Grundstock für ihr späteres Schaffen.

„Astrid“ lebt ganz von dem ehrlichen, unprätentiösen Spiel der Hauptdarstellerin Alba August. Die Tochter des dänischen Filmregisseurs Bille August weiß alle Nuancen vom frechen Mädchen bis zur allzu früh erwachsen Gewordenen zu zeichnen. Eine echte Entdeckung. Dabei dringt der Film für ein Biopic weit ins Feld des Spekulativen vor. Weil Astrid Lindgren eben nicht über diese Zeit gesprochen hat.

Lindgrens Tochter, Karin Nyman, hat „Astrid“ denn auch lautstark kritisiert: „Das hätte man nicht tun können, wenn Mama noch gelebt hätte“, so die 84-Jährige: „Sie hätte zu diesem Film laut Nein gesagt.“ Dabei will „Astrid“ nichts anderes sein als eine liebevolle Annäherung. Eine Spurensuche einer Regisseurin, die wie alle anderen auch von Astrid Lindgren geprägt wurde. Es geht also um das Bild, das wir uns von der Autorin machen: um unsere Astrid.

Es ist kein Zufall, dass Pernille Fischer Christensen, die gefeierte Regisseurin von Filmen wie „En Soap“ und „Eine Familie“, keine Schwedin ist, sondern Dänin. In Schweden, so die Filmemacherin im persönlichen Gespräch, sei Lindgren eine Ikone. Eine Mutter Teresa. Eine Institution kurz vor Gott. Fischer Christensen, die das Drehbuch mit ihrem Mann, dem Kinderbuchautor Kim Fupz Aakeson schrieb, wollte Lindgren dagegen als menschliches Wesen begreifen, wollte dem nachspüren, wie sie gewesen sein könnte. Sie hat ihr den Heiligenschein genommen, aber den Menschen, die Frau dahinter offenbart. Und zementiert damit ein anderes Denkmal Astrid Lindgrens: das als Vorkämpferin der Emanzipation und Leitfigur, die anderen Frauen den Weg gebahnt hat.

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