Film

Die Geister, die ich rief

Idealer Adventsauftakt: „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ erzählt die Entstehung der berühmten „Weihnachtserzählung“.

Heureka: Charles Dickens (Dan Stevens, hinten) hat Scrooge gefunden (Christopher Plummer, r.), die Hauptfigur für sein neues Werk.

Heureka: Charles Dickens (Dan Stevens, hinten) hat Scrooge gefunden (Christopher Plummer, r.), die Hauptfigur für sein neues Werk.

Foto: Kerry Brown / KSM Cinema

Weihnachten ist eine Erfindung des Biedermeier. Jahrhunderte lang war das Fest ein Privileg der Fürstenhäuser, die allein es sich leisten konnten, große Tafeln zu decken und Geschenke zu verteilen. Doch mit dem Aufkommen des Bürgertums setzte sich das Brauchtum in größeren Teilen der Gesellschaft durch – wenngleich dies immer noch lange privilegierten Schichten vorbehalten blieb. Den Geist der Weihnacht hat aber, jenseits der kirchlichen Bedeutung, niemand so stark geprägt wie Charles Dickens mit seiner „Weihnachtsgeschichte“.

Keine Adventszeit vergeht, ohne dass nicht eine der zahllosen Verfilmungen, vom alten Klassiker bis zur schrägen Muppet-Version, im Fernsehen wiederholt wird. Ohne dass nicht auf etlichen Bühnen die Musical-Version „Vom Geist der Weihnacht“ erklingt. Dieses Jahr freilich werden die üblichen Verdächtigen um eine neue Variante bereichert. Der Film „Charles Dickens – Der Mann, der Weihnachten erfand“, der Donnerstag ins Kino kommt, erzählt einmal nicht die berühmte Geschichte des geizigen Ebenezer Scrooge, dessen kaltes Herz vom Geist der Weihnacht erweicht wird, sondern wie die Erzählung überhaupt entstand. Das Making-Of eines der berühmtesten Märchen der Welt, das seit 175 Jahren die Kindheit prägt.

Das Genie wird zum Selfmademan

Charles Dickens erscheint uns hier als netter, wenn auch naiver Bonvivant. Gerade noch ist der Schöpfer von „Oliver Twist“ durch die USA getourt und triumphal gefeiert worden. Ein Popstar seiner Zeit. Doch zurück in London, fallen gleich drei Bücher hintereinander durch. Die Mäuler zuhause wollen gestopft werden. Die Handwerker, die sein Heim verschönern, fordern auch ihren Lohn. Und Thackeray, der große literarische Konkurrent, fragt spöttisch, ob seine „Lampe erloschen“ sei. So setzt Dickens sich hin und tut das einzige, was er kann. Ein Buch schreiben. Weil seine Verleger kein Geld mehr mit ihm riskieren wollen, verlegt er es eben selbst. Am besten, so das Kalkül des Instant-Selfmademan, sollte es von Weihnachten handeln. Das wäre dann das ideale Geschenk zum Fest. Das steht allerdings in sechs Wochen an. Das heißt also einen Schnellschuss produzieren.

Klassiker in der Krise, das Genie mit Schreibhemmung, das nur Tintenkleckse auf leere Papierbögen bringt, das ist von jeher ein so probates wie unterhaltsames Mittel, um uns die großen Klassiker der Literatur augenzwinkernd näher zu bringen. Unvergessen Joseph Fiennes als hadernder Dramatiker in „Shakespeare in Love“. So ähnlich ergeht es nun auch Dickens, dargestellt von Dan Stevens, den man vor allem aus der Serie „Downton Abbey“ kennt und seither sofort mit typisch britischem Understatement verbindet.

„Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ – ein Stoff, der auch erst ein Buch war, bevor es verfilmt wurde – geht freilich noch ein Stück weiter: Schnell hat Dickens seine Hauptfigur gefunden, einen alten, misanthropischen Geizhals, dem er zufällig begegnet und dem er den Namen Scrooge verpasst. Aber die Geschichte daraus will sich nicht recht entwickeln. Wie Scrooge in der Erzählung dem unseligen Geist von Marley begegnet, der ihn auf einen besseren Weg bringen will, so erscheint Dickens in diesem Film selbst immer wieder sein Scrooge (gespielt von Alt-Star Christopher Plummer). Der will allerdings keineswegs geläutert werden, er hält den Autor immer wieder davon ab, die Geschichte zum Guten zu wenden. So muss Dickens regelrecht mit seiner eigenen Figur ringen, um sein Werk zu vollenden.

Bei dem Schaffensprozess sucht ihn noch ein zweiter Plagegeist heim, und der ist ganz real: Sein stets klammer Vater (noch ein Alt-Star: Jonathan Pryce) schmarotzt sich in seinen Haushalt. Hier gibt der Film interessante biographische Einblicke, die nicht jedem Leser bekannt sein dürften: Denn Dickens senior musste einst ins Schuldgefängnis, mit seiner gesamten Familie, bis auf den kleinen Charles, der sich unter härtesten Bedingungen in einer Fabrik verdingte. Hieraus resultiert all das Verständnis und die Wärme, die Charles Dickens stets für die benachteiligte Unterschicht aufgewendet hat. Hier liegt der Ursprung für all seine entwurzelten Waisen-Figuren von Oliver Twist bis David Copperfield. Dies ist überhaupt die Keimzelle des großen Humanismus dieses größten aller Romanciers.

Dickens muss erst den Scrooge in sich erkennen

Daraus hätte man noch einen ganz anderen, weit sozialkritischeren Film machen können. Der indische Regisseur Bharat Nalluri erzählt die Entstehung von Dickens’ Märchen aber lieber selbst als Märchen, in der Dickens zu einer seiner eigenen Figuren wird. Dass die „Weihnachtsgeschichte“ bei ihrem Erscheinen auch eine Utopie darstellte, wie man die industrielle Revolution ein bisschen menschlicher gestalten könnte und wie Dickens damit pädagogisch an das bürgerliche Gewissen gegenüber den sozial Schwächeren appellierte, all das bleibt ausgeklammert. Stattdessen gibt es jede Menge Spezialeffekte und Budenzauber, wie man sie aus vielen „Christmas Carol“-Verfilmungen kennt. Gibt es hübsche kleine Anspielungen, wie gewisse Szenen und Figuren Eingang in das Werk finden. Die große Pointe aber ist die, dass Charles Dickens erkennt, dass er selbst ein kleiner Scrooge ist, der erst durch sein Buch zu einem besseren Menschen wird.

Damit ist „Der Mann, der Weihnachten erfand“ dann doch der ideale Auftakt zum 1. Advent am kommenden Sonntag. Ein wenig zu süß vielleicht, aber das passt ja zum Weihnachtsgebäck. Und was immer man auch mit der Vorlage angestellt: Die „Weihnachtsgeschichte“ ist ohnehin unkaputtbar.