Theater

Sebastian Schwarz: „Ich will etwas Neues wagen“

Sebastian Schwarz probt derzeit an der Schaubühne „Italienische Nacht“. Es wird erst mal seine letzte Produktion an dem Hause sein.

Elf Jahre lang hat Sebastian Schwarz an der Schaubühne gespielt. Doch jetzt will er sich eine Auszeit nehmen

Elf Jahre lang hat Sebastian Schwarz an der Schaubühne gespielt. Doch jetzt will er sich eine Auszeit nehmen

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Gerade spielt er die ersten Aufführungen seit langer Zeit. Und das, gibt Sebastian Schwarz zu, sei gar nicht so leicht. Durch die Renovierung der Schaubühne ist der Schauspieler hier seit Mai nicht mehr aufgetreten. Hat aber in der Zwischenzeit ganz viel gedreht. Gleich zwei Serien, „Deutsch-Les-Landes“ mit Christoph Maria Herbst und die Impro-Serie „Andere Eltern“, dazu noch den Kinofilm „Als ich mal groß war“. Den ganzen Sommer stand er quasi vor der Kamera. „Wenn du zehn Jahre lang diesen Theateralltag hast – proben, spielen, proben, spielen –, ist das im Körper drin“, sagt Schwarz. „Aber wenn du draußen bist, braucht das lange, bis man konditionell wieder darauf eingestellt ist.“

Jetzt ist er zurück in dieser Mühle. Abends spielt er, an diesem Abend steht „Professor Bernhardi“ auf dem Programm. Tags probt er „Italienische Nacht“. Zwischendrin treffen wir uns auf einen Espresso in der Caféteria des Hauses. Dabei, grinst der 34-Jährige, sei die Inszenierung „quasi fertig“. Ödön von Horváths „Italienische Nacht“ wurde ja schon im März geprobt. Dann aber ist einer der Schauspieler, Hans-Jochen Wagner, wegen einer längeren Erkrankung ausgefallen. Wegen diverser Verpflichtungen und Gastspiele des Hauses wurde das Stück daher um ein halbes Jahr verschoben.

Durch die Verschiebung ist das Stück noch aktueller

Am 23. November ist nun endlich Premiere von Horváths grandioser Posse über eine sozialdemokratische Ortsgruppe, die 1930 einen geselligen Abend feiern will, während sich draußen rechtsex­treme Verbände zusammenrotten. Nur einer von ihnen, Martin, warnt davor und überredet die eigene Geliebte, bei den Nazis zu spitzeln, schickt sie also auf den „politischen Strich“, wie ein Genosse ihm vorwirft. Diesen Martin spielt Sebastian Schwarz, der selbst bis vor Kurzem der SPD angehörte und sich nun bei der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ engagiert.

Das Stück ist erschreckend aktuell. Es sei, gibt der Mime zu, durch die Verschiebung sogar noch aktueller geworden, mit allem, was man im Sommer erlebt habe, in Chemnitz und anderswo, aber auch was den Niedergang der SPD anbetrifft. „Plötzlich hat uns die Wirklichkeit da eingeholt.“ Umso wichtiger sei es, das Stück nun endlich auf die Bühne zu bringen, als direkten Spiegel, um zu zeigen, was da gerade passiert: „Das kommt immer wieder, furchtbarerweise. Geschichte wiederholt sich dann doch.“

Es ist – nach „Professor Bernhardi“ und „Rückkehr nach Reims“ – schon das dritte Stück in Folge, mit dem sich Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier mit dem aufkeimenden Rechtsex­tremismus auseinandersetzt. Es ist sein Thema, ganz klar. Und Schwarz, der mit Ostermeier eine lange Geschichte hat, findet das gut, dass sich das Haus dazu immer wieder äußert und positioniert. „Es ist sein Anliegen, das immer wieder deutlich zu machen. Und es ist natürlich auch meins, als einer, der sich immer als politischen Menschen verstanden hat.“

Den Einwand, dass man beim Theater doch offene Türen einrennt, weil dort doch sowieso alle eher linksliberal eingestellt sind, den will er nicht gelten lassen. Die Schaubühne habe in Wilmersdorf-Charlottenburg doch ein deutlich konservativeres Publikum als etwa die Volksbühne in Mitte, wendet er ein. Dass man da immer mal wieder zum Nachdenken anrege, sei schon richtig. „Gerade bei ,Professor Bernhardi‘ kriegen wir immer wieder Reaktionen mit, das Stück macht was mit den Leuten.“

Wir stellen noch eine ganz andere Frage, nur so aus Neugier. Wir ahnen, nicht, dass wir da offenbar einen ganz wunden Punkt ansprechen. Wenn man so viel dreht wie er in letzter Zeit, wie kriegt man das dann noch mit dem eng getakteten Theaterspielplan zusammen? Erst windet sich Sebastian Schwarz ein bisschen. Durch die Renovierung des Hauses war der Spielplan etwas ausgedünnter als sonst, erklärt er. Dadurch seien Freiräume entstanden, die er nutzen konnte. Für die verschiedenen Drehs. Und auch für die Familie.

Diese Zeit, gibt er zu, führte ihn allerdings zu einer ganz grundsätzlichen Überlegung. Schwarz überlegt eine Weile, ob er das jetzt wirklich aussprechen soll, tut es aber schließlich doch. „Ich habe an diesem Haus in elf Jahren viel erlebt und viel machen dürfen, aber ich werde ab der nächsten Spielzeit eine Theaterpause einlegen.“ Die „Italienische Nacht“ ist also seine letzte Produktion an der Schaubühne. „Vorerst“, wie er sicherheitshalber schnell hinterherschickt.

Eine Entscheidung, mit der der Mime lange haderte

Das verblüfft uns dann doch. Die Entscheidung dürfte wohl auch Thomas Ostermeier verblüfft haben. Sebastian Schwarz hat es sich mit der Entscheidung nicht leicht gemacht. Lange hat er mit sich gerungen, wie er zugibt. Aber er betont: „Wenn ich Ensemblemitglied bin, habe ich auch für mich den Anspruch, wirklich dabei zu sein“. Das sei sehr zeitintensiv, und diese Zeit will er künftig eben auch anderen Produktionen widmen können.

Die Verlockung der Filmkamera – das ist ein bekanntes Problem an vielen großen Bühnen. Nebenbei drehen, das machen ja auch an der Schaubühne viele: Nina Hoss, Mark Waschke, Jörg Hartmann. Aber die meisten bleiben dennoch am Hause, auch weil das ja eine finanzielle Grundsicherung bietet. Sebastian Schwarz ist da konsequenter. „Ich habe dem Haus, Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg viel zu verdanken. Aber jetzt ist es Zeit: Ich will etwas Neues wagen.“ Das ist ein mutiger Schritt: in die Selbständigkeit, mit allen Risiken. Natürlich, bekräftigt Schwarz gleich, solle das nicht heißen, dass er in Zukunft ganz aufs Theater verzichten wolle. Nur an der Schaubühne wird man ihn dann wohl erst mal nicht mehr erleben.