Buch

Eine Geschichte, vor der Christian Berkel lange geflohen ist

Der Schauspieler feiert ein spätes Debüt als Buchautor. Mit einem Roman über seine Eltern, der auch der Roman einer Identitätssuche ist.

Foto: Anikka Bauer

Blitzlichtgewitter, roter Teppich, Menschenauflauf, das ist Christian Berkel eigentlich gewohnt. Aber vergangene Woche war er in Frankfurt, auf der Buchmesse. Und mal nicht als Schauspieler unterwegs, sondern als Buchautor. Um sein Romandebüt „Der Apfelbaum“ (Ullstein, 416 Seiten, 22 Euro) vorzustellen. Das war schon etwas ganz Anderes, wie der 60-Jährige gesteht.

Als Schauspieler sei er ja nur Repräsentant eines Films, an dem viele mitwirken, da verteilt sich die Verantwortung. „Hier lastet alles, im Guten wie im Schlechten, auf meinen Schultern.“ In gewisser Weise macht man sich damit noch mal ganz anders nackt. Und das bei einem Werk, das ohnehin sehr persönlich ist. An dem Berkel viele Jahre gearbeitet hat. Und viele Jahre mit sich gerungen hat, ob er es überhaupt schreiben soll.

Eine Geschichte, die lange verschwiegen wurde

Wir treffen uns am Schlachtensee. Christian Berkel wohnt in der Nähe, kommt oft mit den Hunden zum Spazieren hierher. Es ist ein herrlicher, goldener Herbsttag, eigentlich noch Sommer. Gutgelaunt posiert Berkel am Wasser, mal mit, mal ohne Jacke. Und versucht all die Fußgänger zu ignorieren, die vorbeikommen und stutzen. Oder auch mal neugierig den Journalisten fragen, solange der Star durch die Fotografin abgelenkt ist: Ist das nicht...? (Ja, ist er.) Und in welcher Krimiserie spielt er noch gleich? („Der Kriminalist“). Danach setzen wir uns auf die Terrasse der Fischerhütte, sicherheitshalber etwas abseits. Den Cappuccino, den Berkel bestellt, rührt er kaum an. Dafür nimmt er sich viel Zeit, um über diese Geschichte zu sprechen. Und seine Skrupel.

Es ist die Geschichte seiner Eltern. Seine Mutter Sala war 13, sein Vater Otto 17, als sie sich kennenlernten. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber ihr war erst nur kurze Zeit beschieden. Vor dem Rassenhass der Nazis floh die Mutter nach Paris. Bei einem Fluchtversuch wurde sie denunziert und kam in ein französisches Internierungslager nach Gurs. Während ihre Mutter gleichzeitig in Francos Madrid in der Todeszelle saß. Und ihre Großmutter in Chelmo, dem ersten Todeslager der Nazis in Polen, umkam. Frauen dreier Generationen, die zur selben Zeit gefangen waren. Ohne etwas voneinander zu wissen.

Der Vater war als Sanitätsarzt in Russland und geriet später in Kriegsgefangenschaft. Als Otto nach Berlin zurückkehrte, war Sala in Argentinien. Weil sie sich nicht mehr zurechtfand in Deutschland. Erst nach Jahren kam sie wieder. Rief ihn an. Er erkannte ihre Stimme nicht, fragte, ob sie etwas gemein hätten. Ja, sagte sie, eine Tochter.

Erster Identitätsschock mit sechs Jahren

Eine unfassbare, bedrückende Familiengeschichte. Die lange verschwiegen wurde. Auch Berkels Vater erzählte wenig über Russland, die Mutter über ihre Lagerzeit, wenn überhaupt, nur lachend. „Als sei es“, so der Sohn, „die Geschichte von jemand anderem, und weil es so verrückt, so unwahrscheinlich klingt, dass man darüber nur lachen kann.“ Christian Berkel wollte davon aber auch erst mal nichts wissen.

Der Schock traf ihn, als er sechs Jahre alt war, unter dem heimischen Apfelbaum, der seinem Roman den Titel gab: Als Sohn einer Jüdin sei er kein richtiger Deutscher, versuchte man dem Jungen zu erklären, und als er, in kindlicher Naivität, meinte, er wolle aber ein ganzer Deutscher werden, rief ein Bekannter der Familie, der vor den Nazis nach Amerika hatte fliehen müssen: „Es ist im Blut... sie werden es nie lernen.“ „Da hat“, erinnert sich Berkel, „erst mal die Flucht vor deutscher Identität, vor deutscher Geschichte angefangen. Meine Eltern wollten nichts erzählen, ich wollte aber auch nichts darüber hören.“

Erst später, als Jugendlicher, der in Frankreich aufwuchs, wurde ihm klar, dass er nie ein ganzer Franzose werden würde, dass er sich mit seiner Identität, seinem Deutschsein auseinandersetzen müsse. Wirklich gestellt habe er sich seiner Geschichte aber erst als Erwachsener. Da war er längst Schauspieler, hat auch immer wieder Nazis gespielt in Filmen wie „Der Untergang“ oder „Operation Walküre“. Wann immer er vom Schicksal seiner Familie erzählte, sagte man ihm, er müsse das aufschreiben. „Ich habe aber großen Respekt vor Literatur und hatte keine Lust, dass alle sagen, der muss jetzt auch noch schreiben“, meint er, wie entschuldigend. „Und mir war klar, dass das ein sehr großes Thema ist. Ich wusste nicht, ob ich das überhaupt schaffen würde.“

Dennoch hat er Jahre lang recherchiert. Ist an all die Stätten seiner Vorfahren gefahren, nach Ascona, Paris, Madrid, Lodz. In Polen hat er herausgefunden, dass sein Urgroßvater nicht, wie immer angegeben, der jüdische Stoffhändler Abraham Prussak war. Wieder ein Schock für ihn. Dann konnte ja alles falsch sein. „Was, wenn meine Vorfahren stramme Nationalsozialisten waren, die sich mit einer erfundenen Geschichte reinwaschen wollten?“ Durch Zufall erfuhr er von dem Nachlass seines Großvaters, eines Kunsthistorikers, der in der Universität der Künste in Berlin bewahrt wird. Dort fand er viele Briefe, die seine Mutter aus Argentinien geschrieben hat. Gewöhnlich findet man sowas in vergessenen Kisten auf dem Speicher, nicht in einem Archiv.

Schreibblockade wegen eines fundamentalen Irrtums

Aber wie das alles niederschreiben? Lange hat Berkel, der am 28. Oktober 61 wird, mit sich gerungen. War auch mehrfach kurz davor, alles hinzuwerfen. Ihm sei, gibt er selbstkritisch zu, „ein fundamentaler Irrtum“ unterlaufen. „Ich glaubte, die Hauptfiguren kenne ich ja, schwierig wird es nur, sie in der Historie zu verorten. Es war aber genau umgekehrt: Das Schwierigste war, dass ich die Protagonisten so gut kannte.“ Er vergleicht es mit seinem Beruf: Als Schauspieler habe man eine Figur, aus der man einen Menschen machen müsse. Hier hatte er Menschen und musste sehen, wie er Figuren daraus machte. „Ich musste sehr auf Distanz gehen, die mussten mir erst fremd werden.“

Im Buch selbst wird betont, dies sei ein Roman, es handele sich um Kunstfiguren. „Jahrelang bin ich vor meiner Geschichte davongelaufen“, heißt es auf dem Umschlag, „dann erfand ich sie neu.“ Im Gespräch betont Berkel, Figuren und Stationen, das sei alles wahr. Fiktiv sei nur, was im Einzelnen passiert. „Weil ich das ja nicht wissen konnte.“ Kein nüchternes Sachbuch also, sondern ein großer, epischer, bewegender Roman, der drei Generationen umfasst und ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte rekapituliert.

Berkel kommt auch selbst vor im Buch, wird auch mit Namen genannt. Das war überhaupt der Knackpunkt, wie er schließlich zu einer Form fand. Er hatte versucht, seine Mutter zu befragen und diese Gespräche aufzunehmen. „Ich dachte, vielleicht fange ich genau so an. Das war ja der Grund, warum ich überhaupt erzähle.“ Damit hatte er die Struktur gefunden: die persönliche Auseinandersetzung mit einfließen zu lassen. Sein Buch ist nicht nur der Roman einer Liebe in widrigen Zeiten, sondern auch der einer Spurensuche, einer Identitätsfindung – seiner eigenen. „Es gibt genug Geschichten aus der Kriegszeit. Es gibt aber nicht viele Bücher darüber, was das mit meiner, der nachkommenden Generation gemacht hat.“

Jetzt hat er es sich von der Seele geschrieben. Jetzt ist das Buch heraus. Zu einer Zeit, da überall in Deutschland der Antisemitismus wieder zunimmt und die Gesellschaft nach rechts drängt. Der Roman scheint damit aktueller als 2002, als er erstmals über das Schreiben nachdachte. Fast macht es Sinn, dass er so lange mit sich ringen musste. Nun sei das Buch auf dem Markt, nun werde es von Lesern aufgenommen und zu ihrem Buch. „Als Autor tritt man da zurück. Eigentlich ein recht angenehmer Zustand.“ Berkel, der sich von jeher gegen Antisemitismus und gegen Rechtsextremismus engagiert, weiß aber, dass er noch eine ganze Weile damit beschäftigt sein, das er in Talkshows, auf Lesungen immer wieder darüber sprechen wird.

Lange vor ihm hat auch seine Frau Andrea Sawatzki, ebenfalls Schauspielerin, zu schreiben begonnen. Hat Berkel sie mal um Rat gefragt, wenn er nicht weiter wusste? Nein, gar nicht, sagt er. Das verblüfft. „Wir tauschen uns bei sowas gar nicht aus.“ Auch nicht beim Spielen. Sie standen zwar schon öfter zusammen vor der Kamera. „Aber selbst dann haben wir nie zusammen zuhause Text geprobt.“ Erst beim Set am nächsten Morgen erfährt er, was sie sich zu den Dialogen überlegt hat. Er würde das vorher auch gar nicht wissen wollen, weil ihn das sonst beeinflussen würde.

Beim Schreiben kam hinzu, dass seine Frau ja auch seine Eltern kannte. Und sie dann womöglich hätten diskutieren müssen, ob sie so richtig getroffen seien. Er hat viel mit einer Lektorin gearbeitet. Das sei hilfreicher mit jemanden, den man sonst gar nicht kenne. „Meine Frau hat das Manuskript erst gelesen, als es ganz fertig war.“

Eine Verfilmung seines Buches würde ihn reizen

Wenn ein Schauspieler ein Buch geschrieben hat, liegt der Gedanke an eine Verfilmung nahe. Denkt Berkel auch darüber nach? „Beim Schreiben habe ich das nicht getan“, sagt er. Jetzt schon. Wie damals, vor dem Schreiben, wisse er aber nicht, welche Form das sein könnte. Für einen Spielfilm sei es zu viel Stoff, es müsste ein Mehrteiler, wenn nicht eine Serie sein. Und, die Frage drängt sich auf, würde er in einem solchen Fall auch mitspielen? Berkel grinst. Sowas hat er schon erwartet.

„Natürlich“, gibt er offen zu, „die Frage wäre, wen. Für Otto bin ich ja nun zu alt.“ Das Erste, woran er denke, wäre, seinen Großvater zu spielen. Das würde ihn auch reizen. Andere würden ihn eher in der Rolle des Erzählers sehen. Berkel hätte die Rahmenhandlung in einer Verfilmung wohl ausgeklammert, die meisten, mit denen er spricht, fänden aber gerade die interessant. „Und dann wäre die Besetzung mit mir natürlich naheliegend.“ Aber damit will er sich noch nicht befassen. Jetzt muss man erst einmal abwarten, wie das Buch angenommen wird. Und was das mit ihm macht, wenn seine Geschichte jetzt öffentlich ist.