Fantasyfilm

Das Schweigen der Tierwesen

Joanne K. Rowling versprüht wieder Magie. Doch das Titelvieh ist nur Statisterie: „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“.

Foto: 2018 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.

Es blitzt und donnert am Nachthimmel über New York City. In einem Verlies starrt ein zottelbärtiger Mann ins Nichts. Er sieht aus wie ein mit Mehl bestäubter Rasputin. Man hat seine Zunge gespalten, damit er aufhört, seine Wärter mit manipulativer Rhetorik in ergebene Anhänger zu verwandeln. Nun steht ein Gefangenentransport bereit, und der kino-erprobte Zuschauer, den die finstere Szenerie bis dahin an den Batman-Film „Dark Knight“ erinnerte, kommt nicht umhin, nun an Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“ zu denken.

Diese Referenzen sollten Erziehungsberechtigte durchaus in Betracht ziehen, wenn sie planen, sich mit ihrem Nachwuchs „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ anzuschauen, den zweiten Teil der epischen Vorgeschichte von „Harry Potter“. Er hat eine Altersfreigabe ab zwölf Jahren. Laut Jugendschutzgesetz ist daher auch entsprechend begleiteten Kindern ab sechs der Zutritt erlaubt – aber in diesem Fall nicht wirklich zu empfehlen.

Johnny Depp als Herrenmensch-Verschnitt

Bei jenem unheimlichen Gefangenen, der sich natürlich aus seinem Transporter befreit und auch eine neue Zunge besorgt, handelt es sich um den Zauberer Gellert Grindelwald (Johnny Depp). Er gilt als Jugendliebe und nunmehr Erzfeind von Albus Dumbledore (Jude Law), dem Leiter der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Am Ende des ersten Teils von „Phantastische Tierwesen“ hatte er bereits einen kurzen Auftritt, wurde aber von seinem Kollegen und Tierwesen-Forscher Newt Scamander (Eddie Redmayne) festgenommen. Nun also ist Grindelwald wieder frei und will eine ganze Armee von Magiern hinter sich versammeln, um seine Ideologie des „reinen Blutes“ umzusetzen und von Europa aus die Welt mit Krieg und Terror zu unterjochen.

Nicht von ungefähr schreiben wir hier das Jahr 1927, in dem jenseits aller fantastischen Filmwelten auch die Fotos entstanden, die Adolf Hitler in einem Münchener Atelier beim Einstudieren seiner Reden zeigen. Im Vergleich dazu reißt sich Johnny Depp zwar auffällig am Riemen, führt als Grindelwald kein rollendes R oder exaltierte Gesten vor. Aber er bildet, durchaus überzeugend, das Klischee des nordischen Herrenmenschen ab. Ganzkörperlich blond und versteift, wahlweise das Kinn arrogant gereckt oder den Blick drohend gesenkt, ruft er in einer Schlüsselszene seine Getreuen zu sich in einen bläulich lodernden Flammenkreis. Über den schiefen Dächern von Paris wehen derweil schwarze Banner. Halb Trauerflor, halb Triumphbeflaggung, lassen sie an expressionistische Bilderwelten des Weimarer Stummfilms genauso denken, wie an das Pathos Marke Riefenstahl und Speer.

Newt Scamander und sein etwas tollpatschiger Muggel-Gefährte Jacob (Dan Fogler) setzen dagegen eine fast naive, von Abenteuerlust und Eigensinn geprägte Menschlichkeit. Sie erinnern an Helden der Stummfilmära wie Fatty Arbuckle oder Harry Piel.Mit ihren weiblichen Sidekicks, den Schwestern Tina (Katherine Waterson) und Queenie Goldstein (Alison Sudol) machen sie sich auf die Suche nach Credence Barebone (Ezra Miller). Dieser hoch begabte, aber latent depressive Magier soll dringend davon abgehalten werden, sich auf Grindelwalds Seite zu schlagen.

as „Babylon Berlin“ als Krimiserie fürs Fernsehen macht, versucht „Grindelwalds Verbrechen“ also mit den Mitteln des Fantasy-Kinos: Man sucht im urbanen Europa der zu Ende gehenden 20er-Jahre nach unmittelbaren Gründen für den Aufstieg des Nationalsozialismus. Kein Wunder, dass die titel­gebenden „phantastischen Tierwesen“ hier zu reinen Statisten degradiert werden und nur noch für eine Handvoll niedlicher Gags herhalten.

Die stets der Geschichte dienenden Effekte und die so aufwändige wie geschmackssichere Ausstattung zwischen Jugendstil und Art Déco sind derweil über jeden Zweifel erhaben. Sie dürften den Film auch für jene zum Erlebnis machen, die sich mit all den Namen und Querverweisen aus dem Harry-Potter-Universums ein wenig überfordert fühlen. Das letzte Wort über „Grindelwalds Verbrechen“ kann ohnehin erst gesprochen werden, wenn der fünfte und finale Teil der „Tierwelten“-Reihe in die Kinos kommen und etliche lose Erzählfäden sinnvoll verknüpfen wird. Angekündigt ist er für 2024.

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