Serienhauptstadt Berlin

Maria Schrader sieht in Serien keine Gefahr fürs Kino

Schauspielerin Maria Schrader über „Deutschland 86“ – und die gravierenden Veränderungen in der Filmindustrie durch den Serienboom.

Maria Schrader / Schauspielerin

Maria Schrader / Schauspielerin

Foto: Reto Klar

Sie hat schon in der ersten Staffel mitgespielt. In „Deutschland 86“ ist Maria Schrader aber mehr gefordert. Sie spielt jetzt die zweite Hauptrolle und muss auch selbst „an die Front“. Wir sprachen mit der Schaupsielerin vor der Berlin-Premiere der Serie im Hotel de Rome. .

Kompliment, Sie haben in der zweiten Staffel viel mehr zu tun als in der ersten. War das ein Anreiz für Sie?

Maria Schrader: Beim Drehen der ersten Staffel habe ich mal ganz nebenbei gesagt, dass ich es schön fände, wenn ich diese Büros, die sozialistische Führungszentrale auch mal verlassen könnte. Und dass meine Figur Lenora jetzt nicht mehr nur delegiert, sondern selbst im Schussfeld steht, das macht sie faszinierender, auch die Dreharbeiten waren für mich interessanter. Es ist der große Luxus einer Serie, dass man eine Figur weiter entwickeln kann. Lenora war schon in der ersten Staffel eine starke Figur, jetzt wird sie komplexer, weil sie wirklich an ihre Grenzen kommt. Die DDR ist pleite und Lenora muss als Agentin Devisen in die Heimat schaffen, auch wenn sie aus illegalen Waffendeals mit feindlichen Staaten stammen. Je dreckiger die Arbeit wird, desto verzweifelter verteidigt sie den Sozialismus, die Notwendigkeit ihres Handelns. In Wahrheit wächst in ihr der Zweifel und die Selbstverachtung. Die „Poröswerdung“ der DDR ist in dieser Person der Lenora geradezu personifiziert.

Es ist überhaupt auffällig, wie viele starke Frauenfiguren es in der zweiten Staffel gibt. Spielte die Quotendiskussion da eine Rolle?

Wir weichen da natürlich ganz schön von der Historie ab. Eine Frau wie Lenora in so hochrangiger Position hat es in der HVA nicht gegeben, das war ein reiner Männerverein. Und dass Schalk-Golodkowski quasi von Anke Engelke gespielt wird, ist eine Freiheit, eine humorvolle, die sich die Autorin Anna Winger von Anfang an genommen hat. Sie verpflichtet sich einerseits historische genau recherchierter Vorgänge, spielt aber mit dem fiktionalen Personal. Sie ist weder im Osten noch im Westen dieses Landes aufgewachsen, Sie muss da keiner Haltung gerecht werden. Das hat für ein internationales Publikum eine erfrischende Neutralität, das habe ich sowohl in England wie auch in den USA oft gehört.

Ist die Serie so was wie eine Geschichtsstunde?

Auch. Aber bei diesem Wort denkt man immer an Didaktik. Das Schöne an der Serie ist gerade, dass sie nicht didaktisch erzählt. Aber man erfährt viel darüber, mit welchen Mitteln die DDR versucht hat, sich vor dem finanziellen Ruin zu retten, und wie korrupt West-Deutschland UN-Resolutionen umgangen hat. Aber daneben lassen wir ja die Atmosphäre dieser Zeit wieder aufleben, ihren Stil, den spezifischen Umgang zwischen den Menschen und was sie damals bewegt hat. Ich denke, es ist eher eine sinnliche Erfahrung als eine Geschichtsstunde, eine Begegnung mit dem Lebensgefühl von damals, das in der Vielzahl der handelnden Figuren in ihren jeweiligen Umständen, ihren Wünschen und Ängsten im besten Fall ein komplexes Bild zeichnet.

Noch bevor die zweite Staffel gezeigt wird, steht schon fest, dass es eine dritte Staffel geben wird?

Amazon hat es schon angekündigt. Ich glaube, sie meinen es ernst. Und man möchte jetzt auch wissen, wie das mit den Figuren beim Mauerfall weitergeht, und vor allem danach. Was ist aus den Top-Spionen geworden?

Die zweite Staffel spielt 1986, da sind Sie gerade nach Berlin gekommen. War das für Sie auch sowas wie eine Zeitreise zurück?

Mir geht es da sicher anders als Sylvester Groth, der in der DDR aufgewachsen ist und für den es jedes Mal ein Grauen ist, in den alten HVA räumen zu drehen. 1986 war ich gerade mit meinem Studium fertig, bin nach Berlin gezogen und habe begonnen, an meinem ersten Drehbuch zu schreiben. Damals hatte ich schon einen bestimmten Blick auf die DDR. Ich will nichts glorifizieren, aber sie hat aus der Ferne eine Faszination auf mich ausgeübt. In der DDR gab es gerade am Theater und beim Film auch große Freiräume. Und die Gesellschaft war auf eine vollkommen andere Art politisiert. Leute in meinem Alter schienen mir dort immer viel erwachsener zu sein.

Sie spielen am Schauspielhaus Hamburg. Wie schwer ist es da, sich an eine Serie zu binden?

Natürlich muss das Theater dafür sorgen, dass die Bühne bespielt werden kann. Ich habe einerseits sehr viel gespielt, dann aber konnte ich auch meinen eigenen Film „Vor der Morgenröte“ drehen. Für die Serie haben wir meinen Vertrag gelockert, schließlich habe ich mehr als zwei Monate in Kapstadt gedreht. Jetzt über den Winter werde ich aber wieder ein großes Projekt beginnen, nämlich „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit Devid Striesow. Das Schauspielhaus Hamburg ist weiterhin meine „Heimatbühne“.

Momentan hat man das Gefühl, alle drehen Serien. ..

Ja, das habe ich auch.

…stirbt dabei das Kino?

Die Frage ist berechtigt. Ich hatte gerade ein Stipendium in der Villa Aurora und habe viele Wochen zum Schreiben in Los Angeles verbracht. Dort ist es evident, wie Arthouse-Bereich leidet. Da gibt es tendenziell nur noch ganz kleine Independent-Produktionen oder die gigantomanischen Budgets der Marvel-Filme. Die Mitte marodiert. Die guten Autoren dort, die früher Spielfilme geschrieben haben und mit Projekten, bei denen nicht abzusehen war, ob sie je finanziert würden, den steinigen Weg gegangen sind, diese Autoren werden jetzt abgegriffen von der sehr zahlungskräftigen und hungrigen Serien-Industrie, die Content braucht. Ich habe viele Autoren in den letzten Wochen kennengelernt, die weinen einerseits dem Kino hinterher, sind aber andererseits auch glücklich, durchgängig beschäftigt und so gut bezahlt zu werden. Und eine weitere, ganz große Veränderung für Autoren ist ja, dass sie plötzlich in Writers’ Rooms, in Teams arbeiten, nicht mehr allein am Schreibtisch zuhause. Das wird auch von vielen begrüßt.

Die Entwicklung kommt jetzt auch bei uns an. Was bedeutet das für Arthouse-Werke wie Ihren Regiefilm „Vor der Morgenröte“? Wird es die in Zukunft noch geben, und wenn, werden sie dann noch wahrgenommen?

Vielleicht gerade! Ich bin nicht die richtige, um eine Prognose geben zu können. Aber ich glaube nicht, dass Kino ersetzbar ist. bin fest davon überzeugt, dass es sich dabei nicht um konkurrierende Formate handelt. Wenn du den Fernseher anschaltest, bist du der Hausherr, der entscheidet, ob du jemanden hereinlässt oder nicht. Du bist der Geschmacksetzer. Es ist etwas anderes, wenn du ins Kino gehst, eine Karte kaufst, dein privates Umfeld verlässt. Es ist erstens ein kollektives Erlebnis und zweitens bist du viel eher bereit, dich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Diesen kulturellen Hunger, etwas zu erleben, was die eigene Welt erweitert, den wird es immer geben. Und das kann das Kino.