Film

"Aufbruch zum Mond" - Der Mann hinter der Legende

Damien Chazelles Film „Aufbruch zum Mond“ zeigt die Mondlandung nicht als Triumph, sondern als Leidensweg und Traumaverarbeitung.

 Neil Armstrong (Ryan Gosling, M.) mit seinen Ko-Astronauten auf dem Weg zur Apollo 11, mit denen sie zum Mond fliegen werden.

Neil Armstrong (Ryan Gosling, M.) mit seinen Ko-Astronauten auf dem Weg zur Apollo 11, mit denen sie zum Mond fliegen werden.

Foto: UPI

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer mit dem Filmhelden ins All geschossen. Ein einziges Rütteln und Schütteln, ein Dröhnen, Quietschen und Zischen, das sich in die Magengrube gräbt. Das ist nichts für Menschen, die unter Klaus­trophobie leiden. Da wird auch dem Hartgesottenen schon vom Zugucken schlecht. Dann ist da plötzlich Schwerelosigkeit, ein Moment der absoluten Stille, in dem man eine Stecknadel fallen hören könnte – wenn denn Schwerkraft da wäre und sie fallen könnte. Und dann ist er wieder da, der Höllenlärm. Der immense Stress. Und die Panik, dass etwas schiefläuft.

In diesen ersten Momenten von Damien Chazelles Film „Aufbruch zum Mond“ ist schon das ganze Drama des ersten Flugs zum Mond komprimiert, wird die Erfahrung des Astronauten bis zur Schmerzgrenze physisch und psychisch miterlebt, mit erlitten. Dabei handelt es sich hier noch um einen frühen Testflug im Jahr 1961 mit einem Experimentalflugzeug, das gerade mal über die Wolken kommt.

Pannen und Tote überschatten das Raumfahrtprogramm

„Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“: Die Worte von Neil Armstrong, als er acht Jahre später als erster Mensch einen Astronautenschuhabdruck im Staub des Mondes hinterließ, sind in die Annalen eingegangen. Aber der Film zeigt, wie unwahr dieser Ausspruch ist. Wie viele immense Schritte tatsächlich nötig waren, um diesen Sprung zu schaffen, wie viele Rückschritte und Verluste dabei zu verbuchen und zu verschmerzen waren.

Der Film zeigt die Mondlandung vom 21. Juli 1969 vor allem auch als persönliche Traumaverarbeitung. Denn die Tochter von Neil Armstrong stirbt mit nur zwei Jahren an einem Hirntumor. Zeit für einen radikalen Schnitt und Neuanfang. Deshalb bewirbt sich der Pilot bei der NASA. Ein Mann, der aus der Spur gerät, der sich einkapselt und nicht mal mit seiner Frau Janet über den Verlust sprechen kann. Ein Mann, der vor seinen irdischen Problemen flieht, der der Welt abhandengekommen ist. Ein buchstäblicher Alien – das Wort bedeutet ja nichts weiter als „Fremder“ –, den es so weit wie möglich von der Erde wegzieht. Und der auch deshalb dauernd in den Himmel schaut, weil irgendwo dort seine Tochter ist.

Man muss bei diesem Film vor allem darüber sprechen, was er alles nicht geworden ist. Kein Heldenepos. Keine Pionierverklärung. Kein Loblied auf die Wunder der Technik mit triumphalen Fanfarenklängen. Die Flagge der USA steckt irgendwann im Mondgestein, aber wie sie da hineingerammt wurde, das wird nicht gezeigt. All das hätte man durchaus erwarten können, ein Jahr vor dem 50-Jahr-Jubiläum der Apollo-11-Mission. Gerade von einem Amerika, dessen Präsident derzeit nicht müde wird zu betonen, das Land wieder ­„great“ machen zu wollen.

Und die Mondlandung war genau so eine große Tat, mit der ein ganz anderer Präsident beweisen wollte, dass die Amerikaner die Nase vorn hatten. Den Russen war es gelungen, den ersten Mann ins All zu schicken. Sie durften nicht auch noch als Erste auf dem Mond landen. Lange vor Ronald Reagans „Star Wars“-Programm hatte der kalte Krieg das All längst erreicht: im „Space Race“ zwischen den USA und der UdSSR.

Basierend auf der autorisierten Biografie „First Man. The Life of Neil A. Armstrong“ des Historikers James R. Hansen, der als Erster exklusiven Zugang zu persönlichen Dokumenten und Quellen erhielt, zeigt der Film, der im Original ebenfalls „First Man“ heißt, nüchtern, wie die NASA ihr ehrgeiziges Programm auf Gedeih und Verderb durchzieht. Auch wenn immer mehr Bürger gegen die immensen Kosten und Steuerausgaben protestieren. Auch wenn es zahlreiche Pannen und Kata­strophen gibt. Und etliche Astronauten dabei ihr Leben lassen. Armstrong selbst trägt wiederholt Blessuren davon und entgeht nur knapp dem Tod. Natürlich weiß man, wie die Geschichte endet, aber wenn man „Aufbruch zum Mond“ sieht, kann man kaum glauben, dass die Raumfahrer es überhaupt bis zum Mond geschafft haben. Schon gar nicht, dass sie zurückgekehrt sind.

Es sind die Widersprüche, die diesen Film so interessant machen. Die zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der privaten Krise. Die zwischen den Grenzen der Wissenschaft (in der Medizin) und deren Überwindung (in der Raumfahrt). Und es sind verstörende Details, die „Aufbruch zum Mond“ so bewegend machen. Dass alle, die am Raumfahrerprogramm mitarbeiten, in Houston Haus an Haus wohnen und betreten schweigen, wenn die Nachbarin plötzlich Witwe ist. Dass Armstrongs Frau zu Hause per Lautsprecher mithört, wie ein Testflug im All außer Kontrolle gerät, und die NASA dann ihr Gerät abschaltet. Oder dass, unmittelbar vor dem Start der Apollo 11, Kondolenzbriefe vorgefertigt werden, für den Fall eines tödlichen Ausgangs.

Die bewegendste Szene aber ist die, wenn Armstrong am Abend vor der Mission still und heimlich sein Köfferchen packen will und seine Frau ihn zwingen muss, sich von seinen Söhnen zu verabschieden. Und ihnen zu erklären, dass er vielleicht nicht zurückkehren wird. Nüchtern und unbeholfen wie so viele Väter in den 60er-Jahren, sagt er nur Sätze, dass er an die Mission glaube, wie er sie schon in einer Pressekonferenz kundgetan hat.

Wie Oscar-Wunderkind Damien Chazelle schon in seinem vorigen Film „La La Land“ das Musical auf den Kopf gestellt hat, bürstet er hier das Science-Fiction-Genre gegen den Strich. Und zeigt den Mondflug nicht als Triumphzug, sondern als Leidensweg. Wieder spielt sein „La La Land“-Star Ryan Gosling die Hauptrolle, als Neil Armstrong ist er so schweigsam und zerrissen, dass er sich fast die Lippe zerbeißt. Und Claire Foy, bekannt geworden als Queen Elizabeth in der Serie „The Crown“, brilliert einmal mehr als eine Frau, die die Familie zusammenhalten und immer Contenance bewahren muss. Auch wenn sie vielleicht die größte Angst hat, dass sie ihren Mann längst verloren hat.

Zwei Stunden lang sieht man all die Dramen und Rückschläge zu Hause, in der Kommandozentrale und in den klaus­trophobischen Raumkapseln. Dann aber, wenn Apollo 11 abhebt, bleiben die erwartbaren Bilder vom Bodenpersonal, von den Ehefrauen daheim oder den Millionen, die weltweit an den Fernsehgeräten kleben, ausgespart. Dann tritt auch der Film, von sphärischen Klängen begleitet, in eine ganz andere, entrückt poetische Atmosphäre ein. Da ist der Zuschauer ganz allein mit den Astronauten, ganz nah an ihnen dran. Wie aber soll ein Mensch, der je so etwas erleben durfte, wieder in den irdischen Alltag zurückfinden? Nicht jubelnd und patriotisch endet dieser Film, sondern mit eben dieser Skepsis und Leere.

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