Hauptrolle Berlin

Forrest Gump in Stasiland

Am 6. November wird im Zoo Palast noch einmal „Helden wie wir“ gezeigt. Und der Autor Thomas Brussig erinnert sich an die Dreharbeiten.

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Die Geschichte muss umgeschrieben werden. Nicht das Volk der DDR hat die Mauer geöffnet, indem es gegen seine Regierung auf die Straße ging. Nicht den überforderten Politk-Kadern ist das aus Versehen passiert. Nein, ein einziger Mensch hat das bewirkt, indem er die Hosen runter ließ und sein übermächtiges Gemächt zeigte. Mit dieser starken These begann 1995 Thomas Brussigs Roman „Helden wie wir“, der damals von der Kritik als „heiß ersehnter Wende­roman“ begrüßt wurde. Und so beginnt auch der gleichnamige Film, der am 9. November 1999, zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls, ins Kino kam. Als etwas anderer, höchst satirischer Beitrag.

In der Reihe „Hauptrolle Berlin“, in der der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird das Werk nun zum 29. Jahrestag noch einmal gezeigt.

Blutspende für Honecker mit ungeahnten Folgen

Ein Film, der die Geschichte der untergehenden DDR in der Tradition des Schelmenromans erzählt. Mit einem tumben Tor, dem es ohne eigenes Verschulden immer wieder geschieht, dass sein Leben mit der großen Historie kollidiert. Und das von Geburt an: Der Junge mit dem schwierigen Namen Klaus Uhltzscht kommt just am 20. August 1968 auf die Welt, als die Russen den Prager Frühling niederschlagen. Während der Geburt rasseln die Panzer vorbei. Das ist quasi die Ur-Sünde, denn der Vater, ein strammer Kader, weist nicht nur den Russen, sondern später auch seinem Spross den Weg. Klein-Kläuschen trägt brav das Pionierblau und träumt nachts von „Teddy“ Thälmann als riesigem Teddybären, der ein wenig aussieht wie der Bärenmarken-Bär aus der Westwerbung.

Der Junge weiß noch nicht, dass sein Vater bei der Stasi ist. Aber schon früh hat er die Manie, alles vom Haus gegenüber zu protokollieren, von dem er auch nicht ahnt, dass es ein Stasibüro ist. Als Erwachsener tritt er selbst bei der Stasi an, weil er hofft, als Romeo auf schicke Westfrauen angesetzt zu werden. Obwohl er, was den Unterleib angeht, ziemliche Minderwertigkeitskomplexe hat. Bis er für eine Frischzellenkur für Erich Honecker Blut spenden soll. Das hat nicht nur zur Folge, dass der SED-Chef danach seinen Hut nehmen muss. Die Ärzte pfuschen beim Eingriff so, dass ein Blutstau das Gemächt von Klaus Uhltzscht derart anschwellen lässt, dass es die Leute in Schockstarre versetzt. Und Mauern sprengt.

Solche Schelmenstreiche und Aufschneidereien konnte man in einem Film eigentlich nicht umsetzen. Schon vom Ton her nicht. Aber auch nicht vom Setting. Weil zehn Jahre nach deren Niedergang die DDR aus dem Stadtbild Berlins weitestgehend verschwunden war. Mit der mühevollen Suche nach letzten Spreegurkendosen und anderen DDR-Marken sollte erst Jahre später ein anderer Film, „Good Bye, Lenin!“, ungewollt eine neue Ostalgiewelle auslösen.

Für „Sonnenallee“, noch eine Brussig-Verfilmung, entstand zwar schon 1998 eine Dauer-Außenkulisse in Babelsberg, in der man ganze Straßenzüge beliebig verwandeln konnte. Bei seiner „Helden“-Verfilmung verfiel Regisseur Sebastian Peterson aber auf eine andere Idee. Die verbalen Stilbrüche der Vorlage beantwortete er mit einer wilden Collage, einem ständigem Formatwechsel zwischen SchwarzWeiß, verblasstem Farbfilm, Video, Handkamera, Trickaufnahmen. Ein einziger ästhetischer Stilbruch.

Dabei wurde immerzu auch Dokumentarmaterial verarbeitet, wenn etwa Stasi-Genossen in einem Auto sitzen, während draußen Straßenbilder von einst an ihnen vorbeiziehen. Eine konsequente Resteverwertung, eine Second-Hand-DDR, wenn man so will. Und wie bei „Forrest Gump“ wird auch hier der naive Protagonist in historische Bilder hineinmontiert, nur dass er nicht Kennedy die Hand schüttelt, sondern Egon Krenz.

1999 war damit das Jahr von Thomas Brussig. Weil in kürzester Zeit gleich zwei Filme nach seiner Vorlage ins Kino kamen. Erst besagte „Sonnenallee“, die mit ironischem Augenzwinkern am 7. Oktober, also zum 50. Jahrestag der real schon nicht mehr existierenden DDR, gestartet wurde. Und dann „Helden wie wir“, pünktlich zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls.

Mit Letzterem war Brussig glücklicher. „Sonnenallee“ hatte der Autor gemeinsam mit dem Theaterregisseur Leander Haußmann konzipiert, auch wenn beide bis dato keinerlei Ahnung vom Film hatten. Über die künstlerische Ausrichtung sind sich die beiden allerdings etwas in die Wolle geraten. Weshalb Haußmann den Film allein zu Ende brachte und Brussig aus dem Stoff den Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ fertigte. Bei „Helden wie wir“ war der Roman als Erstes da, Brussig schrieb am Drehbuch mit, ließ Sebastian Peterson aber alle Freiheiten, den Stoff zu verändern.

Peterson, ebenfalls ein Regienovize, der frisch von der Filmhochschule Konrad Wolf kam, setzte, mutig genug, auf unbekannte Darsteller und nur in kleinen Rollen auf Ost-Gesichter wie Renate Krössner, Gojko Mitic oder gar Achim Mentzel. DDR-Filme, das wollte damals keiner sehen, das behaupteten zumindest die, die über Fördertöpfe entschieden haben. Peterson sah das anders: „1990 war ein Cut, der ungesund war, weil plötzlich alles verschwunden ist und alles schlecht war, was DDR war“, so der Regisseur. „Das war immerhin für viele Menschen die Heimat.“ „Helden wie wir“ ist quasi ein Heimatfilm der anderen Art, einer, der die DDR zugleich rekonstruiert und dekonstruiert.

Zoo Palast, 6. November, 20 Uhr in Anwesenheit des Drehbuchautors Thomas Brussig.