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Film ehrt die Drama-Queen Freddie Mercury

„Bohemian Rhapsody“ erzählt das Leben von Freddie Mercury mitreißend, aber doch sehr konventionell – und mit vielen Leerstellen.

Foto: 20th Century Fox / 20th Centrury Fox

So viel Überbiss hatte er doch gar nicht. In „Bohemian Rhapsody“, der Filmbiografie über Freddie Mercury, hängt man dem Leadsänger der Kultband The Queen immerzu an den Lippen. Aber nicht nur, weil er grandios singt oder bissige Kommentare gibt. Man schaut vor allem auf diese falschen Zähne, die Rami Malik, dem Mercury-Darsteller, beim Sprechen fast aus dem Mund zu rutschen scheinen. Es ist wie „The Hours“, wo man Nicole Kidman immer nur auf ihre künstliche Nase sah.

In gewisser Weise gibt die Filmbio von Bryan Singer damit aber schon eine mögliche Erklärung, warum Mercury, der Superstar, in all seinen irren Bühnenoutfits und ständigen Typverwandlungen schwelgte. Er litt an dem Überbiss, den er stets zu verbergen suchte. Er litt auch darunter, als „Packie“ verhöhnt zu werden, weil er als Parse mit Namen Farrokh Bulsara in Sansibar geboren war, und gab sich deshalb einen anderen Namen, erzählte auch gern, er sei in London geboren. Und dann war da noch seine Homosexualität, die er zeit seines Lebens nie öffentlich zugab, auch wenn seine frühen femininen Kostüme, die spätere Lederkluft oder sein Transvestiten-Auftritt in „I Want To Break Free“ doch eigentlich alles sagten.

Mercury war ein dreifacher Außenseiter: durch seine Nationalität, seine Rasse, seine Sexualität. Das versuchte er einerseits zu kaschieren und andererseits in Rollenspielen überhöht auszuleben. Als Drama-Queen auf der Bühne. Nur hier, das sagt er einmal in diesem Film, ist er ganz er selbst. Weil er hier plötzlich von den Leuten auf Händen getragen wird, die früher auf ihn herabschauten. Ein Leben als Maskenspiel.

Die Filmband beim Liv-Aid-Konzert im Wimbley Stadion 20th Centrury Fox

Anderthalb Jahrzehnte lang, seit dem Erfolg des Queen-Musicals „We Will Rock You“, wurde an einem Filmprojekt über Freddie Mercury gearbeitet. Zunächst sollte der Sänger noch von Johnny Depp verkörpert werden, später dann von „Borat“-Darsteller Sasha Baron Cohen, bis der wegen künstlerischer Differenzen absprang. Nun wird er von Rami Malek verkörpert, dem Serienstar aus „I Robot“, ein Amerikaner mit ägyptischen Wurzeln, der jetzt einen großen Vergleich aushalten muss.

Während Biopics der jüngsten Zeit sich darauf konzentrieren, das Leben ihrer Protagonisten an einem Schlüsseldatum zu komprimieren, geht Kultregisseur Bryan Singer („X-Men“) erstaunlich konventionell vor. „Bohemian Rhapsody“ beginnt vor dem Live Aid Konzert im Juli 1985 im Wembley Stadion, der größten Live-Konzertübertragung aller Zeiten, bei der The Queen allen anderen Superstars, die da auftraten, die Show stahlen. Unmittelbar vor dem Auftritt springt der Film dann aufs Jahr 1970 zurück, als die Band sich kennenlernte, und hakt chronologisch das Leben Mercurys und das der Band ab.

„Bohemian Rhapsody“, der heute ins Kino kommt, ist ein Film, bei dem man auf die Frage, ob er einem gefallen hat, mit einem ständigen „Ja, aber“ antworten muss. Ja, Rami Malek hat Mercurys Körpersprache bis ins Kleinste einstudiert, so dass man manchmal wirklich meint, den echten Mercury vor sich zu haben. Und auch alle anderen Darsteller, insbesondere die der Bandmitglieder, wurden ganz offensichtlich nach Ähnlichkeit gecastet. Aber wie es im Inneren dieser Figuren aussieht, auch, wie die heterosexuellen Kollegen mit dem Schwulsein ihres Sängers umgingen, wird nicht wirklich vertieft.

Ja, es gibt herrlich komische Szenen, wie der berühmte Stampf- und Klatsch-Rhythmus des Hits „We Will Rock You“ entstand oder der grandios überdrehte Genremix in „Bohemian Rhapsody“. Wie Mercury zu seinem ex­trovertierten Umgang mit dem Mikrostativ als Tambourstock fand (er bekam bei seinem ersten Konzert das Mikro nicht aus der Halterung und riss es einfach heraus). Hübsch auch, wie der Boss der EMI-Plattenfirma die „Rhapsody“ für ein Monstrum hält und prophezeit, die Gruppe werde es nie zu was bringen.

Aber einen Film über freddie Mercury ohne eine einzige Sexszene zu drehen, das muss man auch erst mal hinbekommen. Mercurys Entdecken seiner Homosexualität, seine nächtlichen Ausflüge in die Lederszene, die Abstürze in Drogen und Alkohol, für all das wird Paul Prenter (gespielt von Allen Leach aus „Downton Abbey“) verantwortlich gemacht, der erst der Agent der Gruppe, dann Mercurys persönlicher Manager war und ihn schließlich durch Intrigen der Band entfremdete. Das hat dem Film schon homophobe Vorwürfe eingebracht.

Mercury wirkt hier wie ein fremdbestimmtes Wesen, das im Grunde immer einsam blieb. Dass er in München auch mit Barbara Valentin eine WG hatte und mit dem Gastronom Winfried Kirchberger liiert war, all das wird nicht gezeigt. Im Film steht er immer nur unter dem Einfluss Prenters, bis er sich endlich davon befreit. Und mit der Band versöhnt, pünktlich zum Live-Aid-Konzert.

Der Film konnte über alle Queen-Aufnahmen verfügen

Diese Sichtweise ist klar dem Umstand geschuldet, dass der Film in enger Zusammenarbeit mit dem Queen-Gitarristen Brian May und dem Schlagzeuger Roger Taylor entstand. So konnten die Filmemacher über sämtliche Queen-Aufnahmen, auch über Probebänder verfügen und mussten nur wenige Passagen von einem Stimmdouble ergänzen.

Aber der Film bleibt damit seltsam clean und zeigt den Leadsänger sehr aus der Sicht der restlichen Bandmitglieder. Wobei The Queen zwar als disparate, aber doch enge Familie wirkt, in deren Schoß Mercury reuig zurückkehrt. Ein Leben voll Sex & Drugs & Rock’n’Roll, bei dem die ersten beiden Komponenten immer nur angedeutet werden – das ist natürlich auch eine Konzession ans Mainstreampublikum, das man nicht verschrecken will. Ein letztes „Ja, aber“ gebührt der Rahmenhandlung. Ja, es ist fraglos der Höhepunkt des Films, dass am Ende fast der ganze Auftritt der Band bei Live Aid nachgestellt wird, was nicht nur die Fans im Stadion, sondern auch die Zuschauer im Kino in Wallung bringt. Aber die wenigen Jahre danach werden nur noch im Abspann abgehakt. Auf diese Weise erspart man es sich, Mercurys Aids-Krankheit zeigen zu müssen, die er erst einen Tag vor seinem Tod 1991 publik machte. Ein schwuler Popstar, der zur Kultfigur wurde und doch nie öffentlich zu seiner Veranlagung stand: Das ist eine Geschichte, die durchaus auch hätte erzählt werden können.

So bleibt „Bohemian Rhapsody“ trotz aller Stärken ein zwiespältiges Unternehmen. Man erfährt viel, was man nicht gewusst hat, aber es bleiben doch auch Leerstellen. So ganz fassbar wird die Drama-Queen Freddie Mercury daher nie. Trotz allem Überbiss, das ist nicht ohne Ironie, fehlt es dem Film letztlich an Biss. Dafür bleibt die grandiose Musik im Ohr. Zweifellos wird der Film zu einem neuen Ansturm auf Queen-Alben führen.

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