Film

„Easy Rider“ im Kleinformat: „25 km/h“

Ein Roadmovie mit gedrosselter Geschwindigkeit: „25 km/h“ lebt vor allem vom Zusammenspiel von Lars Eidinger und Bjarne Mädel.

Foto: Sony Pictures

Roadmovies sind nichts für den deutschen Film. Aus dem einfachen Grund, weil man Deutschland in nur einem Tag schon durchfahren hat. Deshalb müssen sich deutsche Road ­Movies immerzu verfahren. Oder in der Provinz steckenbleiben. Oder aber man drosselt ihnen die Geschwindigkeit. Wie in „25 km/h“, wo der Filmtitel das Tempo bereits vorgibt.

Zwei Brüder beschließen darin, einen alten Jugendtraum endlich doch noch zu realisieren. Einmal durch ganz Deutschland fahren, vom heimatlichen Schwarzwald bis nach Rügen. Aber eben nicht bequem im Auto, sondern auf ihren alten Mofas, die noch immer im Schuppen des eben verblichenen Vaters rumstehen und verstauben.

Viele Jahre haben sich die beiden nicht mehr gesehen, seit Christian (Lars Eidinger) den väterlichen Hof verlassen hat. Georg (Bjarne Mädel) hat den Vater ganz alleine gepflegt. Selbst zur Beerdigung kommt Christian zu spät, weshalb sich die Brüder gleich beim Wiedersehen und ganz buchstäblich in die Haare kriegen.

Noch am Grab, vor der irritierten Trauergemeinde. Aber dann finden sie unter ihrer alten Tischtennisplatte auf dem Speicher den Plan ihrer Deutschlandtour. Und spontan beschließen die beiden, die sich über all die ­Jahre reichlich fremd geworden sind, erstmals etwas gemeinsam zu unternehmen. Und spontan loszufahren. Noch im Trauer­anzug. Und ohne Wechselkleidung.

„25 km/h“ ist „Easy Rider“ auf kleineren, wenn auch frisierten Maschinen. Und eine Hommage ans Mofa als Fortbewegungsmittel. Vor allem aber ist der Film eine Kreuzung von Road-Movie und Buddyfilm. Ein Road-Buddy, wenn man so will. Regisseur Markus Goller dreht irgendwie immer solche Filme. „Friendship!“ (2010) etwa, wo zwei Ossis sich gleich nach Mauerfall auf eine Reise durch die USA machen, auf der Suche nach dem Vater des einen. Oder „Frau Ella“ (2013), wo ein junger Mann eine alte Frau kidnappt und sich mit ihr auf die Suche nach ihrer großen Liebe macht.

Oder zuletzt „Simpel“ (2017), wo ein junger Mann seinen geistig zurückgebliebenen kleinen Bruder entführt, weil der ins Heim soll, und sich mit ihm auf die Suche nach ihrem Vater macht, der sie einst als Kinder hat sitzen lassen. Immer wieder geht es bei diesen Filmen um junge Leute, die festgefahren sind und ausbrechen. Aber auch um die Auseinandersetzung mit einer älteren Generation.

Wie alle Roadmovies ist auch „25 km/h“ ein Stationendrama. Wo die ungleichen Brüder mal auf einem Weinfest zwei frustrierte Ehefrauen (Franka Potente und Alexandra Maria Lara) kennen lernen. Halbnackt auf dem Mofa den Unmut der örtlichen Polizei erregen. Oder bei einem Tischtennisspiel gegen einen wütigen Rocker (Wotan Wilke Möhring) ihre Mofas verlieren und dann wieder zurück klauen.

Eine Reise mit diversen Hindernissen, bei denen die Protagonisten vor allem zu sich selbst finden müssen. Georg, der glücklose Tischler in der Heimat, muss endlich den Mut finden, seiner Jugendliebe (Sandra Hüller) seine Gefühle zu gestehen. Christian, der erfolgreiche Manager im Ausland, muss sich endlich dem Sohn stellen, mit dem er einst seine Freundin (Jördis Triebel) hat sitzen lassen. Vor allem aber müssen die Brüder erst ganz weit weg fahren, um sich einzugestehen, wie nah sie sich doch sind.

Das ist mal herrlich überdrehte Momente, mal sehr berührende und dann auch wieder welche zum Fremdschämen. Zusammengehalten wird das bis in kleinste Rollen hochkarätig besetzte „Road-Buddy“ aber von Lars Eidinger und Bjarne Mädel. Ihnen glaubt man vom ersten Moment an, dass sie Brüder sein sollen. Daran kranken sonst ja viele Brüder-Filme, dass die Verwandtschaft bloß behauptet ist. Aber es ist wohl Markus Gollers besonderes Talent, unterschiedliche Schauspieler so zusammenzubringen, dass da mehr als nur eine Chemie entsteht.

Wenn Eidinger, der Schaubühnen-Star, und Mädel, der „Tatortreiniger“, lässig auf ihren alten Klapperkisten nebeneinanderher knattern, wenn sie das Weinfest mit einem irrwitzigen Steptanz rocken und immer wieder Tischtennis spielen, gegen einander oder gegen andere, dann ist das auch schauspielerisch ein Ping-Pong-Spiel, dem man nur zu gerne zuschaut. Da würde man am liebsten die Geschwindigkeit noch weiter drosseln, damit die beiden nicht zu schnell an der Ostsee ankommen mögen.

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