Premiere

Bei "Champignol wider Willen" ist nichts, wie es scheint

| Lesedauer: 5 Minuten
Yannick Höppner
 „Champignol wider Willen“ ist eine urkomische und wirre Liebesposse um einen berühmten Maler. Oder ist alles nur Schwindelei?

„Champignol wider Willen“ ist eine urkomische und wirre Liebesposse um einen berühmten Maler. Oder ist alles nur Schwindelei?

Foto: Dominique Ecken / DAVIDS/Dominique Ecken

Der nächste Streich von Herbert Fritsch an der Berliner Schaubühne: Der Regisseur widmet sich mit maßlosem Irrwitz „Champignol wider Willen“.

Camouflage. Überall Camouflage. Vom Boden bis zur Decke, an den Wänden, links und rechts. Bloß ein mit rotem Stoff bezogenes Sofa und ein überdimensional großes Bild einer entblößten Dame, die in einer Muschelschale steht, von zwei Grimassen angestarrt wird und sich notdürftig mit den Händen versucht zu bedecken, zieren sonst noch das Bühnenbild bei „Champignol wider Willen“. Eine nicht allzu häufig gespielte Komödie, von Herbert Fritsch an der Schaubühne inszeniert. Am Mittwochabend feierte das Stück seine Premiere: zügellos und absurd komisch.

Zwischen dem Sofa und dem Gemälde klafft eine Lücke, aus dieser steigen die Schauspieler zu Beginn nach und nach empor, hinauf auf die Bühne. Allen voran Saint-Florimond, der vermeintliche Liebhaber von Angèle. Er ist ein Tollpatsch, sie eigentlich verheiratet mit einem der berühmtesten Maler dieser Zeit: Champignol. Doch der ist auf Reisen, und so wird der Ehe die Gelegenheit zum Verhängnis.

Denn aus der Langeweile ihres Alleinseins heraus entwickelte Angèle ein Gefühl der Liebe für den sie anhimmelnden Saint-Florimond, das sie dazu verleitete, ihn ihrem Onkel als den Gatten Champignol vorzustellen. Dabei liebte sie ihn ja gar nicht, und passiert war zwischen ihnen eigentlich auch nichts. Bis auf den Abschiedskuss, zu dem der verknallte Töricht Angèle überreden konnte, nachdem diese beschlossen hatte, die Affäre, die keine war, ein für alle Mal zu beenden. Natürlich wurden sie dabei vom Dienstmädchen erwischt, und so nahm die Verwechslung ihren nimmer endenden Lauf.

Eine Verwechslungskomödie, die verbrannt werden sollte

Georges Feydeau schrieb das Stück „Champignol malgré lui“ Ende des 19. Jahrhunderts. Uraufgeführt wurde es im Jahr 1892 im Théâtre des Nouveautés in Paris. Feydeau hatte es eigentlich im renommierten Theater Palais-Royal aufführen wollen, doch dort verscheuchte ihn die Direktion der Legende nach mitsamt seinem Werk und den Worten: „Nehmen Sie unseren Rat an und verbrennen Sie es.“ Zu beliebig und zu albern sei es, doch ein paar Blocks weiter hatten die Zuschauer ihren Heidenspaß an dem Stück. Es wurde ein großer Erfolg, der das Théâtre des Nouveautés vor der Pleite rettete.

Regisseur Herbert Fritsch hat es nicht nur geschafft, diesen Erfolg neu aufzusetzen, sondern ihn mit seiner Inszenierung ins Maßlos-Komische zu führen. Regelmäßig brach das Gelächter des Publikums in die Szenen hinein. Die Camouflage, so schien es, war in der Schaubühne regelrecht von der Bühne hinein ins Publikum gekrochen, zog auch ihm eine Uniform an.

Die Aufführung ist auch eine Farce auf das Militär. Champignol wurde eingezogen für die Reserve, doch nun gab es nach dessen Rückkehr von seiner Reise zwei Champignols, eben den richtigen und den, der sich mittlerweile selbst als dieser ausgab: Saint-Florimond. Die feinen rot-schwarzen Anzüge im Barockstil, ebenfalls Camouflage, die sowohl die beiden als auch die Familie von Angèle getragen hatten, wurden eingetauscht gegen die Uniformen der Armee.

Und diese Camouflage rückt noch etwas ganz anderes in den Fokus: die Mimik der Darsteller. Ein bekanntes Mittel von Fritsch, das hier großartig funktioniert. Allein die Ausdrucksstärke der Gesichter macht die Darbietung so aberwitzig und so erstaunlich, dass sie auch die Phasen übersteht, in denen die Überspitzungen einem zu viel werden könnten.

Einer nach dem anderen stieß hinzu in das Reservelager der Armee: die beiden Champignols, Camel – der Onkel von Champignols Gattin –, dessen Schwiegersohn Singleton – ein dauergeiler Flegel –, und alle mussten die stumpfen Befehle der dumpfbackenen Offiziere ausführen. Sowieso sind sie trotz ihrer herrschaftlichen Fassade alle verhältnismäßig dumm – dumm, dumm, dumm: „Oh darling, darling stand by me.“ Wer diese Szene sieht, kommt ums Lachen nicht herum. „Was zur Hölle passiert hier gerade?“ Dieser Gedanke kommt zweifellos auf. Aber dem irrsinnigen Humor von Herbert Fritsch widerstehen? Das gelingt natürlich nicht.

Hinreißendes Spiel und ungeklärte Fragen

Schon gar nicht, wenn die Gesichts­akrobatik der Darsteller mit einer Gestik irgendwo zwischen Hampelmann, schwerer Spastik und Pilates ergänzt wird. Fritsch sorgt mit seiner Regie dafür, dass die Körpersprache die eigentliche Geschichte fast übertrumpft. Kein leichtes Unterfangen, aber das Ensemble meistert die kurzweilige Choreografie fabelhaft mit seinem mitreißenden Spaß am Spiel. Und den braucht es auch. Denn „Champignol wider Willen“ hat keinen gesellschaftlichen Anspruch außer diesem: Unterhaltung. Wer sich darauf einlässt, wird die Schaubühne glücklich und amüsiert verlassen.

Natürlich fliegt die große Heimlichtuerei am Ende auf, und Saint-Florimond ergreift kurzerhand die Flucht. Doch es gibt ein Wiedersehen mit Champignol, ausgerechnet als Saint-Florimond heiraten soll. Doch wer ist nun noch mal wer? Wie es endet? Nur so viel: Nach der Vorstellung fragt ein Mann aus dem Publikum seine Begleitung: „Sag mal, bist du eigentlich verheiratet?“ Die Antwort: „Ich? ... Nein!“