Film

Ein Wort gibt das andere – bis zur Eskalation

„Der Affront“, der libanesische Kandidat für den Auslands-Oscar, arbeitet die Konflikte und Wunden seines Landes als Gerichtsdrama auf.

Eine Beleidigung wird bis vor Gericht ausgetragen: der libanesische Mechaniker Tony (Adel Karam, l.) und der palästinensische Vorarbeiter Yasser (Kamel El Basha).

Eine Beleidigung wird bis vor Gericht ausgetragen: der libanesische Mechaniker Tony (Adel Karam, l.) und der palästinensische Vorarbeiter Yasser (Kamel El Basha).

Foto: © Alpenrepublik© Alpenrepublik / © Alpenrepublik

Schon ein feindseliger Blick oder eine abfällige Geste können Streit auslösen. Aber erst mit dem Wort, mit einer laut ausgesprochenen Beleidigung, ist meist die Stufe erreicht, an der es brandgefährlich wird. Der Film des libanesischen Regisseurs Ziad Doueiri handelt von dieser Macht der Worte und wie durch sie alte Wunden aufgerissen und Menschen in blinder Wut protestierend auf die Straße getrieben werden können.

Was in „Der Affront“ passiert, könnte überall passieren. Viele der Parolen, die hier fallen, klingen unheimlich nach Sätzen, die auch hierzulande durch Social Media und die Nachrichten schwemmen. Gleichzeitig aber präsentiert der Film als klassisches Gerichtsdrama einen umfassenden, präzisen Einblick in die libanesische Gesellschaft und ihre explosiven Konfliktlinien von heute.

Über die Streithähne gerät das ganze Land in Wallung

Als erstes wird der Mechaniker Tony vorgestellt, der eine Veranstaltung seiner rechtsnationalen, christlichen Partei besucht, auf der unverhohlen den Feindseligkeiten gegen die palästinensischen Flüchtlinge im Land gefrönt wird. Verkörpert wird Tony vom populären libanesischen Comedian Adel Karam, der mit einem seiner Programme in die Sammlung der „Netflix Comedy Specials“ aufgenommen wurde. Als Tony strahlt Karam das Gegenteil der Aura eines Komikers aus. Von der ersten Szene an wirkt er wie ein Mann, der die Dinge zu ernst nimmt und nicht von sich abstrahieren kann. Diese Art von Intensität macht ihn zugleich über die Schärfe seiner politischen Ansichten hinweg sympathisch. Man sieht ihm eine gewisse Verwundbarkeit an.

Ganz anders verhält sich das bei Yasser (Kamel El Basha), der ein gutes Jahrzehnt älter ist und als palästinensischer Vorarbeiter in Tonys Straße zu arbeiten beginnt. Yasser – für dessen Darstellung Kamel El Basha auf dem Festival von Venedig als bester Darsteller ausgezeichnet wurde – ist ein sturer, verschlossener Typ, der gelernt hat, nichts an sich heranzulassen. Mit dieser Haltung macht er sich daran, das Abflussrohr von Tonys Balkon umzuleiten, auch nachdem der ihm die Tür zugeschlagen hat. Erst als Tony dann das frisch gelegte Rohr an der Außenwand abschlägt und Yasser mit Dreckwasser begießt, fährt er aus der Haut und ruft Tony eine obszöne Beleidigung ins Gesicht.

Auf Tony wirkt das wie eine Kriegserklärung. Er will eine Entschuldigung. Als Yasser von seinem Chef dazu gezwungen wird, erfolgt die eigentliche Eskalation: Tony beschimpft Yasser: „Sharon hätte euch eliminieren sollen.“ Yasser schlägt daraufhin Tony und bricht ihm zwei Rippen. Eine Anzeige wegen Körperverletzung folgt, in zwei Prozessen versucht Tony Recht zu bekommen. Um die beiden Streithähne gerät das ganze Land in Wallung.

„Der Affront“ ist ein Film der vielen Worte, weshalb ein Teil der Kritik ihn bei der Premiere auf dem Filmfestival in Venedig als geschwätziges „Fernsehdrama“ abtat. Aber es lohnt sich, sehr genau hinzuhören, denn auch wenn Doueiris Werk sehr dialoglastig ist, haben es die Dialoge doch in sich. Während die Kamera die Stadt Beirut als staubig-graues, kriegsbeschädigtes Provisorium und beständige Baustelle in den Blick nimmt, liefert der Film in seinen Dialogen farbenreiche Beschreibungen dessen, wovon die Gedanken und Motivationen seiner Bewohner bestimmt werden.

Worte werden einerseits zu Waffen und sind andererseits trickreiche Tarnung für unterschwellige Feindseligkeiten. Warum er sich nicht einfach entschuldige, fragt Yassers konfliktmüde Frau ihren Mann, voll Sorge um ihren prekären Status als Flüchtlinge in einem fremden Land. „Sie haben uns im Visier!“, lautet seine kryptische Antwort. „Wer sind ‚sie‘?“, will sie wissen und erhält einen noch allgemeineren Verweis: „Wir Palästinenser sind die Neger der arabischen Welt!“

Auf der anderen Seite werden in Tonys Umfeld gern die Worte eines Phalangisten-Führers zitiert, der von den Palästinensern behauptet: „Sie trinken aus unseren Brunnen und spucken dann hinein!“ Jeder richterliche Einwand zu Yassers Vorteil wird kommentiert mit Sätzen wie: „Sie teilen Prügel aus und stellen sich dann als Opfer dar.“

Tatsächlich aber, und darauf legt Doueiri großen Wert, wollen seine beiden Kontrahenten genau das nicht sein: Opfer. Dass ihr stures bzw. überempfindliches Verhalten damit zu tun hat, dass sie Betroffene von Massakern sind, die verschiedene Fraktionen des Libanonkonflikts einander antaten, enthüllen sie nicht etwa selbst, das müssen andere über sie herausfinden.

Wer genau hinschaut, wird erkennen, dass der Weg zu Versöhnung, den „Der Affront“ aufzeigt, widersprüchlich und komplex ist. Während die beiden Kontrahenten über den privaten Austausch klassischer Männergesten zu einer Art Waffenstillstand finden, muss die Gesellschaft um sie herum lernen, über die begangenen Verbrechen zu reden. Wird je eine Entschuldigung als Zeichen des Anstands gelten und nicht als Schwäche? Das wirft der Prozess zuletzt als wichtige Frage auf. Als schließlich der Richterspruch ergeht, bekommt der „Verlierer“ mehr Gratulation als der vermeintliche Gewinner – und darin liegt schließlich die eigentliche Versöhnung.

In diesem Zusammenhang könnte man die Tatsache, dass Doueiris Film zum offiziellen Kandidaten Libanons für den „Besten nicht-englischsprachigen Film“ bei den Oscars eingereicht wurde, als ein Zeichen des Verständigungswillens deuten. Andererseits ist es auch ein Beleg dafür, wie geschickt Doueiri die Konventionen des Weltkinos bedient und damit auch die Zuschauer erreicht, die über den Libanon und seine Geschichte so gut wie gar nichts wissen.