Es reicht nicht, alte Zöpfe abzuschneiden. Es reicht nicht, mit der spießigen Freundin Schluss zu machen, sich das Haar auf Irokese zu rasieren und dem Hippielehrer das Wallehaar abzuschnippeln. Nein, der junge Rebell muss aus dem Internat raus und überhaupt aus der Provinz. Es ist 1981, und er will nach Berlin. Dort will er Drogen nehmen. Und Sex haben. Und das nicht zu knapp. Das schreit er schon in den ersten Filmminuten heraus. Und bald greift er sich Springerstiefel, Wehrmachtsmantel und Tornister. Und macht sich wirklich auf. In die Frontstadt.
In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ zeigt die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film. Einen, in dem die Stadt nicht nur eine pittoreske Kulisse abgibt, sondern wirklich eine Rolle spielt, ein Lebensgefühl wiedergibt. Genau das entwirft Oskar Roehlers wilder Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“, dessen Titel allein schon Programm ist und in dem die Mauer-Stadt als einzige große Groteske erscheint. Erzählt wird das schrill, roh, überdreht und unausgereift – so wie das Berlin der 80er-Jahre eben war.
Nichts da also vom Schaufenster des Westens. Vom Leuchtturm der Freiheit. Oder von touristischen Sehenswürdigkeiten. Roehler zeigt sein Berlin konsequent von hinten und von unten. Als Zufluchtsort für Künstler und Überlebenskünstler. Als Insel der Seligen für Loser und Spinner aller Couleur. Und Tom Schilling – der 2012 in einem anderen Berlin-Film, „Oh Boy“, schon mal einen Generationentypus verkörpert hat, die Generation Y, die nicht weiß, was sie will – driftet in diesem drei Jahre später gedrehten Film erneut durch die Stadt, als Punk, der die Zukunft verachtet und nur für den Moment lebt.

Er kommt in einer Kellerwohnung unter, in der er nicht mal aufrecht stehen kann, er übernimmt in der Peepshow-Bar seines Freundes (Wilson Gonzales Ochsenknecht) recht entwürdigende Jobs, wenn er das Sperma der Kunden von den Guckscheiben wischen muss. Aber er profitiert von der hochsubventionierten Halbstadt, kassiert Sozialhilfe und setzt sie in langen Nächten und schummrigen in Alkohol und Drogen um. Er verliebt sich in die Stripperin Sanja (Emilia Schüle), die aber, noch todessehnsüchtiger als er, Heroin spritzt.
Und um ihn herum tauchen immer wieder die verbrieften Helden dieser versifften Gegenwelt auf: Blixa Bargeld etwa, grandios verkörpert von Alexander Scheer, der mit großem Pathos allerlei Unzusammenhängendes von sich gibt. Nick Cave stolpert auch durchs Bild, Rainer Werner Fassbinder steht bekokst in einer Lederbar rum. Und zu alledem erklingt authentische Punkmusik.

„Es lebe der Punk“ ist, wenn man so will, überzeichnete, aber gelebte Zerstörungswut. Denn genauso sahen die ersten Jahre von Oskar Roehler, dem großen Wilden unter den deutschen Autorenfilmern, aus, als er ins alte West-Berlin kam. Einmal mehr klopft er hier den Steinbruch seiner eigenen Biographie ab. Das hat er erstmals 2000 in „Die Unberührbare“ getan, dieses großartige Porträt seiner egozentrischen, nur um sich selbst kreisenden Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner.
Seine ganze schreckliche Kindheit und Jugend als ungeliebter, ungewollter Sohn hat sich Roehler dann in dem ebenso großartigen Roman „Herkunft“ (2011) von der Seele geschrieben, was er kurz darauf als „Quellen des Lebens“ selbst verfilmt hat. Drei Jahre später noch mal derselbe Vorgang, als er seine Punkjahre in Berlin wieder erst als Buch aufarbeitete mit dem provokanten Titel „Mein Leben als Affenarsch“. Und dann als „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ filmisch umsetzte.

Wieder geht Roehler mit seinem eigenen Alter Ego Robert (Tom Schilling) wenig zimperlich um. Wieder ist dies eine Abrechnung mit den Eltern, die im Gegensatz zur Hauptfigur bei den echten Vornamen genannt werden: die Mutter Gisela (diesmal nicht von Hannelore Elsner, sondern von Hannelore Hoger gespielt), die sich im Fernsehen damit brüstet, die „Brut“ in ihrem Leib am liebsten abgetrieben zu haben, und der Vater Klaus (Samuel Finzi), der in einer Scheinwelt lebt und den Sohn ebenfalls verhöhnt.
Aber Roehlers serielle Autobiografie ist weit mehr denn eine narzisstisch-wehmütige Nabelschau. Der Autor und Filmautor entwickelt mit seinen Werken so etwas wie eine filmische Geschichtsaufarbeitung der Bundesrepublik. Hier also mit dem Kapitel 80er-Jahre.
Das aber ist fern von aller Nostalgie oder Ich-war-dabei-Pathos. Die 80-er wirken wie eine überspitzte Wahnvorstellung, ein einziger irrer Rausch, dem der Kater immer schon mit anhaftet. Ein Aufbegehren als Exorzismus, der gleich mit exorziert wird. Man mag sich an diesem Film an manchen Zoten stören, aber es wirkt auch ziemlich befreiend, dass einmal jemand mit der Verklärung des alten West-Berlin aufräumt. Und das gnadenlos.





