Kultur

Mit dem Ballon in die Freiheit

Regisseur Michael Bully Herbig wagt sich mit seinem neuen Film auch an eine persönliche Grenzüberwindung

Kurz vor dem nächtlichen Start: Der Ballon entfaltet sich.

Kurz vor dem nächtlichen Start: Der Ballon entfaltet sich.

Foto: Studiocanal GmbH / Marco Nagel

„Guck mal, die fliegen in den Westen!“, ruft der kleine Sohn. Es sind nur ein paar Luftballons, und der Stasi-Mann von nebenan macht noch einen Scherz wegen „Luftraumverletzung“. Er ahnt nicht, dass seine Nachbarn, die Strelzyks, monatelang an einem Heißluftballon gebastelt haben, um aus der DDR zu fliehen. In dieser Nacht wollen sie es wagen, der Wind ist günstig. Aber ihre Freunde, die Wetzels, die mit ihnen daran gearbeitet haben, kneifen in letzter Sekunde. Der Ballon sei zu klein für alle. Also müssen sie es alleine tun.

Der Film „Ballon“ hält sich nicht lange auf mit ewigen Vorbereitungen in aller Heimlichkeit. Ein paar Schlaglichter – Jugendweihe, Pionierlied, Panzersperren, Wachtürme, ein Mauertoter – müssen reichen, um die Tristesse, das Eingesperrtsein, die Zukunftslosigkeit in der DDR zu illustrieren. Dann geht es in den Ballon und in die Luft. Und zu früh wieder herunter – 200 Meter vor der Grenze. So spannend wie der Fluchtversuch wird auch dessen Vertuschung inszeniert. Wie die Familie versucht, alle Spuren zu verwischen. Wie sie so tut, als sei nichts gewesen. Und wie der Sohn, der in die Tochter des Stasi-Nachbarn verliebt ist, den Abschiedsbrief, den er ihr geschrieben hat, aus ihrem Briefkasten fischen muss.

„Ballon“ ist ein Drama über die wohl spektakulärste Flucht aus der DDR, die den Familien Strelzyk und Wetzel im September 1979 gelungen ist. Die Bilder gingen damals um die Welt. Schon früh hat Hollywood den Stoff verfilmt, 1982 unter dem Titel „Mit dem Wind nach Westen“ mit John Hurt und Beau Bridges. Nun hat sich Michael Bully Herbig an eine Neuverfilmung gewagt. Was nicht ganz einfach war, weil die Strelzyks und Wetzels die Rechte an ihrer Geschichte eigentlich auf Lebenszeit an Disney verkauft haben. Der deutsche Film wirft einen weit genaueren Blick auf den Alltag im Sozialismus, von der Machart her ist aber auch er ziemlich amerikanisch angelegt, als Thriller und Spannungskino.

Das überrascht umso mehr, als es sich bei diesem Fluchtdrama auch im übertragenen Sinn über eine Grenzüberwindung handelt. Regisseur Herbig macht in gewisser Hinsicht selber „rüber“. Bisher war der Komiker auf Komödien geeicht. Auch wenn nicht jeder seinen krachledernen Humor teilen mag, gelangen ihm mit „Der Schuh des Manitu“ und „(T)Raumschiff Surprise“ zwei der größten Kassenerfolge des jüngeren deutschen Films. Und er hat die Sketche seiner „Bully-Parade“ nicht nur in weiteren Filmen ausgereizt, sondern sich im Münchner Bullyversum damit quasi selbst musealisiert. Nun überrascht er mit seinem ersten „ernsten“ Film. Und setzt das Drama mit einer Souveränität und einem Gespür für Spannung und Timing um, als hätte er nie etwas anderes getan. Würde sein Name nicht gleich mehrfach im Vorspann auftauchen, als Regisseur, Produzent und Co-Autor, man würde nie auf die Idee kommen, dass dies ein Bully-Film ist.

Zwar nimmt sich Herbig dramaturgische Freiheiten, wenn er die drei Fluchtversuche auf zwei reduziert. Und wenn er das monatelange Basteln der Strelzyks (Friedrich Mücke und Karoline Schuch) und der Wetzels (David Kross und Alicia von Rittberg) für den zweiten Ballon auf sechs Wochen verdichtet. Als Rennen gegen die Zeit, weil die Stasi den „Volksverrätern“ auf der Spur ist. Herbig hat aber über Jahre recherchiert, um das Land, das nicht das seine war, so authentisch wie möglich in Szene zu setzen. Wobei er auch die perfiden Methoden des Stasi-Apparats zeigt und dafür eine spannende Besetzung gegen den Strich gefunden hat: mit Thomas Kretschmann, der 1983 selbst geflohen ist, als aasige Personifizierung des Überwachungsstaates.

Herbig gelingen sehr emotionale Momente, wenn der ältere Sohn der Strelzyks hin- und hergerissen ist zwischen den Fluchtplänen und seiner schüchternen Liebe zur Nachbarstochter. Oder wenn der jüngere Sohn seine Eltern tröstet, als die sich vorwerfen, dass sie schlechte Eltern seien, weil sie ihre Kinder solcher Gefahr aussetzen. Herbig gelingen Bilder, die sich einbrennen, wie das, als die Strelzyks einmal in Ost-Berlin vom Hotel „Stadt Berlin“ aus auf den Westen schauen, dies aber von außen gefilmt wird, als Spiegelung, wodurch die Familie umso eingesperrter wirkt.

Man sieht Bully Herbig hier bei einer kompletten Neuerfindung zu. Ein Regisseur, der die ganze Klaviatur des Spannungskinos bedient. Ein Regisseur, der falsche Fährten legt, der ständig auf Klischees hereinzufallen droht und sie dann doch gekonnt bricht. Und dem es gelingt, dass der Zuschauer bis zur letzten Minute bangt, ob die Flucht auch wirklich gelingt, obwohl das Ende doch hinlänglich bekannt ist.

Zum Schluss gibt es noch einen echten Lacher. Ob sie im Westen seien, fragen die Väter nach der Landung die Ersten, denen sie begegnen. Nein, ist die Antwort, „in Oberfranken“. Als dann die Mütter und Kinder aus dem Wald laufen, staunt der Angesprochene: „Wie viele kommen denn da noch?“ Da ist der Film ganz nah an der heutigen Zeit. Und macht deutlich, dass es gar nicht so lange her ist, dass auch bei uns Menschen geflohen sind, weil sie für sich keine Zukunft sahen. Das kann man sich in der heutigen Flüchtlingskrise und nach den Ereignissen in Chemnitz und anderswo nicht oft genug vergegenwärtigen.

Ab Donnerstag im Kino.

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