Dies ist nicht einfach ein Film. Dies ist die Aufarbeitung eines nationalen Traumas, das die Welt erschütterte. Weshalb man „Utøya 22. Juli“ auch kaum mit gängigen Kriterien bewerten kann. Auf der Berlinale, wo er uraufgeführt wurde, ist der Film gefeiert, aber auch kritisiert worden. Am Donnerstag kommt er nun ins Kino. Und man kann den ersten Eindruck noch einmal überprüfen.
Am 22. Juli 2011 hat der norwegische Rechtsextreme Anders Breivik in Oslo vor einem Regierungsgebäude eine Autobombe gezündet und acht Menschen getötet. Dann fuhr er auf die 30 Kilometer entfernte Insel Utøya. Dort befanden sich an diesem Tag 560 Jugendliche im Ferienlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, auf die Breivik eine regelrechten Treibjagd verübte. Er tötete 69 Menschen und verletzte 33 weitere, bis die Polizei ihn überwältigte. Er wollte damit, wie er später aussagte, die von ihm verhasste Multikulti-Gesellschaft treffen. 72 Minuten dauerte das Massaker. So lange ist es auch in diesem Film zu sehen. Horror in Echtzeit.
Ein Prolog zeigt zunächst Bilder von Oslo nach dem Anschlag. Dann ist man auf der Insel. Einige Jugendliche sieht man noch unbeschwert schwimmen, flirten, herumalbern. Was Jugendliche in einem Sommercamp eben so tun. Andere haben bereits von den Geschehnissen in Oslo gehört, diskutieren betroffen darüber oder machen sich Sorgen um ihre Familien. Dann hört man Schüsse. Erst herrscht Verwirrung. Ist das eine Übung? Dann fallen die ersten Jugendlichen leblos zu Boden. Und Panik breitet sich aus.

Erik Poppe, einer der renommiertesten Filmemacher Norwegens, hat alle Akten über den Amoklauf studiert, hat wieder und wieder mit Überlebenden gesprochen und mit einigen sogar eng zusammengearbeitet. Seine wichtigste Motivation, den Film zu drehen, war die Aussage mehrerer Überlebender, dass es für sie unendlich schwierig sei, über das Erlebte zu sprechen. Poppe war erst Fotograf in Krisengebieten, bevor er Regisseur wurde. Über die Frage, wie man mit einem fiktionalen Werk größtmögliche emotionale Wirkung erzielen kann, hat er 2015 promoviert. Die Antwort gibt auch sein Film: indem man eine möglichst subjektive Perspektive findet.
Poppe macht erst mal alles richtig. Er erzählt die Ereignisse nicht reißerisch als Thriller. Er stellt sie nur nach. Dafür gibt es in der Filmbranche eine eigene Bezeichnung: Reenactment. Um den echten Betroffenen Wiedererkennungserlebnisse zu ersparen, wurden die Figuren zwar fiktionalisiert, aber alles Gezeigte basiert auf Fakten. Das größte Plus: „Utøya 22. Juli“ ist ganz aus der Sicht der Opfer erzählt. Der Täter ist nur kurz als drohender Schemen in der Ferne zu sehen.

Im Mittelpunkt steht die 18-jährige Kaja (ergreifend verkörpert von Andrea Berntzen). Ihre ersten Sätze „Du wirst es nie verstehen. Hör mir doch einfach zu“ klingen wie ein Appell ans Publikum. Aber sie telefoniert nur mit ihrer Mutter. Dann sucht sie ihre jüngere Schwester, herrscht sie an, dass ihr die Ereignisse in Oslo egal seien. Als die ersten Schüsse fallen, versteckt sich Kaja wie die meisten erst im Gruppenhaus, dann fliehen die Jugendlichen in den Wald. Kaja sucht immer wieder ihre Schwester, versucht auch anderen zu helfen. Bleibt bei einem angeschossenen Mädchen, bis es verblutet.
Auf der Berlinale entbrannte eine Debatte, ob diese Art der Darstellung nicht doch eine kommerzielle Trauma-Ausschlachtung, gar ein „Gewaltporno“ sei. „Das Allerwichtigste für mich war, diesen Film mit Würde umzusetzen“, erklärt Poppe. „Mit so viel Respekt vor den Opfern, Überlebenden, ihren Familien und Angehörigen wie nur möglich.“ Er hat den Film ihnen zuerst gezeigt. Hätte er nicht überzeugt, hätte Poppe ihn wohl nicht ins Kino gebracht.
Heilungsprozess und Warnung vor Rechtsradikalismus
Und doch, einen Vorwurf kann man dem Film machen: Die 72 Minuten sind in einer einzigen Einstellung mit Handkamera ohne jeden Schnitt gedreht. Diese sogenannten One-Taker stellen Schauspieler vor immense Herausforderungen. Eine Parforce-Tour, wie man sie in Sebastian Schippers Berlin-Film „Victoria“ erleben konnte. Aber kann man so mit unerfahrenen, jugendlichen Laiendarstellern verfahren? Diese einzige lange Einstellung soll die Unmittelbarkeit des Erlebten unterstreichen. Aber zugleich ist sie auch höchst artifiziell, eine ästhetische Spielerei, die den selbst aufgestellten Anspruch auf Seriosität infrage stellt.

Seit Kurzem gibt es einen zweiten Film über die Ereignisse: „22 July“ von Paul Greengrass. Ein Regisseur, der das Actionkino mit seinen „Bourne“-Thrillern neu deklinierte, aber auch schon einmal einen Anschlag nachinszenierte: „Flug 93“ über die Maschine, die am 11. September 2001 ins Pentagon gelenkt werden sollte. Auch „22 July“ lief zunächst auf einem Filmfestival, in Venedig, ab 10. Oktober wird er bei Netflix zu sehen sein. Auch dieser Film beginnt mit Bildern aus Oslo.
Aber er basiert auf dem Buch „Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“ und fächert die Ereignisse breiter auf, indem er den Gerichtsprozess in den Mittelpunkt rückt. Breivik ist dabei durchaus eine Hauptfigur (gespielt von Anders Danielsen Lie), man folgt auch weiteren Figuren, einem der Opfer, das bei dem Anschlag angeschossen wurde und auf einem Auge erblindete, aber auch dem Pflichtverteidiger von Breivik. Der Film zeigt nicht nur die direkten Schrecknisse dieses 22. Juli, sondern auch die Narben, die er bis heute hinterlässt. Und die Ohnmacht der Gesellschaft angesichts dieses sinnlosen Gewaltexzesses.
Poppe wie Greengrass verstehen ihre Filme beide als „Heilungsprozess“ und als Warnung vor dem derzeit überall in Europa erstarkenden Rechtsextremismus. Vielleicht braucht es gerade zwei solch unterschiedliche Ansätze, um die Ereignisse wirklich verarbeiten zu können und dem Grauen gerecht zu werden. Um mit dem Film von Poppe zu sprechen: Ihr werdet es nie verstehen. Aber schaut zu.





