Kultur

Eine Diplomatin wird zur jüngsten Konzertmeisterin Berlins

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Die südkoreanische Geigerin Jiyoon Lee​ (26), Berlins jüngste Konzertmeisterin. Fotos von Monika Rittershaus (honorarfrei)

Die südkoreanische Geigerin Jiyoon Lee​ (26), Berlins jüngste Konzertmeisterin. Fotos von Monika Rittershaus (honorarfrei)

Foto: Monika Rittershaus

Die erst 26-Jährige Jiyoon Lee soll zwischen Staatskapelle und Dirigent Barenboim vermitteln. Ein Treffen mit der Südkoreanerin.

Berlin. Das Gespräch beginnt damit, dass ich mein Handy vor ihr auf den Tisch lege und auf Aufnahme drücke. Jiyoon Lee schaut mich etwas ungläubig an und meint, dass das Mikrofon auf der anderen Seite sei. Als sie meine Ratlosigkeit bemerkt, entschuldigt sie sich, dass sie vielleicht falsch gedacht habe. Dann lächeln wir beide in großer Harmonie meine Unwissenheit weg. Vielleicht ist ihre höflich-charmante und wohl auch typisch asiatische Art der Konfliktlösung eines der Geheimnisse, warum Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin die Geigerin zur jüngsten ersten Konzertmeisterin der Stadt gemacht haben. Ihre Karriere ist eine außergewöhnliche Geschichte.

„Der erste Konzertmeister ist eine Brücke zwischen dem Orchester und dem Dirigenten. Wir sind die Diplomaten im Orchester und müssen immer die Kompromisse organisieren“, erklärt die kürzlich 26 Jahre alt gewordene Jiyoon Lee: „Das ganze Orchester will etwas, der Dirigent aber etwas anderes. Wir müssen eine Lösung finden, was manchmal nicht einfach ist. Ich lerne im Orchester viel über Musik, aber auch über das Leben.“ Die alte Redewendung „die erste Geige spielen“ geht auf diese Funktion zurück. Der erste Konzertmeister leitet beispielsweise das Einstimmen des Orchesters, spielt die Solo-Stellen und bekommt meistens Extra-Applaus und einen Blumenstrauß.

Ursprünglich wollte sie nur die erste Geige spielen

Genau genommen hatte sich Jiyoon Lee, die ursprünglich immer nur Geigensolistin werden wollte, gar nicht auf diese Stelle beworben. Aber dann glaubte sie, vielleicht etwas zu verpassen. „Es war mein allererstes Probespiel. Ich wollte unbedingt zur Staatskapelle und Herrn Barenboim kennenlernen.“ Als Studentin der Berliner „Hanns Eisler“-Musikhochschule hatte sie regelmäßig die Konzerte und Opernaufführungen besucht. „Ich dachte nicht, dass sie eine Studentin als stellvertretende Konzertmeisterin nehmen“, fügt sie noch hinzu. Dafür fand das Probespiel eigentlich statt.

Es sollte ganz anders kommen. „Nach der zweiten Runde wurde mir mitgeteilt, dass es jetzt um die erste Konzertmeisterstelle geht. Mein erster Gedanke war, dass das eine zu große Verantwortung ist. Ich hatte doch noch gar keine Erfahrungen.“ Ihr Probespiel wird sie so schnell nicht vergessen, auch, weil sie sehr nervös war und es irgendwie lustig zuging. „Nach dem Spiel fragte Herr Barenboim mich: Was wollen Sie von uns? Ich antwortete, dass ich das Orchester toll finde und Erfahrungen sammeln will. Er fragte nach. warum ich als sehr gute Solistin ins Orchester will? Ich sagte, warum nicht? Ist doch besser, wenn ich gut bin.“

Die Musiker der Staatskapelle schätzen die junge Koreanerin

Wenn man sich in der Staatskapelle umhört, stehen die Musiker hinter ihrer jungen Konzertmeisterin. Ihre Energie, ihr Humor und ihre Herzlichkeit werden geschätzt. „Ich habe das Gefühl, als wenn ich von einer Familie aufgenommen wurde“, sagt Jiyoon Lee. Sie weiß das hoch zu achten. „Wenn in Deutschland jemand 30 Jahre im Orchester ist, hat er natürlich viel mehr Erfahrungen als ich. Ich fühle mich trotzdem als eine Kollegin respektiert. In Südkorea hätte ich mehr Schwierigkeiten, weil ich so jung und unerfahren bin. In unserer Kultur gibt es eine sehr strenge Altershierarchie.“

Jiyoon Lee wurde 1992 in Seoul (Südkorea) geboren. Ihr Vater ist Professor für Mikrobiologie, das Musikalische kam über die Mutter, eine an der New Yorker Juilliard School ausgebildet Pianistin. Tochter Jiyoon Lee begann mit vier Jahren Geige zu spielen. Nach dem Studium an der Korean National University of Arts zog sie als 20-Jährige nach Berlin um. „Ich hatte gedacht, als klassische Geigerin muss man einmal in Europa gelebt haben, um die Ursprünge dieser Musik und die Sprache zu verstehen.“

In Deutschland hat sie das Geigenspiel völlig neu gelernt

Zuvor hatte sie im Internet nach einem Professor gesucht. „Auf Youtube habe ich ein Video gefunden, in dem Kolja Blacher mit Claudio Abbado spielt. Von dem Geigenklang habe ich immer geträumt, ich wollte unbedingt bei ihm studieren.“ Kolja Blacher war in den 90er-Jahren erster Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern und ist seit 2009 Geigen-Professor an der Eisler-Hochschule. „Ich habe bei ihm das Geigenspiel komplett neu lernen müssen – wie ein Anfänger. Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt.“ Und auch von seinen Erfahrungen als Konzertmeister kann sie profitieren. „Manchmal rufe ich ihn an und frage, was soll ich tun? Er sagt, wie ich mich am besten verhalten sollte.“

Als frischgebackene erste Konzertmeisterin hat Jiyoon Lee im Juni einen weiteren Schritt gemacht – sie ist vom Prenzlauer Berg, wo sie als Studentin fünf Jahre lang gelebt hat, nach Mitte umgezogen. „Näher an die Staatsoper“, wie sagt: „Dadurch kann ich morgens ein bisschen länger schlafen.“

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