Konzert

West-Eastern-Divan-Orchestra strahlt musikalische Ernst aus

Mucksmäuschenstill ist es auf den prall gefüllten Rängen in der Waldbühne, wie sonst nur im Konzertsaal.

Daniel Barenboim in der Waldbühne

Daniel Barenboim in der Waldbühne

Foto: Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Wer noch immer kein Mittel gegen die Wespenplage gefunden hat, kann es ja mal mit Musik von Tschaikowsky versuchen. In der Waldbühne funktioniert das jedenfalls prächtig: Wenige Takte der Polonaise aus „Eugen Onegin“ genügen schon, damit die Wespen komplett Reißaus nehmen. Deutlich weniger eilig geht es dafür im West-Eastern-Divan-Orchestra (Wedo) unter Daniel Barenboim zu. Denn trotz anhaltender 28 Grad am Abend scheinen sich die jungen Musiker erst noch warmspielen zu müssen. Und so klingt diese Tschaikowsky-Polonaise einmal nicht nach spritzig-virtuosem Publikumsreißer, sondern eher nach Ruhe und Solidität.

Zeit genug also, um sich ein paar Gedanken zu machen über das West-Eastern-Divan-Orchestra: Noch immer sitzt dort der mittlerweile 33-jährige Michael Barenboim als Konzertmeister vorne, Sohn von Daniel Barenboim und erfolgreicher Solist seit mehreren Jahren. Und auch sonst scheinen sich hier vor allem talentierte Studenten und gestandene Profis versammelt zu haben – trotz des Etiketts Jugendorchester, eines Ensembles, das normalerweise aus 14- bis 25-Jährigen besteht. Daniel Barenboim ist da also sehr großzügig. Denn zwei Dinge sind ihm viel wichtiger: erstens, dass er Musiker aus Israel und arabischen Ländern zusammenbringt – im Sinne einer utopischen Völkervereinigung durch die Kraft der Musik. Und zweitens gibt es die Musik an sich und ihre Interpretation, die Barenboim mindestens ebenso wichtig sind. Daher scheut er sich auch nicht, einzelne Musiker aus dem Wedo zu werfen, wenn sie seine Erwartungen nicht erfüllen.

Mucksmäuschenstill ist es auf den Rängen

Bemerkenswert auch der tiefe musikalische Ernst, den Barenboim und das Wedo an diesem Abend ausstrahlen. Ein Ernst, der sich unmittelbar auf das Publikum auswirkt. Mucksmäuschenstill ist es auf den prall gefüllten Rängen, wie sonst nur im Konzertsaal. Keine La-Ola-Wellen wie bei den Berliner Philharmonikern, keine entspannten, in den Sitzreihen ausgebreiteten Picknicks nebenbei.

Tschaikowskys Violinkonzert op. 35 ist der Höhepunkt des Abends. Weil Lisa Batiashvili als Solistin hier ihre gesamte Klasse ausspielt. Und weil sie sich rigoros über alle akustischen Wi­drigkeiten der Waldbühne hinwegsetzt. Lediglich ihre G-Saite scheint an diesem Abend etwas kehliger zu klingen als sonst – verglichen zum Beispiel mit der Tschaikowsky-Aufnahme, die sie mit Barenboim und der Staatskapelle vor einiger Zeit gemacht hat. Verglichen aber auch mit ihren Auftritten in der vergangenen Saison in der Philharmonie, bei Violinkonzerten von Sibelius, Brahms und Szymanowski. Keine Frage: Die Georgierin Lisa Batiashvili hat gerade einen Lauf, ist in Berlin dauerpräsent und obendrein die Lieblingsinterpretin von Daniel Barenboim.

An ihrem Spiel kann man sich kaum satt hören. Denn bei aller professionellen Routine verfügt sie über eine entscheidende Gabe: Sie gibt ihrem Publikum das Gefühl, dass es einen einzigartigen, unwiederholbaren Abend erlebt. Einerseits ist da ihre klar definierte Klangästhetik, edel und wohlgeformt, warm und samtig. Andererseits scheint ihr Geigenspiel direkt an der menschlichen Stimme orientiert, wirkt flexibel, spontan und vor allem hochemotional. Das Wedo bietet ihr dabei viel Raum zur Entfaltung. Eher gemütlich die Orchestertempi im sonst so feurigen Finale, nostalgische Kaminfeueratmosphäre zuvor in der Canzonetta.

Und diese Ruhe und Gelassenheit kommt auch Claude Debussy in der zweiten Konzerthälfte zugute. Wobei man beim französischen Komponisten Debussy und dem Russen Tschaikowsky eigentlich erstmal stutzen muss. Passen die musikalisch überhaupt zusammen? Gewichtige Spätromantik und hauchfeiner Impressionismus? Barenboim lässt sich auf den stilistischen Gegensatz ein. Auch hier scheint ihm aber etwas anderes wichtiger zu sein: Er möchte seine intensive Beschäftigung mit Debussy rund um dessen 100. Todestag, an den die Klassikwelt in diesem Jahr gedenkt, auch vor 20.000 Waldbühnenbesuchern fortsetzen – selbst auf die Gefahr hin, dass der Schlussjubel danach etwas intimer ausfällt als gewöhnlich.

Der Solo-Flötist fällt durch Eleganz auf

Und tatsächlich: Nach Debussys „Nachmittag eines Fauns“ und „La Mer“ erwacht das Publikum wie aus einem schönen Traum, rekelt sich und sinnt nach. Es spendet glücklichen, aber keinesfalls übermäßigen Applaus. Und genau so wollte es Barenboim, der sogar noch eine besinnliche Zugabe nachschiebt: die Pastorale aus der „L’Arlésienne-Suite Nr. 2“ von Georges Bizet. Und das vermutlich auch, weil Barenboim einen ganz besonders berührenden Solo-Flötisten in den Reihen seines Wedos weiß. Der Israeli Tomer Amrani studiert an der Barenboim-Said Akademie in Berlin. Er war auch zuvor schon im Tschaikowsky-Violinkonzert und in Debussys „Nachmittag eines Fauns“ durch Eleganz und Hingabe aufgefallen.