Das Action-Kino treibt sich regelmäßig selbst an seine Grenzen. Immer wieder muss die Action noch überwältigender, noch spektakulärer sein. Immer wieder denkt man, mehr geht nun wirklich nicht. Und dann wird doch wieder eins draufgesetzt. So auch bei den „Mission: Impossible“-Filmen: In Teil vier, man erinnere sich, kletterte Tom Cruise von außen am Burj Khalifa herum, dem höchsten Wolkenkratzer der Welt, in Teil fünf sprang er auf ein Frachtflugzeug – und hing außen dran, als dieses abhob. Szenen, die kein Normalsterblicher überleben würde. Deren Stunts der Topstar aber gern höchstselbst absolviert, wenn auch mit Absicherungen, die im Nachhinein aus dem Bild retuschiert werden.
In der jüngsten, nunmehr sechsten unmöglichen Mission „Fallout“ klettert er auf einen fliegenden Helikopter, crasht dann einen zweiten Hubschrauber, als wäre das nur Autoscooter, und hängt dann über einem Hochplateau, während der Heli auf ihn zurollt. Und auch einen sogenannten Halo-Sprung aus acht Kilometern Höhe, bei dem sich der Fallschirm erst 600 Meter über der Erde öffnet, hat sich Cruise nicht nehmen lassen. Das wirkt, in 3D gedreht, noch schwindelerregender. Über hundertmal soll Cruise gesprungen sein, bis die Szene optimal im Kasten war.
Nichts hat der Star dem Zufall überlassen
Seinem Co-Star Henry Cavill hat Cruise diesen Sprung hingegen verboten. Entweder, weil er keinem zweiten Star neben sich die Show gönnt. Oder weil er die Filme eben auch mitproduziert und bei keinem anderen Schauspieler einen Ausfall riskieren möchte. Bei sich selbst schon: Bei einer Verfolgungsjagd über den Dächern von London hat sich Cruise den Knöchel gebrochen, weshalb die Dreharbeiten für sieben Wochen unterbrochen werden mussten. Aber auch das ist letztlich nur PR für den Film: Der Star riskiert alles. Und zeigt seinen Kritikern: Auch mit 56 Jahren ist er topfit und hat es noch drauf.

„Mission: Impossible“ ist quasi die eigene, private Bond-Serie von Tom Cruise. Erstmals wurde die ehemalige TV-Serie, die bei uns „Kobra, übernehmen Sie“ hieß, vor 22 Jahren mit ihm auf die große Leinwand gehievt. Doch während die Serie von einer Agenten-Gruppe handelte und deren Teamwork pries, wurden im Kinofilm gleich zu Beginn alle Mitstreiter von Ethan Hunt (Cruise) liquidiert, der plötzlich allein operieren musste. Womit er die Grundidee der Serie verriet, sich den Zorn des Serienstars Peter Graves zuzog und den Eindruck einer reinen Ego-Show erweckte.
Doch Cruise hat sich entwickelt. In den Fortsetzungen hat er allmählich eine Crew aufgebaut, wobei nicht immer alle dabei sind (im neuen Teil etwa fehlt schmerzlich Jeremy Renner, ohne dass das je begründet würde), in der Cruise aber nicht mehr als Einzelgänger agiert, sondern den Teamgeist beschwört, ja diesen manchmal sogar über die Mission stellt. Dabei hat sich die Reihe immer mehr von der Serien-Vorlage entfernt und mehr an die Bond-Serie angelehnt, auch was gewisse Actionsequenzen oder die Ausrüstung der Agenten angeht. Und spätestens seit „M:i 3“ hat man mit Simon Pegg auch ein Äquivalent zu Bonds Tüftler Q, was die technischen Finessen – und den ironischen Sidekick angeht.

Während Daniel Craig als Bond aber immer verbissener und ironiefreier agiert und der letzte 007-Film „Spectre“ trotz aller Bond-Ingredienzien nicht recht zündete, beherrscht die jüngste „Mission: Impossible“ genau das Maß zwischen atemberaubender Action und ironischen Gags. Cruise ist der bessere Bond. Und sollte er noch einen Teil drehen, und nichts scheint auf Gegenteiliges hinzuweisen, dann hat er auch schon so viele Agenten-Abenteuer auf dem Buckel wie die 007-Rekordhalter Sean Connery und Roger Moore.
Wer „Fallout“ anschaut, sollte allerdings dringend noch mal in den vorherigen Teil „Rogue Nation“ hineinsehen. Denn der schließt unmittelbar daran an. Wieder geht es um eine mächtig verzweigte Schurkenbastion, das sogenannte Syndikat (auch das ein Äquivalent zu Bonds „Spectre“). Und dessen Oberschurken Solomon Lane (Sean Harris), den Hunt am Ende des letzten Teils dingfest machen konnte, muss er diesmal höchstpersönlich wieder befreien. Weil ihm ein Koffer mit Plutonium abhanden gekommen ist.

In „Fallout“ legt sich Cruise aber vor allem mit Superman persönlich an. Denn schlimmer als der Erzfeind ist ein Agent der CIA, der ihm und seiner „Mission Impossible Force“ zur Überwachung beigestellt wird, weil ihnen nach dem Plutonium-Flop keiner mehr vertraut. Dieser August Walker – dargestellt von Henry Cavill, der als Superman in den DC-Comicfilmen selbst eine Heldencrew namens Justice League anführt – torpediert Hunt und seine Mitstreiter bei all ihren Operationen. Weil sich – ein Detail, das Donald Trump gefallen könnte – die Geheimdienste gegenseitig nicht trauen und ins Handwerk pfuschen. Wobei – auch das dürfte Trump gefallen – auch schon mal Fake News eingesetzt werden.
Im sechsten Teil reist Cruise von Berlin nach London und von Paris bis Kaschmir (auch wenn letztere Szenen in Norwegen gedreht wurden). Die Action ist atemberaubend, Cruise lässt seinen Co-Stars genug Raum, sogar Figuren aus früheren Filmen tauchen wieder auf. Regie führte wie beim fünften Teil wieder der Cruise-Intimus Christopher McQuarrie, der auch bei der zweiten Action-Reihe von Cruise – „Jack Reacher“ – Regie führte und ihm die Drehbücher zu „Operation Walküre“ oder „Edge of Tomorrow“ auf den Leib schrieb. Nichts hat der Produzent Cruise hier dem Zufall überlassen, um seinen Star-Nimbus abermals zu verteidigen.
Teamgeist geht über alles: Simon Pegg, Rebecca Ferguson, Tom Cruise und Ving Rhames (v.l.) Paramount Pictures
Einen kleinen Seitenhieb konnte sich Cruise aber nicht verkneifen: das mit dem Koffer in Berlin. Der Plutoniumkoffer wird Ethan Hunt nämlich in der deutschen Hauptstadt abgejagt. Von Berlin sieht man aber nur einen langen Tunnel und an dessen Ende die Museumsinsel. Jeder Berliner weiß, dass es da keinen solchen Tunnel gibt. Cruise wollte vor zwölf Jahren den dritten Teil von „Mission: Impossible“ bekanntlich in Berlin im Bundestag drehen, hat hier aber keine Drehgenehmigung erhalten.
Er ist dann nach Rom ausgewichen, und Berlin durfte sich hinterher ärgern, was der Film so alles in der Heiligen Stadt angestellt hat. In Berlin spielte damals nur eine Szene in einem Windradfeld an der Peripherie, was sichtlich nicht vor Ort gedreht wurde. Einen Actionfilm in der deutschen Hauptstadt zu drehen, das war für Cruise wirklich eine Mission Impossible. Offenbar muss er der Stadt immer wieder zeigen, was sie sich damit verbaut hat. Und dass er nicht mehr betteln kommt.





