„Ihr kommt genau richtig zur Sexszene!“ Mit diesen Worten begrüßt uns Regisseur Rosa von Praunheim, ein wenig provokativ, wie er nun mal ist, im Studio A des RBB an der Masurenallee. Hier dreht er gerade seinen jüngsten Film „Tödliche Tropfen“ über den wahren Fall eines schwulen Serienmörders, der 2013 mittels K. o.-Tropfen drei Männer umgebracht hat und es noch bei zwei weiteren versucht hat. Ein Drama über sexuelle Abgründe, wie schon Praunheims Film „Dein Herz in meinem Hirn“ über den „Kannibalen von Rohtenburg“ 2005. Und wirklich steht jetzt, wie verheißen, eine Sexszene an. Der Regisseur leitet gerade seinen Schauspieler Božidar Kocevski, der den Mörder spielt, an. Und will den Akt in einer Großaufnahme auf das Gesicht des Opfers aufnehmen. Praunheim ist mit seinem Film in den letzten Zügen, Montag fällt die Klappe.

Aber am heutigen Sonnabend ist natürlich frei. Da ist Christopher Street Day, und wir besuchen den schwulen Filmemacher vornehmlich nicht wegen der Dreharbeiten, sondern weil er ein Aktivist der ersten Stunde der deutschen Schwulenbewegung ist Und immer wieder – sei es durch seinen frühen, schon legendären Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der lebt“ von 1969, sei es durch das Zwangs-Outing von Prominenten wie Hape Kerkeling oder Alfred Biolek – das Debatten in der Öffentlichkeit angeheizt hat. Geht so jemand heute noch auf den CSD? Auch mit seinen inzwischen 75 Jahren?

Die Situation von Homosexuellen ist kritisch

Ja, unbedingt, sagt Praunheim in der Drehpause, während seine Crew sich in der Kantine stärkt. Er laufe nicht mehr die ganze Strecke mit, aber beim Start sei er immer dabei, dann nehme er gern das Fahrrad und fahre ein bisschen voraus, um sich später wieder anzuschließen. „Der CSD ist nach wie vor unheimlich wichtig“, meint er, „Junge Menschen, die gerade ihr Coming-out haben, erleben dort oft zum ersten Mal, dass es viele andere Schwulen und Lesben gibt, die sich trauen, in der Öffentlichkeit präsent zu sein.“ Das habe eine ganz wichtige Funktion für das Selbstbewusstsein, gerade auch in kleineren Städten, wo es auch immer mehr CSDs gebe – auf die Rosa von Praunheim, als Veteran, gern eingeladen werde. „So ein Provinz-CSD ist sehr beeindruckend“, findet er. „Da auf die Straße zu gehen, erfordert auch viel mehr Mut als in einer Metropole wie Berlin.“

Den ersten Christopher Street Day hat Rosa von Praunheim in den USA erlebt. 1971 war das, zwei Jahre, nachdem New Yorker Polizisten mal wieder willkürlich eine Razzia in Schwulenbars der Christopher Street durchgeführt hatten, die Schwulen sich aber erstmals wehrten und eine Straßenschlacht anzettelten. Zum Gedenken an diesen spontanen Aufstand wurde 1970 zum ersten Mal ein Christopher Street Day gefeiert, Praunheim war also gleich beim zweiten Mal dabei. Einen CSD gab es dann bald auch in San Francisco und Los Angeles – und ab 1979 auch in der deutschen Schwulenhauptstadt Berlin. Den ersten CSD am Kurfürstendamm hat Rosa von Praunheim nicht miterlebt, da war er wieder mal in den Staaten. Aber seit 1980 läuft er jedes Jahr mit.

Rosa von Praunheim am Filmset beim RBB
Rosa von Praunheim am Filmset beim RBB© Reto Klar | Reto Klar

"Für viele Migranten sind Homosexuelle das Letzte"

„Homosexualität galt in den 50er-Jahren noch als Todsünde“, erinnert er sich. „Das vergisst man nie, das wird ein Leben lang bleiben.“ Seither hat sich vieles verändert. „Aber die Situation für Schwule, Lesben und Transgender ist momentan in Europa, auch in Deutschland, nach wie vor kritisch“, gibt er zu bedenken. Dafür sorgen der christliche Fundamentalismus in Ländern wie Polen und Russland, die Evangelikalen in Amerika und natürlich der Islam. Durch die Migrantenwelle wird die Situation zusätzlich verschärft. Es fliehen viele Schwule aus Ländern, in denen Homosexualität nach wie vor verfemt oder verfolgt wird. „Aber es gibt auch viele Migranten, die so erzogen worden sind, dass Homosexuelle das Letzte sind und in die Hölle kommen“, warnt von Praunheim. Wer heute auf eine Schule gehe, in der 80 Prozent Ausländer sind, wäre nicht klug beraten, sich öffentlich zu machen. Das gelte für Schüler, aber gerade auch für Lehrer.

„Insofern haben wir immer noch ein aktuelles Problem.“ Und das fängt schon im Kindergarten an: Schon da ist ,Schwule Sau‘ das Schimpfwort, das am häufigsten gebraucht wird.“ Die mühsam erkämpfte Akzeptanz in der Gesellschaft, man darf sie nicht als selbstverständlich voraussetzen. Und deshalb sei er jedes Jahr dabei.

Der Berliner CSD – der heute zum 40. Mal zelebriert wird und unter dem Motto „Mein Körper – meine Identität – mein Leben!“ steht – hat sich längst zu einem Massen-Event entwickelt. Früher hat man die Spießer noch geschockt, heute ist er eher eine bunte Spaßparade, bei der auch die Passanten, ja sogar überraschte Touristen mitfeiern. Manche Mitstreiter der ersten Jahre haben sich deshalb vom CSD abgekehrt, sie sprechen von Kommerzialisierung und beklagen, dass da auch mal Nivea oder Jacobs Kaffee mit eigenen Wagen auffahren. Wie sieht ein Mitstreiter der ersten Stunde das?

Schwulenbewegung hat sich zu stark angepasst

Rosa von Praunheim überkommt noch ganz andere Wehmut, wenn er an die ersten CSDs denkt. Gerade läuft in der Akademie der Künste am Pariser Platz die große Dreier-Ausstellung „Abfallprodukte der Liebe“ über ihn und seine homosexuellen Filmkollegen Elfi Mikesch und Werner Schroeter. In dem für ihn reservierten Raum hat Praunheim ein paar Demoschilder der frühen Jahre aufgestellt. Da wurde noch die Abschaffung des Paragrafen 175 gefordert, der homosexuelle Handlungen in Deutschland formell bis 1994 unter Strafe gestellt hat. „Wir wollten damals noch ganz andere Dinge“, seufzt er. Die Schwulenbewegung hat erreicht, dass Homosexuelle nicht mehr länger ausgegrenzt werden, dass sie heute heiraten können, Kinder adoptieren dürfen, sich bei der Armee oder der Polizei nicht mehr verstecken müssen. Aber dafür hätten sie früher nicht gekämpft. „Wir wollten als Schwule nicht angepasst leben und das nachmachen, was die Heteros leben. Wir hatten erhofft, dass die Freiheiten, die die Homosexuellen sich genommen haben, auch übertragen werden in eine neue, freiere Gesellschaft. Dass das Zusammenleben neu definiert wird.“

Da kann von Praunheim lange ausholen, dass Religionen Sexualität immer verteufelt hätten und zu regulieren versuchten durch monogame Zweierbeziehungen, die ja oft nicht funktionierten und nicht selten geschieden würden. „Die Schwulen sind jetzt froh, dass sie heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Aber das ist nicht das, wofür wir damals auf die Straße gegangen sind.“ Das hat sich alles sehr verbürgerlicht. „Dass sich das so angepasst hat und kommerziell wurde, das haben wir nicht verhindern können“, gibt Rosa von Praunheim zu. Und das stimmt ihn traurig. Dass auch der CDS kommerziell wurde, sei da nur folgerichtig. Aber dennoch sei es nach wie vor ein Muss, mitzugehen. Ein öffentliches Bekenntnis zur Homosexualität ist nach wie vor ganz wichtig: „Für die Rechte von Minderheiten muss man immer wieder kämpfen, deshalb ist der CSD nach wie vor immens wichtig.“