Iván Fischer leitet am Sonntag offiziell sein letztes Konzert als Chefdirigent des Konzerthausorchesters. Seine Abschiedsphase verlief nach sechs Jahren Amtszeit deutlich geräuschloser als etwa die von Simon Rattle bei den Philharmonikern. Was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass Iván Fischer sein Büro behält, zumindest bis sein Nachfolger Christoph Eschenbach im Sommer 2019 nachrückt. Und auch dann bleibt der ungarische Dirigent dem Konzerthausorchester eng verbunden.

Herr Fischer, genau genommen wechseln Sie nur vom Chefdirigenten zum Ehrendirigenten?

Iván Fischer: Das sind zwei urverschiedene Sachen. Ein Chef zu sein bedeutet eine große Verantwortung gegenüber dem Orchester und dem Publikum. Ich würde sogar sagen, der Stadt gegenüber, die ein Orchester unterhält. Ein Chefdirigent hat dieser Gemeinde kulturell zu dienen. Der Titel Ehrendirigent ist einfach eine schöne Geste, zu der sich allein das Orchester entscheidet. Bisher war nur Kurt Sanderling Ehrendirigent. Es ist schon eine große Auszeichnung für mich. Es bedeutet eine ewige Freundschaft. Der Titel verpflichtet mich, das Orchester nicht zu verlassen, zu vergessen oder gar im Stich zu lassen.

Wenn Sie auf die sechs Jahre als Chefdirigent zurückblicken, was waren für Sie die Höhepunkte?

Das Allerwichtigste ist für mich etwas, was durch die Konzerte entstanden ist, nämlich die freudvolle Atmosphäre, die im Orchester und im Publikum gewachsen ist. Es gibt eine andere Stimmung als die, die ich fast überall auf der Welt in den Konzerten erfahre. Dort arbeitet ein Orchester, und das Publikum kommt mit einem Gefühl der Routine. Im Konzerthaus habe ich das Gefühl, dass eine festliche Freude vorhanden ist.

Am Konzerthaus haben Sie verschiedene Formate ausprobiert, ließen im großen Konzertsaal Mozart-Opern spielen oder setzten das Publikum mitten ins Orchester. Was geht davon in Berlin, was weniger?

Für mich waren die Formate nie so wichtig. Sie waren die Mittel, aber nicht der Zweck. Die verschiedenen Konzertformate dienen dazu, um eine freudige Musikatmosphäre zu schaffen. Manchmal amüsiert es mich ein bisschen, dass es den Leute aufgefallen ist, dass ein Orchester anders sitzt oder wir uns mit dem Publikum mischen.

Sie haben damit eine Tradition gebrochen, wonach Orchester und Dirigent getrennt vom Publikum agieren. Im Klassikbetrieb bleibt immer eine gewisse Distanz gewahrt.

Es gibt diese festgefrorenen Gewohnheiten bei Orchesterkonzerten. Das hat aber nichts mit Berlin zu tun, sondern ist überall so. Wenn ich die Gewohnheiten aufgebrochen habe, dann einzig mit dem Zweck, ein Lächeln auf die Gesichter zu bringen.

Andere Dirigenten haben sich auf eine solche Nähe nie eingelassen.

Es gibt viele Dirigenten, die in eine Stadt kommen, schlagen und wieder gehen. 95 Prozent der Dirigenten denken nicht darüber nach, ob sie eine Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinde, der Kultur haben. Aber es gibt auch die anderen. Denken wir an Leonard Bernstein, was der an Vermittlungs- und Erziehungsarbeit geleistet hat. Und dabei immer wieder die Leute überrascht hat. Er war ein kreativer Chef.

Jetzt haben Sie Bernstein genannt, fühlen Sie sich ihm nahe, weil er wie Sie auch Komponist war?

Das ist vielleicht zufällig so. Bernstein war ein vielseitiger Musiker, er hat dirigiert, komponiert, Klavier gespielt. Und er hat klassische und leichte Musik komponiert. Aber andere waren auch vielseitig. Rostropowitsch war jemand, der verschiedene Dinge gemacht hat. Ich kann vier, fünf Musiker nennen, die echt führend in einer Stadt waren.

"Berlin ist ein Magnet"

Woran arbeitet der Komponist Iván Fischer gerade?

Es gibt immer etwas zu tun. Es kommen immer neue Aufträge. Im Januar werden wir meine Kinderoper „Der Grüffelo“ nach dem Buch von Axel Scheffler und Julia Donaldson hier aufführen. Das war für mich eine sehr interessante Arbeit, weil ich etwas für kleine Kinder schreiben wollte. Es sollte nicht etwas sein, was ich als Erwachsener in dem Wissen schreibe, dass die Kinder die moderne Musik sowieso nicht verstehen können. Ich möchte, dass die Kinder sich in diese Oper verlieben. Und dass sie sich dann in die Gattung Oper verlieben.

Ähnlich wie Simon Rattle, der sich als Chefdirigent der Philharmoniker verabschiedet hat, bleiben auch Sie in Berlin wohnen.

Berlin ist ein Magnet. Es zieht Leute an, weil es eine sehr tolerante, sehr internationale Stadt ist. Das ist wunderbar. Berlin ist ein bisschen vergleichbar mit New York. Aber Europa wird immer mehr zum Zentrum der Toleranz. Außerdem gibt es in Berlin viel Kunst. Die Stadt besteht aus einer Reihe von verschiedenen Gemeinden, Kreuzberg ist anders als Zehlendorf. Die Dörfer in Berlin bringen auch eine Vielfalt mit sich.

Wie oft werden Sie in Ihrer Geburtsstadt Budapest sein?

Sehr oft. Mein Budapest Festival Orchester, das ich 1983 gegründet habe, ist dort. Es ist mein Kind. Es ist wichtig für die Menschen in Ungarn. Die Konzerte sind immer voll.

Für die kommende Spielzeit sind vier Programme mit Ihnen angekündigt. Ist das der Plan für die Zukunft?

Vor allem werde ich meine eigene Abo-Reihe haben. Die Leute können vier Konzerte mit mir als ein Abo erleben. Ich erhoffe mir davon, dass vor allem Leute kommen, die wirklich an diesen Programmen interessiert sind.

Ihr Nachfolger Christoph Eschenbach hat gerade seinen Vertrag unterschrieben, er tritt 2019 an. Wie ist Ihr Agreement miteinander?

Wir haben bereits Erfahrungen in Washing­ton gemacht, wo er mein Nachfolger wurde. Es ging sehr gut. Ich habe ein paar Mal mit ihm gesprochen, und vom Musikgeschmack her verstehen wir uns perfekt. Ich sehe nicht, dass sich das Konzerthausorchester stark verändern wird.

Sie dirigieren in Ihrem Abschlusskonzert als letztes Stück Beethovens 6. Sinfonie, die Pastorale. Ist es ein Statement?

Ja, es ist wirklich ein Statement. Einerseits wollte ich in meinen beiden letzten Jahren alle neun Beethoven-Sinfonien aufführen. Mit der Sechsten wird der Zyklus vollendet. Außerdem wollte ich als Schlussgeste ein Konzert für die Natur anbieten. Ich habe die Natur in vielerlei Hinsicht gern. Auch das natürliche Musizieren mit Naturhörnern und Naturtrompeten ist mir wichtig. Insofern ist mein Finale ein grünes Konzert.

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