Vertragsende

Iván Fischer hört 2018 beim Konzerthausorchester auf

Chefdirigent Iván Fischer beendet seinen Vertrag beim Konzerthausorchester Berlin. Fischer: „Ich brauche mehr Zeit zum Komponieren.“

Iván Fischer wurde vom Konzerthausorchester zum Ehrendirigenten ernannt

Iván Fischer wurde vom Konzerthausorchester zum Ehrendirigenten ernannt

Foto: Sonja Werner / Sonja Werner/Konzerthaus

Iván Fischer hat am Dienstag angekündigt, seinen Vertrag als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Konzerthausorchesters Berlin über die Saison 2017/18 hinaus nicht mehr zu verlängern. Die Begründung ist ungewöhnlich: Der ungarische Dirigent will künftig zuerst Komponist sein. Sein Berliner Orchester ernannte ihn zum Ehrendirigenten. Ab 2018 will Fischer vier Programme pro Saison leiten.

Berliner Morgenpost: Herr Fischer, wie haben denn Ihre Musiker reagiert, als Sie Ihnen mitteilten, dass Sie als Chefdirigent nicht mehr zur Verfügung stehen?

Iván Fischer: Es gab eine Reihe von Treffen mit dem Orchester. Zuerst hat mich das Orchester überrascht, als die Musiker mir sagten, sie seien sehr glücklich mit unserer Zusammenarbeit und bieten mir die Chefdirigentenposition auf Lebenszeit an. Dafür war ich sehr dankbar, aber es hat mich in eine peinliche Situation gebracht. Ich musste den Musikern sagen, dass ich die Zeit zum Dirigieren nicht mehr habe, weil ich mehr komponieren will. Aber ich bot an, regelmäßig im Jahr mit ihnen zu arbeiten. Daraufhin hat das Orchester entschieden, mir den Ehrendirigenten-Titel anzubieten.

Warum genau wollen Sie als Chefdirigent aufhören?

Die Entscheidung ist doch eigentlich, dass ich trotzdem so viel wie möglich beim Konzerthausorchester bleibe. Wir sind jetzt in der zweiten Dreijahres-Periode, einmal haben wir den Vertrag bereits verlängert. Nach sechs Jahren bin ich so weit, dass ich meine Dirigiertätigkeit reduzieren muss, weil ich mehr Zeit zum Komponieren brauche. Und das zeichnete sich schon länger ab. Es ist eine allgemeine Reduzierung meiner Dirigierzeit. Ich möchte das Konzerthausorchester, das mir sehr lieb ist, aber so weit wie möglich in meiner engen musikalischen Familie behalten. Ich habe vor, es in jedem Jahr drei bis vier Wochen zu dirigieren. Ich war schon sehr gerührt, als mich das Orchester spontan zum Ehrendirigenten benannt hat.

Sie wollen künftig zuerst Komponist sein?

Ich werde weiterhin Dirigent sein, aber ich möchte mehr Zeit haben, um mehr komponieren zu können.

Wann haben Sie den Entschluss gefasst? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Die Entscheidung ist eine Tendenz, die sich bereits in den letzten zehn Jahren abzeichnete. Da habe ich fast alle Gastdirigate eingestellt. Mit zwei Ausnahmen. Ich habe bei den Berliner Philharmonikern und dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam dirigiert, weil ich mit beiden Orchestern eine enge Freundschaft habe. Alles andere habe ich aufgegeben, alle amerikanischen und britischen Orchester. Ich habe zu Anfragen immer nein gesagt.

Hat es Sie nicht gereizt, auch andere Orchester kennen zu lernen?

Es wird künftig vereinzelte Ausnahmen geben. Das sind Orchester, die seit zehn Jahren auf der Warteliste stehen. In dieser Saison gehe ich einmal zum New York Philharmonic. In der nächsten Saison einmal zum Israel Philharmonic. Für mich war die Doppelbelastung mit zwei Chefpositionen in Berlin und Budapest schon sehr groß.

Behalten Sie Ihren Hauptwohnsitz in Berlin oder gehen Sie nach Budapest zurück?

Ich behalte Wohnsitze in beiden Städten und werde pendeln. Ich sehe in der Entscheidung kein Weggehen, sondern eine Reduzierung der Dirigate in Berlin. Dass ich weiter meine Projekte mit dem Konzerthausorchester mache, das hat eine große Bedeutung für mich. Aber vier Wochen Arbeit mit einem Orchester rechtfertigen keine Chefdirigentenposition.

Das Orchester muss sich jetzt einen neuen Chefdirigenten suchen.

Ja, aber es ist besser, wenn ich nicht an der Suche beteiligt bin. Ich wollte auf jeden Fall sechs Jahre als Chefdirigent tätig sein. Ich wollte das Konzerthausorchester so weit hochziehen, dass es eines der besten Orchester in Berlin ist. Ich glaube, das haben wir erreicht.

Sechs Jahre sind eine vergleichsweise kurze Zeit, um wirklich Dinge zu verändern?

Es sind zwei ganz große Entwicklungen gelungen. Die erste betrifft das Musizieren, das zu besseren Resultaten führt als das, was ich als Gastdirigent bei anderen Orchestern erreichen kann. Das spricht für die hohe Qualität des Konzerthausorchesters. Die zweite ist die qualitative und quantitative Entwicklung im Publikum. Es kommen mehr Menschen zu uns. Der emotionale Kontakt zwischen Bühne und Parkett ist greifbar geworden. Ich sehe viel mehr glückliche Gesichter im Publikum und bekomme viel mehr Briefe.

Trotzdem wollen Sie künftig mehr Komponist sein. Das kann ein sehr einsamer Beruf sein?

Fischer: Ich muss unbedingt komponieren. Dafür brauche ich viel mehr Zeit. Das kann nicht immer nur zwischendurch im Sommer stattfinden. Das Komponieren hat für mich die Priorität Nummer Eins. Die restliche Zeit muss ich aufteilen. Berlin steht dabei weit oben auf der Liste.

Was komponieren Sie gerade?

Jetzt bin ich fertig mit einer Suite. Das ist ein fünfsätziges Stück im Sinn von Johann Sebastian Bach, aber mit moderner Musiksprache. So wie Bach Tänze komponiert hat, die eine oder zwei Generationen vor ihm in Mode waren, wie Gavotte oder Bouree, so habe ich eine Suite komponiert, in der Tänze wie Bossa Nova, Ragtime oder Tango vorkommen. Die Form ist von Bach, der Musikstil von späteren Generationen. Dann habe ich den Auftrag für eine Kinderoper und anschließend für eine größere Oper.

Wer sind die Auftraggeber?

Fischer. Es ist vielleicht noch etwas früh, die Institutionen zu nennen. Aber es sind alles Auftragswerke.

In Ungarn haben Sie eine Konzertreihe initiiert, in der Sie alte Synagogen, die in Vergessenheit geraten sind, bespielen und damit wieder beleben. Wollen Sie solche Projekte ausweiten?

Das Budapest Festival Orchester ist so etwas wie mein Baby. Das Orchester habe ich selbst gegründet und es ist mehr als ein Orchester, es ein Laboratorium für verschiedenste Experimente. Die Synagogenkonzerte sind Teil einer Reihe von vielen neuen Ideen. Die Budapester sind ein Orchester der Zukunft, ein Reformmodell, was in allen Aspekten ganz anders funktioniert als die konventionellen Orchester in der Welt. Das werde ich auf jeden Fall weiterführen, weil es mein Instrument für Experimente ist.

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