Was hätte aus Ivan Fischer nicht alles werden können: Diplomat, Psychiater, Entertainer. Aber er musste unbedingt Chefdirigent des Konzerthausorchesters werden. Jetzt sitzt das Publikum um ihn herum im Großen Saal und hört andächtig zu. „Mittendrin“ heißt die moderierte Konzertreihe, die wie kaum ein anderes Modell musikalische Vermittlung auf die Spitze treibt. Fischer sagt, er wolle dem Publikum ermöglichen, das Orchester auch mal backstage zu erleben. Das klingt viel zu bescheiden, denn die Idee ist höchst originell.
Dabei ist die Versuchsanordnung ganz einfach. Der Große Saal des Konzerthauses ist leer geräumt, die Bühne verschwunden. Der Dirigent steht in der Mitte, drumherum sind die Musiker verteilt. Zwischen dem abgelegensten Kontrabassisten und dem hintersten Bratschisten liegen gut 30 Meter. Dazwischen sitzt das Publikum, wer will, kann seinem Lieblingsmusiker in die Noten schauen und beiläufig fast alles fragen. „Es ist kein gemütliches Musizieren“, sagt Kontrabassist Sandor Tar. Das Aufeinanderhören sei natürlich viel schwieriger, fügt sein Kollege Igor Prokopetz hinzu.
Die Nähe zum Publikum scheinen aber alle reizvoll zu finden. Musiker und Publikum sind auf Kuschelkurs. Ein Besucher habe gesagt, erzählt Bratschistin Esther Alba Lopez, dass er gar nicht wusste, wie schön die Bratschenstimme klingt. So ein Charmeur. Traditionell sind Bratscher nicht mit Komplimenten verwöhnt, die greifen in Orchestern immer die Geigen ab. Es gibt genügend Witze darüber.
Der Dirigent muss sich am Pult um 360 Grad drehen
Rund 400 Konzertliebhaber sind im Saal zugelassen. Die richtige Platzwahl ist wichtig, weshalb man sich das Programm vorher genau anschauen sollte. Das tun offenbar viele, denn vor Beginn herrscht eine Stimmung wie bei einer Liegestuhl-Eroberung am Mittelmeer. Hinzu sollte eine kulturelle Überlegung kommen, denn unsere Schrift wie auch die Notenschrift werden von links nach rechts gelesen. Instinktiv dreht sich ein mitteleuropäischer Dirigent, wozu Ivan Fischer als Ungare gehört, am liebsten rechts herum. In diesem 360-Grad-Orchester sitzen rechterhand auch die Bläsersolisten, ihnen gehören besonders viele Einsätze. Fischer dreht sich also regelmäßig in diese Richtung. Mehr Chefdirigent geht an diesem Abend nicht.
An die Seite von Solo-Klarinettist Ralf Forster drängel ich mich. Der 45-jährige Münchner gehört seit 1996 dem Orchester an. Damals war Michael Schönwandt Chefdirigent, an den Dänen erinnert sich kaum noch einer. Forster sagt, der Nachfolger Eliahu Inbal habe ihn geprägt. Musiker haben in ihrem Orchesterleben schon einen gewissen Chefdirigenten-Verschleiß. Ivan Fischer ist seit 2012 Chef am Gendarmenmarkt und hat seinen Vertrag im Sommer erst bis mindestens 2018 verlängert. Die Musiker stehen hinter ihm.
Solo-Klarinettist Forster beantwortet lächelnd alle Fragen. Unangemessen finde er nur, sagt er, wenn er nach seinem Einkommen gefragt werde. Plötzlich steht ein Junge vor uns. Steht, starrt und schweigt. Forster findet heraus, dass der Zehnjährige selber Klarinette spielt und auf ein Musikgymnasium geht. Der Junge würde sich amliebsten zu seinem Idol setzen, aber er muss zurück zu seinen Eltern beim Fagott. Kurz vor Konzertbeginn erscheinen Intendant Sebastian Nordmann und Geschäftsführer Raphael Graf von Hoensbroech, um eine kleine Gruppe um Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen dicht ans Dirigentenpult zu platzieren. Die Deutsche Bank unterstützt bekanntlich Projekte der Berliner Philharmoniker. Fitschen sei, so heißt es, als Förderer der Bachwoche Ansbach dabei. Eine Dienstreise ins Konzerthaus machten auch Vertreter von Musikcorps der Bundeswehr. Und spätestens, seit die „New York Times“ über das Berliner Projekt berichtete, gibt es internationale Aufmerksamkeit.
Der Schlusssatz kommt aus der Sektflasche geschossen
Mittendrin steht Ivan Fischer und philosophiert und scherzt über Musikgattungen, Komponisten und Leidenschaften. Nach dem ersten Satz von Prokofjews Symphonie classique befragt er sein Publikum, ob es erkannt hätte, woher man die Titelmelodie kenne? Klassischerweise ist Beethoven, Mozart, Haydn zu vermuten. Fischer erinnert an das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“. Und hat die Lacher auf seiner Seite. Der 4. Satz erinnert Fischer daran, wie man eine Sektflasche aufmacht. „Plopp“, macht der Dirigent, „dann kommt der Schlusssatz raus“. Gerade in schnellen Sätzen wird deutlich, dass es doch nicht so einfach ist, ein im Saal verteiltes Orchester zusammen zu halten. Bei Tschaikowskys Ouvertüre „Romeo und Julia“ geht es fühliger zu. Aber im Gegensatz zu Prokofjew hat die Solo-Klarinette bei Tschaikowski eher Füllmaterial zu spielen. Neidvoll schaue ich zu den Geigen und Celli hinüber.
Während des Konzerts können die Besucher dem Dirigenten eine SMS aufs Handy schicken. Die Fragen beantwortet er gleich nach der Musik. Einmal wurde er nach der Telefonnummer des schönen Flötisten gefragt? Diesmal will jemand wissen, ob Fischer beim Dirigieren nicht schwindlig wird? Nach den Motiven für Romeo und Julia wird gefragt und was russische Musik so wertvoll macht? Diese Frage gefällt Fischer. Er glaubt, die Russen würden im Gegensatz zu uns Mitteleuropäern tendenziell „mehr Leidenschaft zulassen“.


