Tanzstück „Exodus“

Sasha Waltz: „Utopien halten uns aufrecht“

Sasha Waltz probt gerade im Radialsystem ihr neues Tanzstück „Exodus“. Ein Gespräch.

Sasha Waltz, Tanzchoreographin im Radialsystem

Sasha Waltz, Tanzchoreographin im Radialsystem

Foto: Massimo Rodari

Berlin. Mitten in den Proben steckt die Berliner Choreografin Sasha Waltz. Das merkt man ihr schnell an, denn sie hat den Kopf voll mit künstlerischen Fragen, Zweifeln und tanztechnischen Details. Eigentlich möchte sie beim Gespräch im Radialsystem über die bevorstehende Jubiläumssaison zum 25-jährigen Bestehen von „Sasha Waltz & Guests“ reden. Aber zutiefst innerst will sie nur über ihre neue Kreation „Exodus“ sprechen. Das Stück wird am 23. August seine Uraufführung im Radialsystem erleben. Es ist der Auftakt zur Jubiläumssaison ihrer Compagnie. 26 Tänzer und Tänzerinnen sind an der Uraufführung beteiligt. Es ist also eine wichtige Produktion.

Mit „Exodus“ will die Choreografin an das Archaische von „Kreatur“ (2017) anknüpfen. Sie beschreibt ihre zwei Quellen im Begriff Exodus, wie er im heutigen Griechenland benutzt wird. „Man sieht es überall an der Metro für Ausgang“, sagt Sasha Waltz, andererseits beschreibt es umgangssprachlich die Kluft, die man anhat, wenn man abends ausgeht. „Das Nachtleben ist ein Thema, es ist die Sehnsucht nach einem anderen Ort und Leben.“ Sie hat eine tanzende Gruppe in der Nacht vor Augen. Es geht um die „Flucht nach außen“.

Es sollen keine Fluchtbilder wie im Fernsehen sein

Und dann sprudeln die Assoziationsketten nur so aus der Choreografin heraus. Sie verweist auf die Bibel, wo in „Exodus“ Moses das Rote Meer teilt, damit die Israeliten vor den Ägyptern fliehen können. „Die Welle wird zur Masse“, sagt sie. „Die Idee der Welle ist zentral für das Stück.“ Sie nennt es auch eine Flüchtlingswoge. Aber politisch will „Exodus“ eigentlich nicht sein. „Es werden keine Fluchtbilder sein, wie man sie im Fernsehen sieht, sondern Körperbilder.“

Aber was treibt eine Choreografin bei den Proben konkret um? Sie beschreibt ihre Sicht auf Studien zur Massenpanik. „Wenn man eine Massenpanik vermeiden will“, erklärt sie, „muss man eine Säule vor den Bereich stellen, wo alle hindurch wollen. Dadurch wird die Bewegung verlangsamt.“ Es sei eine archaische Erfahrung, sagt Sasha Waltz, immer weiterzugehen. Wo die Tänzer am Ende ankommen werden, darüber denkt sie gerade mit ihrem Dramaturgen Jochen Sandig nach. Eine Ankunft in der Utopie haben sie bereits wieder verworfen. Der Schluss muss also in den Proben noch gefunden werden. Aber: „Utopien halten uns aufrecht“, betont sie. Und wenn eine Choreografin so etwas sagt, hat man es bildlich vor Augen.

„Es wird kein gemütlicher Abend“, sagt Jochen Sandig plötzlich und schreckt damit seine Ehefrau auf. Sie wirkt etwas irritiert. Er fügt also erklärend hinzu, dass es zwar kein Abend in Castorf’scher Länge, aber eben doch ein sehr langes Stück werden wird. Und außerdem wird es nicht wie in der Oper Sitzplätze geben. Der Zuschauer ist mit auf der Flucht. „Wir sind noch im Prozess“, sagt Sasha Waltz und will lieber eine Mischform entwickeln, weil es auch Momente gibt, in denen der Zuschauer das Geschehen verfolgen soll.

Nach der Uraufführung von „Exodus“ wird es in der Jubiläumssaison 2018/19 die unterschiedlichsten Produktionen an verschiedenen Berliner Orten zu sehen geben. Bereits im September folgt an der Deutschen Oper Sasha Waltz’ Inszenierung von Berlioz’ „Romeo et Juliette“. Im November folgt Monteverdis „Orfeo“ an der Staatsoper. Ihre alte Schaubühnen-Choreografie „Körper“ wird im Dezember im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Im Radialsystem läuft im Dezember „Kreatur“, im Haus der Festspiele im März „Continu“. Zum Abschluss zeigt im Juni die Staatsoper Strawinskys „Sacre“.

25 Jahre Sasha Waltz & Guests: Ein bisschen Wehmut verströmen Sasha Waltz und Jochen Sandig schon, wenn sie über Krisen und Erfolge, die Veranstaltungsorte, die sich durchwandert haben, die vielen Tourneen oder über den Generationswechsel unter den Tänzern sprechen. Viele sind über 40 Jahre alt, eine aktive Tänzerin bereits über 60. Insgesamt gehören 40 bis 50 Tänzer zum Team, acht haben derzeit eine feste Stelle. „Wir sind stolz darauf, eine Teil der bewegten Berliner Geschichte zu sein“, sagt Sandig.

Sasha Waltz wird nach der Jubiläumssaison offiziell Intendantin des Staatsballetts. Dann will die Choreografin jährlich abwechselnd ein Stück für das Staatsballett und für Sasha Waltz & Guests kreieren. Auswärts will sie nicht mehr arbeiten, sagt sie über ihren neuen Lebensabschnitt: „Mein Schwerpunkt wird in Berlin liegen.“

Radialsystem, Holzmarktstr. 33, Friedrichshain. Tel. 288 788 588, Termine: 23. bis 26.8.

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