Film

Das Evangelium nach Franziskus

Wim Wenders hat den ersten Film mit einem Pontifex gemacht: „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“.

Foto: POPE FRANCIS - A MAN OF HIS WORD (c) 2018 CTV, Célestes, Solares, Neue Road Movies, Decia, PTS ART’s Factory

Das gab es noch nie in den 2000 Jahren des Papsttums: dass sich ein Pontifex auf den Heiligen Franziskus von Assisi beruft. Auf einen Prediger, der Armut vorgelebt und sich um die Notleidenden der Welt gekümmert hat. Ein Signal also, als Jorge Mario Bergoglio 2013 bei seiner Wahl zum Papst dessen Namen annahm – und in dessen Wortsinn predigt. Das ist der empathische Moment, der Wim Wenders besonders gereizt hat, als er – auch das gab es noch nie – den ersten Film der Kinogeschichte über einen Papst gedreht hat.

Ein Angebot, das übrigens nicht vom Regisseur kam, sondern umgekehrt vom Vatikan an den Filmemacher herangetragen wurde. Wenders hat auch als Dokumentarfilmer einen Namen. Manche halten die dokumentarischen Arbeiten gar für seine besseren. Wen immer er aber dokumentierte, ob die Musiker des Buena Vista Social Club, die Tanz-Ikone Pina Bausch oder Sebastiao Salgado, den Fotografen des Menschenleids – nie ging es nur um diese Menschen und ihre Kunst, denen Wenders huldigte, immer ging es auch um ein Weltbild, das auch das seine war. Das trifft nun auch auf seinen jüngsten Protagonisten zu, bei dem sich Wenders mehr denn je zurückgenommen und ganz in dessen Dienst gestellt hat.

Gebrauchtwagen zwischen Staatskarrossen

Am ehesten wird man „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ gerecht, wenn man überschlägt, was der Film alles nicht ist. Es ist keine Biografie des ersten Papstes der südlichen Hemisphäre, der einen Lebensschritt nach dem anderen nachzeichnet – darüber gibt es schon genug Bücher und TV-Features. Es ist auch keine Aufrechnung, wie viele seiner Versprechen Franziskus schon eingelöst hat. Oder gar eine investigative Studie, ob ein einzelner Mann allein gegen das System der katholischen Kirche bestehen kann.

Wie fast alle Wenders-Werke ist auch dieses im weitesten Sinne ein Road Movie. Ein Film, der den Papst auf seinen vielen Reisen begleitet. Der neben ihm im Flieger sitzt und hinter ihm im Papamobil. Es ist eine sichere Pointe im Kinosaal, wenn das Kirchenoberhaupt einmal mit seinem winzigen Gebrauchtwagen zwischen dicken Staatskarrossen parkt. Das brennt die ganze Bescheidenheit diese Mannes in ein einziges, griffiges Bild. Seine Reisen führen den Papst aber nicht nur zu Regenten oder Vereinten Nationen, sondern vor allem in die Armut, in die Slums, Gettos, Gefängnisse und Flüchtlingslager. Dahin, wo es wehtut, dahin, wo sich sonst kein Staatsoberhaupt hin traut.

Die letzte Leitfigur

Dann aber sitzt der Kinozuschauer, der auf gewöhnlichem Weg nur schwerlich eine Audienz erhalten würde, dem Papst immer wieder persönlich gegenüber, in dessen privatestem Bereich, im Arbeitszimmer oder im Garten des Vatikans. Wenders lässt ihn direkt in die Kamera schauen, also uns anblicken. Und so spricht Franziskus über seine Auffassungen, seine Werte, seine Weltanschauung. Nicht als didaktische, gar ermüdende Predigt. Sondern im ganz persönlichen Gespräch. Auge in Auge.

Und das wirkt lange nach. Der Papst erscheint weniger als ein Kirchenoberhaupt. Mehr wie eine letzte moralische Leit­figur in einer Zeit, in der uns solche Leitfiguren mehr und mehr verloren gehen. Unter all diesen Machthabern und Alphatierchen wirkt Papst Franziskus wie der Letzte, der überhaupt noch so etwas wie das Gemeinwohl der Menschheit im Auge hat. Mithin: ein Unikum.

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