Der Film beginnt erst mal ganz woanders, im sonnigen Kalifornien. Der schwule Berliner Felix (Sigurd Rachmann) ist hier zu Besuch, sein amerikanischer Freund Bruce fährt mit ihm im Chevrolet die Highways rauf und runter. Los Angeles, der Hort der Freiheit. Dann ein radikaler Schnitt. Jetzt ist Bruce zu Gast bei Felix, der zeigt ihm Berlin aus seinem klapprigen Auto.

Auch das eine freie Stadt, aber zu einem hohen Preis, mit der Mauer drumrum. Dann will der Amerikaner auch die andere Seite der Stadt sehen. Der Gastgeber druckst herum. Das sei schon interessant. Aber „der ganze Ärger mit den Preußen“ sei einfach zu viel. Man sieht, L.A. ist dem West-Berliner viel näher als der andere Stadtteil hinter der Mauer.

Die Bilder wurden heimlich aus dem Mantel heraus gefilmt

Dann gehen sie doch nach „drüben“, in die andere, fremde Stadt. Promenieren Unter den Linden entlang. Kaufen im Centrum Schund für ihr Tagesgeld. Und am Alex begegnen sie dann Thomas (Rainer Strecker), einem Potsdamer mit Wuschelhaar und sinnlichen Lippen. Man lernt sich kennen, geht was trinken, tauscht Adressen aus. Wie das eben so geht. Nur müssen die „Westler“ – die Zeit, da man Wessis und Ossis sagte, kam erst später – bald zurück.

Ab hier war der Dreh nicht mehr erlaubt. Dennoch wurde weiter gedreht
Ab hier war der Dreh nicht mehr erlaubt. Dennoch wurde weiter gedreht © BM | Salzgeber

So entspinnt sich eine kleine, unmögliche Liebesgeschichte. Immer häufiger fährt der Westler in den Osten. Doch wie schön die Schäferstündchen auch sind, kurz vor Mitternacht muss er zurück. Der Ostler bleibt allein zurück. Eine Situation, unter der bald beide leiden. Auch der Staat kriegt den kleinen Grenzverkehr mit. Und zieht die Daumenschrauben an. Der Westler muss sich demütigenden Leibesvisitationen unterziehen, der Ostler wird ins VEB Fleischkombinat gezwungen. Eine Liebe, die nicht sein soll.

„Westler“ war 1984/85 eine kleine Produktion fürs „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF mit lächerlichen 180.000 DM Budget, wofür man heute keinen Kurzfilm finanzieren könnte. Ins Kino kam der Film erst in den 90ern. Als schon klar war, welch Zeitdokument das war. Denn Wieland Speck hat seinen Film zum Teil im Osten gedreht, ohne Drehgenehmigung. Hat dabei viel riskiert. Und Aufnahmen gemacht, die zwar grob und überbelichtet waren – der Preis des Guerilla-Drehens –, aber ein Stück Wirklichkeit abbildeten, die es längst nicht mehr gibt.

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird dieses Juwel nun noch einmal gezeigt. In einer gerade frisch restaurierten Fassung.

Eine Liebe, die nicht sein darf: Felix (Sigurd Rachmann, l.) und Thomas (Rainer Strecker)
Eine Liebe, die nicht sein darf: Felix (Sigurd Rachmann, l.) und Thomas (Rainer Strecker) © BM | Salzgeber

Dabei war „Westler“ gar nicht als Film gedacht. Sondern als Fluchthilfe. Alles darin war autobiografisch. Wieland Speck, der spätere langjährige Chef der Berlinale-Sektion Panorama, hatte damals wirklich einen Boyfriend im Osten. Ist wie der Protagonist im Film immer wieder „rüber“, musste die Kontrollen über sich ergehen lassen. Und kam dann als Erster auf die Idee eines Ausreiseantrags wegen schwuler Familienzusammenführung. Tage hat er dafür auf dem Amt in der Bundesallee verbracht und dabei von vielen anderen Ost-West-Beziehungen gehört.

So kam ihm die Idee. Andere haben Tunnel gegraben oder einen Ballon gebastelt, um in den Westen zu fliehen. Specks Welt war der Film. Also wollte er ein Drama drehen, mit seinem Freund in der Hauptrolle und heimlichen Aufnahmen in Ost-Berlin. Die den Freund in der DDR so unmöglich machen sollten, dass man ihn rauswerfen würde. Wie es kurz zuvor Nina Hagen ergangen ist. Das ZDF wurde als Produktionspartner gewonnen. Hätte der Sender geahnt, wie illegal da gedreht werden sollte, er hätte sicher kalte Füße bekommen.

Sprang kurzfristig als „Oslter“ ein: Rainer Strecker  in seinem ersten Film
Sprang kurzfristig als „Oslter“ ein: Rainer Strecker in seinem ersten Film © BM | Salzgeber

Kurz vor Drehstart stand plötzlich der Freund im Westen. Ganz legal. Offenbar hatten die SED-Oberen erkannt, dass sie einen Großteil der unzufriedenen jungen Leute in Ost-Berlin nie für den Sozialismus begeistern würden und in zwei Ausreise-, man muss eigentlich sagen: Rausschmeißwellen den halben Prenzlauer Berg gen Westen ziehen lassen. Der Film hatte also ein Happy End, bevor er überhaupt gedreht wurde.

Speck machte ihn natürlich trotzdem. Und fand in Rainer Strecker kurzfristig einen angehenden Schauspieler, der das Risiko, im Osten zu filmen, einging. Diese Passagen unterscheiden sich deutlich vom Rest des Films, weil sie mit Super-8-Kamera gedreht wurden. Heimliche Bilder, aus dem Mantel heraus gefilmt, vom Flughafen Schönefeld, vom Alex, vom Centrum-Kaufhaus, von Soldaten vor der Neuen Wache und Vopos an der Friedrichstraße. Einmal ist das Team dabei erwischt worden. Musste einen halben Tag in Stasi-Räumen schwitzen. Sie redeten sich als unwissende Touristen aus Westdeutschland heraus. Und durften am Ende sogar die Kamera wieder mitnehmen.

Regisseur Wieland Speck
Regisseur Wieland Speck© IFB | IFB

Es war das Erste, was vom Film gedreht wurde. Denn damit stand und fiel das ganze Projekt. Dann hat Speck den Rest inszeniert. Das Leben hüben in einer großzügigen Loft-WG und drüben in einer engen Einraumwohnung. Die peinvollen Passkontrollen mit dem ewigen Stempeln, fast als Beat des Films. Grandios fängt Speck die Grenzer, die ihr bisschen Macht genießen, hinter einer Scheibe ein, in der sich der ängstliche Wartende spiegelt. Sehr fein auch die Idee, die verschiedenen Welten anhand eines Frühstücks in Ost und West über die jeweiligen Produktmarken der beiden Deutschländer zu illustrieren – und das lange vor „Good Bye, Lenin!“.

Am Ende steht ein Fluchtplan über Prag. Und hier endet der Film auch bewusst offen. Kein Happy End, ein dickes Fragezeichen sollte bleiben. Das macht den Film bis heute so beklemmend. Immer nach einer Vorführung so Speck, wollen die Leute reden. Und ihre eigenen, ähnlichen Geschichten erzählen.

Zoo Palast am Dienstag, 5.6., um 20 Uhr, in Anwesenheit von Regisseur Wieland Speck und Hauptdarsteller Rainer Strecker