Film

Ein rohes Stück Kino: „Back For Good“

Ein deutscher Film, der wie aus dem Nichts kommt: „Back For Good“ von Mia Spengler erzählt von den Abgründen eines Teppichluders.

"Back For Good“ von Mia Spengler erzählt von den Abgründen eines Teppichluders

"Back For Good“ von Mia Spengler erzählt von den Abgründen eines Teppichluders

Foto: NFP

Beim Deutschen Filmpreis war sie die große Unbekannte. Die Lola für die Beste Schauspielerin war ein Duell zwischen Marie Bäumer und Diane Kruger, das bekanntlich Erstere für sich entschieden hat. Kim Riedle hatte die undankbare Rolle, als Dritte nominiert zu sein. Für einen Film obendrein, den noch keiner kannte. Das könnte sich diese Woche, da „Back For Good“ ins Kino kommt, schlagartig ändern. Und man wird sich verwundert die Augen reiben: Das soll die attraktive, aber etwas schüchtern wirkende Frau sein, die bei der Lola-Verleihung über den roten Teppich lief?

Krasser Gegensatz in „Back For Good“: Als Angie kann Kim Riedle von allem nicht genug haben. Die Absätze können nicht hoch genug, die Brüste nie zu groß, das Make-up nie zu dick sein. Skandal, sagt sie einmal, ist ihr zweiter Vorname. Diese Angie ist der Inbegriff des Teppichluders. Und müsste sie, wie bei „Was bin ich?“, eine typische Handbewegung machen, es wäre der ausgestreckte Mittelfinger.

Ein C-Promi zurück im Heimatkaff

So hat sie es zum Reality-TV-Sternchen geschafft, aber auch bei ihrem letzten PR-Coup, der sie ins „Dschungelcamp“ bringen sollte, hat sie nicht genug kriegen können, in diesem Fall von Koks. Nun sitzt sie in einer Entzugsklinik, ist auch ihren Manager los, klingelt alle Bekannten an und fragt, ob sie bei ihnen übernachten könne. Aber keiner will. So ruft sie am Ende schweren Herzens, ihre Mutter an. Und kehrt in ihr Heimatkaff zurück.

Es ist vielleicht die schlimmste Demütigung in ihrem Leben, das, man ahnt es, an Demütigungen viel zu bieten hat. Die Mutter Monika (Juliane Köhler) hält sich, das ist fast schon zu viel des Klischees, mit dem Verkauf von Tupperware über Wasser und probt ansonsten mit ihren Freundinnen Country-Tänze. C-Promi Angie ist wohl die größte Berühmtheit, die das Provinzkaff je gehabt hat. Mit den aufreizenden Klamotten und dem schlampigen Gebaren ist sie hier der absolute Fremdkörper. Aber alle wissen bereits, dass sie beim nächsten „Dschungelcamp“ nicht dabei sein wird. Und lassen sie das auch hämisch spüren.

Aber da ist noch Kiki (Leonie Wesselow), die wesentlich jüngere Schwester, die Einzige, die sich über Angies Rückkehr freut. Kiki steckt mitten in der Pubertät, sie will nur geliebt werden, wird in der Schule aber gemieden und gemobbt. Ein Schicksal, das Angie nicht fremd scheint. Dass Kiki Epileptikerin ist und deshalb einen Schutzhelm tragen muss, macht die Sache nicht einfacher. Fast Hilfe suchend klammert sie sich an die große Schwester. Als die Mutter dann eines Tages einen Zusammenbruch erleidet und in die Reha kommt, muss Angie sich plötzlich um Kiki kümmern und erstmals Verantwortung übernehmen. Was natürlich bald zu folgenreichen Konflikten führt.

„Back For Good“ ist ein rohes Stück Kino, das wie aus dem Nichts gekommen plötzlich da ist. Auch Regisseurin Mia Spengler ist noch recht unbekannt, auch wenn sie schon mehrere preisgekrönte Kurzfilme gedreht hat. Und es brauchte zwei Jahre, bis ihr Abschlussfilm den Weg ins Kino fand.

Umso nachhaltiger wird er wirken. Dabei gibt die Regisseurin zu, dass diese Angie, die ihren Film so markant dominiert, erst mal nur eine Nebenfigur für ein anderes Projekt war. Doch sie konnte diese Angie nicht recht fassen, kam über ihre Oberflächlichkeit nicht hinaus. So hat sich Mia Spengler in die Materie eingearbeitet, in die Welt der Daniela Katzenbergers und Gina-Lisa Lohfinks. Hat auch die vielen Verletzungen und Brüche unter der Glamour-Attitüde ausgelotet, die nur wieder für die nächste Schlagzeile ausgeschlachtet werden. Und hat diese Frauen als Stereotyp unserer Gesellschaft erkannt, in der es oft nur noch um die reine Aufmerksamkeit geht und längst nicht mehr um irgendeinen Inhalt.

Es gelingt Spengler, diesen Typus herauszustellen, ohne sich über ihn lustig zu machen oder sich moralisch darüber zu erheben. Auch wenn diese Angie immer wieder die personifizierte Zumutung ist und noch die letzte zwischenmenschliche Regung mit Stöckelschuhen tritt, gelingt es der Regisseurin und ihrer toughen Darstellerin, die Brüche und Ängste hinter diesem dick aufgetragenen Schutzpanzer herauszukitzeln.

Männer spielen dabei fast gar keine Rolle. „Back for Good“ wird vor allem als Clash der Generationen erzählt, als Aufeinanderprall grundverschiedener Welten von Mutter und Tochter, wobei auch Juliane Köhler einen großen Auftritt hat. Und mit der kleinen Kiki kommt noch mal eine ganz andere Generation ins Visier, die in vielem die Entwicklung und die Brüche von Angie widerspiegelt.

Nur eines wollte die Regisseurin nie: Das Trash-Starlet mit ihrer verkümmernden Karriere als Opfer darstellen. Wie Menschen sich öffentlich zugrunde richten, das könne man ständig sehen, dazu müsse man nur die Glotze anschalten. Mia Spengler wählte einen anderen Weg. Und bringt das auf eine schöne Metapher: Für sie ist ihr Film auch „eine Ode an die Menschlichkeit – leise gesummt, während ein Autotune-Popsong aus dem Radio dröhnt“.

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