Film

Zwei eigenwillige Künstler erforschen ihr Land

Die Filmemacherin Agnès Varda und der Straßenkünstler JR bannen Gesichter auf Wände. Daraus ist ein faszinierender Film entstanden.

Foto: Weltkino

Sie geben ein originelles Paar ab, der große, schlaksige junge Mann mit Hut und Sonnenbrille und die kleine, rundliche alte Frau mit ihrem helmartigen Pagenschnitt. Egal vor welcher Landschaft, seien es die flachen Äcker in Frankreichs Norden oder die felsigen Erhebungen der Atlantikküste, die beiden sind oft ihr bestes Motiv.

Einen 33-jährigen Straßenkünstler mit einer 88-jährigen Filmemacherin gemeinsam durchs Land fahren zu lassen, diese Idee erinnert unweigerlich an das „arte“-Konzept „Durch die Nacht mit…“. Wer die Sendung kennt, wird wissen, dass dabei seltsamer Weise oft mehr herauskommt, als das betont lockere Format mit seiner gescripteten Widersprüchlichkeit zwischen Inszenierung und Spontaneität verspricht.

Augenblicke: Gesichter einer Reise“ beginnt dementsprechend putzig-verspielt, den ungeduldigen Zuschauer mit der neckischen Vorstellung der beiden Hauptfiguren fast ein bisschen nervend, aber mehr und mehr nimmt der Film Fahrt auf, wird zum Essay über Kunst und Leben, Glück und Arbeit, Erinnerung und Tod - mit einem emotional erschütternden Ende.

JR heißt der Straßenkünstler, und mehr, als dass er aus Frankreich kommt und mit riesigen Fotos bekannt wurde, die er auf Häuserwände und Fassaden aller Art aufzieht, weiß man über ihn nicht. Auch das bietet einen netten Kontrast zu Agnès Varda, über die es so viel zu sagen gäbe, schließlich macht sie seit fast 60 Jahren Filme, trug wesentlich zur französischen Nouvelle Vague bei, hat exzentrische Dokumentationen („Die Sammler und die Sammlerin“) und Meilensteine feministischen Kinoschaffens („Cleo“, „Vogelfrei“) gedreht.

Dass ihre Identität offen sichtbar ist und er seine hinter einer Sonnenbrille versteckt, bildet eine Art Running Gag. Immer wieder hört man, wie Varda JR auffordert, er solle endlich die Brille absetzen. Einmal erzählt sie, dass er sie an den jungen Jean-Luc Godard erinnere, der sein Gesicht seinerzeit auch gern hinter dunklen Gläsern versteckte.

Aber für sie habe er sie einmal abgenommen: während einer Stummfilm-Hommage, die sie mit ihm und seiner damaligen Freundin Anna Karina 1961 drehte. Und es ist von eigener Folgerichtigkeit, dass Varda mit JR am Ende des Films zu ihrem alten Freund Godard an den Genfer See reist. Wie diese Begegnung ausgeht, ist die wahre Überraschung dieses Films – und sein tatsächlich authentischster Moment.

Was davor kommt, ist leichtgewichtiger, aber unbestreitbar unterhaltsam. Varda und JR streifen durch französische Dörfer und begegnen dabei verschiedenen Menschen: Jungen Familienmüttern und verlassenen Einsiedlerinnen, Ziegenbauern alten und neuen Schlags, Hafenarbeitern, dem Bürgermeister eines Küstenorts und einem Jäger, den Varda schon vor 50 Jahren kennenlernte.

Nichts an der Auswahl will repräsentativ sein, selbst die sozio-ökonomischen Bedeutungen von wegen Veränderung der Arbeitswelt und kultureller Wandel treten immer wieder in den Hintergrund, wenn es darum geht, das ideale Foto für die ideale Fassade zu finden und dann erneut mit den Abgebildeten über ihre Gefühle angesichts der Kunst zu sprechen. Zwischendurch sprechen die beiden Künstler auch ein wenig über sich, sind dabei aber sehr zurückhaltend. Varda erwähnt eine Augenkrankheit, Stufen kommt sie auch nicht mehr so schnell hoch, aber in geistiger Vitalität steht sie ihrem jugendlichen Gegenüber in nichts nach.

Genau diese scheinbare Arglosigkeit verleiht dem Film seinen großen Charme. Er drängt dem Zuschauer keine Sichtweisen auf, er macht ihn zum Begleiter einer Suche nach Inspiration, Austausch und Erinnerung. Was ist, was soll Kunst, solche Fragen werden wie nebenbei beantwortet, im Gespräch zwischen zwei Menschen, im Dialog zwischen Realität und Abbildung.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.