Film

Tanz und Terror: „7 Days in Entebbe“

José Padilha zeigt die Flugzeugentführung von 1976 aus unterschiedlichsten Perspektiven. Und kreuzt ihn mit einer Tanzchoreographie.

Foto: Entertainment One

Am 27. Juni 1976 kaperte eine Gruppe palästinensischer und deutscher Terroristen die Air France Maschine 139, die sich auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris befand. An Bord waren rund 250 Personen, davon 80 ­israelische Staatsbürger. Die Terroristen wollten die Freilassung von palästinensischen Sträflingen aus israelischen Gefängnissen erzwingen.

Nach einem Zwischenstopp im libyschen Bengasi erreichte die Maschine die vormalige Hauptstadt Ugandas, Entebbe, wo die Geiseln in einem alten Terminal des Flughafens eingepfercht wurden. Die Terroristen stellten der israelischen Regierung ein Ultimatum von sieben Tagen, um ihre Forderungen zu erfüllen, und drohten an, anderenfalls mit der Erschießung der Geiseln zu beginnen.

Der Film zeigt alle Seiten und Facetten

Die historischen Fakten setzen einen dramaturgischen Rahmen, der schon einige Filmemacher inspiriert hat. Noch im Jahr der Entführung kam „Unternehmen Entebbe“ mit Anthony Hopkins, Burt Lancaster und Elizabeth Taylor in die Kinos, und im darauffolgenden Jahr versuchten sich die Produktionen „...die keine Gnade kennen“ und „Operation Thunderbolt“ an einer Aufarbeitung der Ereignisse. Nun hat sich mit José Padilha ein brasilianischer Regisseur des Themas angenommen, der 2007 mit „Tropa de Elite“ den Goldenen Bären der Berlinale gewann und 2014 ein aufwändiges Remake der „Robocop“-Story in die Kinos brachte.

Es ist der bislang beste Versuch, sich der Flugzeugentführung erzählerisch zu nähern. „7 Tage in Entebbe“ ist ein spannender und gut durchchoreographierter Film, der vielen Fehlern seiner Vorgänger souverän aus dem Weg geht.

Einer dieser Fehler bestand darin, die Befreiung der Geiseln durch das israelische Militär als Heldensaga zu erzählen, in der Yonatan Netanyahu, in Entebbe zu Tode gekommener Anführer der Operation und älterer Bruder des späteren israelischen Ministerpräsidenten, die Schlüsselrolle zufiel - so geschehen in „Unternehmen Entebbe“ mit Richard Dreyfuss als Yonatan. Das war zwar historisch vertretbar, verkürzte das hochkomplexe Geschehen aber auf eine Perspektive. Padilha macht es sich weniger leicht: Er interessiert sich für alle Seiten, und wichtiger noch: für die Facetten dieser Seiten.

Wir sehen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) nicht nur als zum Äußersten entschlossene Terroristen, sondern auch als entgeisterte Deutsche, die von ihren palästinensischen Mittätern dazu aufgefordert werden, israelische Staats­bürger zu selektieren – also genau das zu tun, wofür sie die Generation ihrer Eltern zurecht verurteilt haben. Wir sehen auf der israelischen Seite Yitzhak Rabin (Lior Ashkenazi) und Shimon Peres (Eddie Marsan), die in verschiedener Intensität mit den Fragen hadern, ob man mit Terroristen weiterhin grundsätzlich nicht verhandeln solle und um welchen Preis man eine militärische Operation riskieren könnte.

Wir sehen Idi Amin (Nonso Anozie), Ugandas so blutdurstigen wie gefürchteten Diktator, der aus der Lage für sich Kapital zu schlagen versucht und in alle Richtungen taktiert. Und wir sehen die Geiseln im Säurebad aus Überlebenshoffnung und ständiger Todesangst.

Weil eine Nebenfigur, ein israelischer Soldat, mit einer Tänzerin liiert ist, kann José Padilha immer wieder Tanzszenen einflechten, die seinem Film einen mitreißenden Rhythmus geben – und den Showdown an seinem Ende strukturieren. Es handelt sich um Ohad Naharims Performance „Echad mi Yodea“, bei der sich eine Gruppe von Tänzern, von Stühlen aufspringend, nach und nach ihrer schwarzen Kleidung entledigt – nur einer der Tänzer fällt immer wieder zu Boden. Das Deutungsangebot ist vielfältig und gerade in dieser Vielfalt wahrhaftig. Dieser spannende Film verfährt nach dem gleichen Prinzip. Das macht ihn sehenswert.

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